02. Mai 2020 – ein Datum, das in Spanien Geschichten erzählt

2 Mai, 2021
Ein Artikel von: Dagmar Grabsch

Es gibt Tage, da vergisst man nie, was man gemacht hat, weil das Datum ein besonderes ist. In Spanien ist der 02. Mai 2020 so ein Tag.

Nach sieben Wochen strenger Ausgangssperre war es am 02. Mai soweit, wir durften raus, uns bewegen. Das hatte tatsächlich etwas von der Aufgeregtheit des ersten Schultages. Im Grunde fehlte nur die Zuckertüte, aber Süßkram hatten wir ja genug gefuttert, in Zeiten der kompletten Ausgangssperre. Einen Kilometer von der Wohnung weg sollten wir ab heute spazieren gehen dürfen. Da die Polizei während der Ausgangssperre sehr streng kontrolliert hatte, ging ich auf Nummer Sicher und fragte Google, wo mein Radius denn aufhört. Ich wollte das Meer sehen, nach Wochen mal wieder. Aber ich ahnte, es würde nicht reichen, es würde wohl diesen Zentimeter zu weit weg sein.

Für den morgendlichen Spaziergang musste mir das das Meer egal sein. Ich wusste, dass ich da nicht weit komme, denn ich durfte nur in der Zeit von 6 bis 10 Uhr raus. Dies war das festgelegte Zeitfenster für meine Altersklasse. Zwar hatte ich den Wecker auf 8 Uhr gestellt, aber allein das Aufstehen dauerte bis 8.30 Uhr. Einfach nicht meine Zeit, dieses “am Morgen”. Für einen kleinen Spaziergang reichte es aber allemal und ich fühlte mich nach Wochen zum ersten Mal wieder so etwas ähnliches wie frei.

Das Nichtstun hat übrigens nicht einmal meinem inneren Schweinehund gefallen, auch der rief nach Bewegung, wollte am Abend sogar gleich walken gehen! Mein Kreislauf aber war dagegen. Der wusste, dass die vielen Wochen “Hausarrest” und die etwa acht Corona-Kilo mehr auf den Rippen der Walking-Sache nicht so dienlich gewesen wären.

Bis zum Meer waren es auf direktem Weg übrigens satte 1,8 Kilometer. “Mach das”, sagte mein innerer Schweinehund, “kannst ja vorgeben zu walken, wenn einer kommt”… “Lass das bleiben, das kostet eine riesen Strafe, denn walken packst du nicht”, sagte der Kreislauf. Und dann meldete sich auch noch der Verstand: “Zieh doch erstmal die Sportklamotten an, wenn die nicht passen, hast du eh verloren.” – naja, was soll ich sagen…

Es ging also am Abend noch einmal raus vors Haus. Gefühlt war die ganze Stadt unterwegs und wirklich niemand drehte nach einem Kilometer um. Ich ließ mich ziehen von dem Strom der Menschen. Die Avenidas runter, an der Plaça d’Espanya vorbei, um die große Kurve, weiter geradeaus… bis, ja bis ich nach 1,8 Kilometern das Meer sah. Und ich sah auch zwei Polizisten, die grinsend deutlich machten, dass sie genau wussten, dass all diese Menschen nicht am Paseo Marítimo wohnen konnten.
Dieses Gefühl von neu gewonnener Freiheit werde ich nie vergessen. Allerdings auch nicht das Gefühl von Demut, denn “Gesund sein dürfen”, war etwas ganz besonderes in diesen Tagen im Frühling 2020.

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