Martin fühlt sich nach mehreren gescheiterten Ehen und langjährigen Beziehungen immer wieder als Ausgenutzter — insbesondere von Partnerinnen, die er als narzisstisch beschreibt. In der Therapie zeigt sich schnell, dass die Wiederholung dieses Musters nicht allein an den Frauen liegt, sondern an tief verwurzelten Beziehungserwartungen aus seiner Kindheit.
Wie die Sitzungen die Perspektive verschoben
Als der Mann aus Berlin erstmals zur Psychotherapeutin Lisa Zimmermann kommt, bringt er eine klare Vorstellung mit: Er sei das Opfer manipulativer Partnerinnen. Seine Lebensbilanz – drei Ehen, eigene Kinder, die Verantwortung für Partnerkinder und gemeinsam gebaute Häuser – verstärkt das Gefühl, ausgenutzt worden zu sein.
Doch bereits nach wenigen Gesprächen ändert sich die Fragestellung. Zimmermann leitet ihn behutsam dazu an, nicht nur die Verhaltensweisen der Ex-Partnerinnen zu untersuchen, sondern auch wiederkehrende Reaktionsmuster in seinem eigenen Verhalten. Die Erkenntnis: Wer immer wieder dieselbe Beziehungskonstellation anzieht, trägt oft selbst ein entscheidendes Stück zur Dynamik bei.
Persönliche Vorgeschichte als Schlüssel
Im Verlauf der Therapie wird deutlich, dass Martins Kindheitserfahrungen seine späteren Bindungen prägen. Bedürfnisse nach Anerkennung, Angst vor Verlassenwerden und die Tendenz, Verantwortung zu übernehmen, schaffen eine anhaltende Anfälligkeit für Machtspiele in Partnerschaften.

Therapeutische Arbeit bedeutet hier nicht Schuldzuweisung, sondern das Erkennen von Automatismen: Welche Erwartungen hat er an Nähe? Wann übersieht er Warnsignale? Und wieso interpretiert er bestimmte Verhaltensweisen automatisch als Missbrauch?
Konkrete Folgen im Alltag
Das Ergebnis der Selbstreflexion ist pragmatisch: Wenn jemand beständig das Gefühl hat, ausgenutzt zu werden, leidet darunter nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern oft auch das Beziehungs- und Familienleben der Beteiligten. Entscheidungen, die aus alten Mustern heraus getroffen werden, können finanzielle, emotionale und rechtliche Konsequenzen haben.

- Wiederholung statt Lösung: Gleiche Rollenverteilungen (Versorger, Retter) stabilisieren problematische Partnerschaften.
- Überidentifikation mit Helferrollen: Wer Verantwortung übermäßig übernimmt, ignoriere oft die eigenen Grenzen.
- Fehlende Konfliktkommunikation: Unausgesprochene Erwartungen führen zu Eskalationen und Missverständnissen.
- Kinder als Bindemittel: Gemeinsame Kinder oder finanzielle Verflechtungen erschweren klare Trennungen.
Was das für Leser heute bedeutet
Vor dem Hintergrund wachsender Aufmerksamkeit für psychische Gesundheit ist der Fall kein Einzelfall. Viele Menschen erkennen Beziehungen erst im Nachhinein als schädlich — oder sehen sich wiederholt in ähnlichen Verstrickungen. Das hat Bedeutung für alle, die sich fragen, warum Beziehungen nicht funktionieren, obwohl die Partner auf den ersten Blick nicht „problematisch“ erscheinen.
Therapie kann helfen, wiederkehrende Muster aufzudecken und neue Verhaltensweisen zu erproben. Dabei geht es weniger darum, einen „Schuldigen“ zu finden, als darum, die eigene Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Praktische Hinweise aus der Fallarbeit
Aus Martins Therapie lassen sich einige pragmatische Schritte ableiten, die Leserinnen und Leser in eigenen Beziehungen prüfen können:
- Reflektieren Sie frühere Partnerschaften: Gibt es Gemeinsamkeiten in Rollen und Abläufen?
- Setzen Sie Grenzen und prüfen Sie, ob Sie sie konsequent verteidigen.
- Suchen Sie Begleitung – Gespräche mit einer neutralen Fachperson schaffen Abstand und Perspektive.
- Achten Sie auf die Balance zwischen Fürsorge und Selbstschutz: Verantwortung übernehmen ist wichtig, Selbstaufgabe nicht.
Der Fall zeigt, wie schnell eine einseitige Opferrolle zu einem Teil der eigenen Identität werden kann – und wie hilfreich es sein kann, diese Identität zu hinterfragen. Wer seine Muster kennt, hat bessere Chancen, künftig ausgewogenere Beziehungen zu wählen.
Martins Name und einige Details wurden aus Schutzgründen geändert; die zugrundeliegenden Dynamiken sind in vielen Therapien wiederkehrend. Menschen, die sich in ähnlichen Situationen wiederfinden, können von professioneller Unterstützung profitieren, um alte Automatismen zu erkennen und neue Beziehungsoptionen zu entwickeln.
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Johanna Feldner ist Paartherapeutin und bietet praktische Ratschläge, um Beziehungen stark und harmonisch zu halten. Sie glaubt, dass Kommunikation der Schlüssel zu einer erfüllten Partnerschaft ist.
