Vor einem Jahr – wie der Wahnsinn seinen Lauf nahm

9 Feb, 2021
Ein Artikel von: Kenny Deppe

Ein Jahr ist es jetzt her, dass auf Mallorca der erste Corona-Fall entdeckt wurde. Es war der zweite bestätigte Fall in ganz Spanien.

Vor einem Jahr geschah etwas auf Mallorca, von dem viele zwar schon irgendwo gelesen hatten, was aber keiner so recht ernst nahm. Das Coronavirus wurde bei einem Bewohner der Insel festgestellt. Spanienweit erst der zweite Fall. Der erste Fall überhaupt, bei einem Menschen der auch in Spanien lebte.
Heute bestimmt das Coronavirus unser aller Leben. In Deutschland, wie auch auf Mallorca, ist die Gastronomie geschlossen und es gelten strikte Kontaktbeschränkungen. Sobald man den Fernseher einschaltet oder online geht, gibt es fast nur noch ein Thema. Selbst in der Werbung werden Dienstleistungen und Produkte inzwischen mit „kontaktlose Übergabe“, oder „beseitigt Viren“ beworben. Völlig neu hinzugekommen, sind Werbungen für antivirale Masken und Notrationen für den heimischen Survival-Bunker. Sogar die immer fröhlichen Mainzelmännchen des ZDF tragen Maske und halten Abstand. Die Welt hat sich verändert.

R-Faktor? Klar, das Wort kennen wir. Inzidenzwert? Logisch! Auch sind wir inzwischen alle Experten darin, wie man Hände korrekt desinfiziert, FFP2-Masken im Backofen für die mehrmalige Verwendung thermisch desinfiziert und Aerosole aus geschlossenen Räumen bekommt. Wir reden wie selbstverständlich über Spike-Proteine, mRNA und wissen, was B.1.1.7 ist. Mit dem Wissen, hätten wir in Bio alle ein „sehr gut“ gehabt.
Wenn wir einen vollen Bus oder eine volle Bahn sehen, zeigen wir Unverständnis darüber, wie so etwas erlaubt sein kann. Wir haben sogar eine Meinung zur Impfstrategie, bei der es um nichts geringeres geht, als fast 450 Millionen Menschen in der EU ein Impfangebot zu machen. Ja, die Welt hat sich WIRKLICH verändert.

Vor einem Jahr begann es also auf Mallorca. Es kommt einem wie eine Ewigkeit vor. Wirklich über Corona geredet, hat man damals noch nicht. Das war irgendwas in China. In Wuhan, dieser Millionenmetropole, von der man vorher noch nie gehört hatte. Irgendwer wollte wohl eine Fledermaus auf einem Markt kaufen, daher soll das kommen. Auch in anderen Ländern Europas gab es bereits vereinzelte Fälle. Da war zum Beispiel Ende Januar der erste Fall in Deutschland, der aus seiner Quarantäne ein „Ich bin pumperlgsund. Wann darf ich hier wieder raus?“ in die Welt schickte. Warum Wuhan komplett abgeriegelt wurde, verstanden wir nicht.

Nur einen Monat später war es dann vorbei mit den vereinzelten Fällen. Was niemand ernst nahm, soll sich vom Skigebiet in Ischgl aus über ganz Europa verbreitet haben. Warum Wuhan abgeriegelt wurde, verstanden wir plötzlich. Und nicht nur das: Wir alle wünschten uns, man hätte dort schon viel früher dicht gemacht. Denn von jetzt auf gleich war die ganze Welt ein einziges Wuhan. Lockdown, Ausgangssperre, Kontaktverbot, Abstand halten, Grenzschließungen. Schöner Mist. Ein Monat hat gereicht, um von „pumperlgsunden“ Einzelfällen zur Pandemie zu kommen. Kurze Zeit später mussten in Italien die Toten im LKW abtransportiert werden und in den USA hob man Massengräber aus. Was wollte der Typ in Wuhan eigentlich mit der Fledermaus?

Zum Sommer hin besserte sich die Lage. Überall gingen die Zahlen runter und sogar Urlaubsreisen waren möglich. Klar, es gab da diese Virologen… Die haben irgendwas von einer zweiten Welle erzählt… Aber die haben ja auch vor der Vogelgrippe, dem SARS-Virus und der Schweinegrippe gewarnt – und die sind schließlich auch irgendwann verschwunden.
Nicht so COVID-19. Die zweite Welle kam. Auf Mallorca kam sie mitten im Hochsommer. Risikogebiet. Tourismus? Reden wir nicht mehr darüber…

Seitdem kannte man bei den Maßnahmen auf Mallorca nur eine Richtung: verschärfen. Es gab zwischendrin immer mal wieder kleine Lockerungen, doch inzwischen ist es uns in Fleisch und Blut übergegangen, überall die Maske zu tragen, vor Beginn der Ausgangssperre zuhause zu sein und unsere Vorräte im Blick zu behalten, weil man nie weiß, wann was wieder geschlossen wird.
Aktuell gehen die Zahlen auf Mallorca wieder stark nach unten. Erste Gespräche über (sehr!) vorsichtige Lockerungen gibt es auch. Und wie auch schon die letzten beiden Male, warnt unser Vorsitzender des Komitees für Infektionskrankheiten vor der nächsten Welle. Hätte man uns vor einem Jahr erzählt, dass uns auch das heute nicht mehr schockt… ich denke wir hätten davon kein Wort geglaubt. Die „neue Normalität“, also die ganz furchtbare Wortschöpfung (was ist daran bitte „normal“?) von der wir vor ein paar Monaten noch nichts wissen wollten, ist Realität geworden.

In dem Sinne: Auf das der Spuk bald ein Ende hat und wir uns noch schneller wieder an die alte Normalität gewöhnen, als es uns mit der neuen gelungen ist.

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