Mit dem “Roten Blitz” ins Sperrgebiet

20 Sep, 2020
Ein Artikel von: Dagmar Grabsch

Mallorca lädt besonders in dieser Jahreszeit zum Städtetrip ein – eigentlich. Auch eine Fahrt im “Roten Blitz” gehört für viele zum Mallorca-Urlaub dazu – eigentlich.

Heute nehme ich euch einmal mit auf eine ganz persönliche Reise durch meinen Kopf. Wir beginnen auf der Plaça d’Espanya, mitten in Palma also. Das ist in etwa da, wo ich wohne. Wer schon einmal auf Mallorca war, dürfte also wissen, wo mein Kopfkino beginnt.
Mein Film führt mich über die Avenidas, die Hauptverkehrsader Palmas, zum Bahnhofsgebäude des “Roten Blitz”.
Ein schöner Ort, eigentlich! Heute aber weckt er Erinnerungen. Erinnerungen an jene zwei Monate im Frühling, in denen wir eingesperrt waren. Die zwei Monate, in denen wir auf Mallorca zumeist weder das Meer sahen, noch die Freiheit hatten, zum Supermarkt unserer Wahl zu gehen, Freunde zu besuchen oder Sport zu machen. Nicht einmal einen simplen Sonntagsspaziergang durften wir machen.

Seit Freitagabend 22 Uhr kommt diese Situation wieder näher, gefährlich nah. Seit Freitagabend ist das Stadtviertel abgesperrt, welches direkt hinter der Ausfahrt des “Roten Blitz” aus dem Bahnhof beginnt. Noch wohne ich vor der “Absperrung”, aber wird das so bleiben? Die Situation macht was mit mir, löst etwas aus in meinem Kopf.

Unschöne und vor allem traurige Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an meine Nachbarn, die heimlich auf dem Häuserdach wie im Gänsemarsch spazieren gingen. Heimlich, weil auch das verboten war in der Zeit des Lockdowns. Raus um sich zu bewegen war wohl eines der Tabus, an welchem die meisten von uns am schwersten zu knabbern hatten.
Erinnerungen kommen hoch an die Zeit, in der ich nicht walken gehen konnte, nicht an “mein” Biogemüse kam und nicht zum Supermarkt meines Vertrauens durfte. Auch das Wichtigste im Frühling hatte mir Corona genommen, das Wandern über die Insel. Darauf freue ich mich jetzt, im Herbst. Sollte diese Freude wieder umsonst sein? Hab ich die Rechnung ohne Corona gemacht?

Bis zur Plaça d’Espanya war es eine fröhliche Walkingrunde, ich kam gut voran, übertraf mich selbst. Dann ist es soweit… ein beklemmendes Gefühl steigt in mir auf, ein Gefühl, welches ich fast vergessen hatte. Wieder eingeschränkt sein in der Bewegungsfreiheit, würde das uns alle nach und nach wieder treffen?
Ich nehme euch einmal mit auf dem Stück, bei dem mir jeder Schritt schwer fiel. Nehme euch mit auf dem Stück Strecke zwischen Freiheit und “eingesperrt” sein.

Von der Plaça d’Espanya zum „Corona-Sperrgebiet“

Wieder zurück, drehe ich mich noch einmal um, blicke zum “Roten Blitz”-Bahnhof und beende meine Walkingrunde. Nachdenklich gehe ich nach hause. Ich koche einen Kaffee und krame mir drei Zettel vor. Einer gehört dem Lidl, ein zweiter dem Aldi und der dritte dem Carrefour. Für die meisten von euch normale Orte und viele werden denken, ist die noch ganz dicht, was hat die vor?

Für mich bedeuten diese drei Zettel so etwas ähnliches wie Freiheit – die Freiheit, essen und trinken zu können, was ich möchte. Ich möchte vorbereitet sein für den Fall, dass ich nicht mehr einkaufen darf, wo ich will. Brot in verschiedenen “Formen und Farben”, Schwarzwälder Schinken, Gewürzgurken für lecker Kartoffelsalat (in Spanien hab ich noch keine gefunden, die zum deutschen Kartoffelsalat passen), mein geliebter Oikos Joghurt und andere Dinge finden so ihren Weg auf die Zettel und morgen auch in meinen Einkaufswagen.

Übertrieben? Kann man meinen, ja… aber wer so einen Lockdown nicht erlebt hat, der wird kaum verstehen, was das mit einem macht.

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