Disruptiver Pseudo-Geist erobert Eisdiele: Moderne Trends treffen traditionelle Genüsse!

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Von : Larissa Vogler

Der disruptive Pseudo-Geist der Gegenwart hat die Eisdiele erreicht

Die moderne Eisrevolution hat begonnen

Die Zeiten des klassischen Spaghettieises sind vorbei. Heutzutage dominieren Bowls, Currywurst-Eis und Aktivkohle-Vanille-Scoops das Sortiment der Eisdiele, und das nostalgische Sommergefühl scheint verflogen. Eine Reflexion darüber, warum nicht alles neu erfunden werden muss.

Im Eiscafé Venezia in Erlangen gibt es jetzt „Gelato Bowls“. Diese tragen kreative Namen wie „Mr. Choc“, „Caramel & Crumble“, „Love U Cherry Much“ und „Harte Nuss“. Zudem bieten sie ein Franzbrötchen-Eis in Kooperation mit der lokalen Bäckerei Gulden an. Über all dem hängt ein in Neonlicht getauchtes Herz, das aussieht wie eine Kombination aus einer Dalí-Uhr und schmelzendem Eis.

Die Ausstellung von Disruption hat ihren Weg von den Silikon-Nasen des Silicon Valley über die geölten Motorsägen Argentiniens bis hin zur kleinen Eisdiele in der Provinz gefunden. Alles wird neu gedacht – nun auch das Eis. Doch eigentlich ist Eis, ähnlich wie Sex, eine zeitlose Schönheit. An einem klassischen Eisbecher mit Sahne muss man grundsätzlich nichts neu erfinden. Die Bowls in Erlangen sind eher eine semantische Neuerfindung. Es sind im Grunde genommen klassische Eisbecher, die lediglich in flacheren, schwarzen Schalen serviert werden. Dennoch, das diffuse nostalgische Sommergefühl, das scheint irgendwie verloren gegangen zu sein.

Es tropft selbstverschwenderisch auf die Haute Couture

Die Band Element of Crime, unter der Leitung des Schriftstellers Sven Regener, veröffentlichte 2009 das Lied „Am Ende denk ich immer nur an dich“. Es handelt nicht direkt von einer Eisdiele, aber von einer Situation mit Eis. Eine Mutter stolpert über das Bein ihres Kindes, das „ein Erdbeereis in seiner rechten Hand“ hält, „das bedenklich schräg nach vorne in seiner Waffel hängt und sich selbstverschwenderisch auf die Haute Couture am Körper des Stolzes seiner schönen Eltern tropft, und dort zu Dreck wird, genau wie ich bei dir.“

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Ich denke an Carmen, die in der Hauptschule war und mir in der fünften Klasse eine Rose schenkte. Ich lud sie daraufhin zum Eis ein. Ich sehe ein Fünfmarkstück in meiner Hand, dann Euro-Münzen. Ich sehe, wie das weiße Vanilleeis aus der Maschine gleitet, die dünnen Servietten im Chromständer auf der Theke, die Schlange, die Kinder an den Händen ihrer Eltern. Ich sehe die älteren Damen beim Eiskaffee, beim Schwedeneisbecher, beim Banana-Split. Ich sehe sie West-Zigaretten rauchen und Cappuccino trinken. Ich sehe eine Kugel Schokoladeneis von meiner Waffel in Zeitlupe auf den Boden fallen. Ich versuche verzweifelt, sie irgendwie wieder sauber auf die Waffel zu legen. Ich schmecke die Steinchen und den Staub der schmutzigen Eiskugel. Ich sehe den zum Tode verurteilten Eisbecher Pinocchio, wie er in der Sonne seinen letzten Atemzug tut, zum Blobb wird und dann zur Blutlache.

George Washington und seine Liebe zur Eiscreme

Früher war Eis ein absurder Luxus, der Reichen vorbehalten. Der erste amerikanische Präsident, George Washington, war ein großer Liebhaber von Eiscreme. Auf seinem Anwesen in Virginia, genannt Mount Vernon, liegt der große Fluss Potomac. Wenn dieser zufrieren würde, mussten Sklaven und Arbeiter große Eisblöcke herausbrechen und in Sägespäne und Stroh packen, damit Washington bereits in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts bis in den Juni hinein Eis essen konnte. 1784 erwarben Washington und seine Frau sogar eine „Cream Machine for Ice“ für „One pound, thirteen shillings and three pence“, laut der George Washington Presidential Library. Washington mochte nicht nur süßes Eis; auf der Homepage von Mount Vernon wird sogar das Rezept eines Parmesan-Eises aufgeführt.

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In München eröffnete Matthias Münz 2012 unter dem Namen „Der verrückte Eismacher“ sein erstes Geschäft. Er setzt auf ungewöhnliche Eissorten wie Gorgonzola-, Weißwurst- oder Currywurst-Eis. Dies war allerdings nicht wirklich neu, sondern nur „neu gedacht“. Diesen Trend setzen die zeitgenössisch verbreiteten „neuen“ Eisdielen fort, die sich jetzt „Eismanufaktur“, „Eiswerkstatt“, „Eislabor“ nennen. Sie betonen einerseits traditionelle Werte wie Handwerklichkeit, andererseits speisen sie sich aus einem ultra-zeitgenössischen Bewusstsein.

Die nostalgische Aufladung der Eisdiele ist damit verloren gegangen. Die 60er-Jahre, der Sahne-befeuerte Wohlstand, sollen bilderstürzend auf den Trümmerhaufen der kulinarischen Geschichte geworfen werden. Aber welche Gefühle erzeugen diese Eisdielen? Werden sich die Kinder von morgen an Açai-Sorbet, an Aktiv-Kohle-Vanille- und Basilikum-Olivenöl-Eis erinnern? Ich glaube nicht. Diese Eissorten werden genauso vom Himmel fallen wie Dorothee Bärs Fantasie von Flugtaxis. Ein „Ave-Maria“ oder ein „She Loves You“ der Beatles ist für die Ewigkeit. Drei Kugeln gemischtes Eis mit Sahne ebenso.

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