Lässt Hirnfäule eine ganze Generation verblöden?
Millionen Jugendliche verschlingen täglich animierte Kurzclips mit skurrilen Charakteren und absurden Geschichten – der Anfang machte eine deutschsprechende Taube. Dieses Phänomen wird als Brainrot bezeichnet und ist längst mehr als ein unschuldiger Trend in den sozialen Medien.
Eine Taube liegt im Bett, als plötzlich drei Pinguine die Tür mit Baseballschlägern eindringen. „Oh, eine Schlafparalyse“, spricht die Taube mit einer unbeholfenen KI-Stimme. „Nein, das ist ein Überfall, du Trottel!“, korrigieren die Pinguine. „Ich ziehe meinen Telefonjoker und rufe die Polizei“, kontert die Taube. Die Melodie von „Wer wird Millionär?“ ertönt, und eine Kuh in einer Polizeimütze erscheint, fragt: „Was kann ich für Sie tun?“ „Einbrecher!“ „Wir verkaufen keine Eisbecher!“ „Verdammt!“
Das Video mit dem Titel „Schlafenszeit“ wurde auf TikTok allein über 25 Millionen Mal angesehen. Es ist nur ein Beispiel von unzähligen für einen neuen Trend in den sozialen Medien, der bewusst Sinnlosigkeit zelebriert und süchtig macht: Brainrot, übersetzt Hirnfäule, definiert ein Genre von Videos, die meist kürzer als eine Minute sind und insbesondere bei jungen Nutzern in Dauerschleife laufen. Im besten Fall parodieren diese Clips Sprache, Popkultur und lokale Eigenheiten und nutzen den Surrealismus als Stilmittel. Im schlimmsten Fall sind sie ein Vehikel für extremistische Propaganda, die unbemerkt das Unterbewusstsein von Kindern und Jugendlichen infiltriert.
Der Begriff Brainrot wurde erstmals 1854 vom amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau verwendet, um den seiner Meinung nach fortschreitenden Verfall intellektueller Standards zu kritisieren. Hirnfäule als Analogon zur damals grassierenden Kartoffelfäule. In den letzten zwei Jahren haben Jugendliche den Begriff ironisch übernommen, um den Zustand zu beschreiben, den man nach stundenlangem Durchscrollen von Social Media empfindet. Das Oxford English Dictionary hat Brainrot zum Wort des Jahres 2024 ernannt.
Brainrot hat regionale Varianten hervorgebracht: Ende 2024 tauchten erstmals Videos mit einer deutschsprechenden Taube auf. Für Daniil Obogrelov, Vertriebsleiter bei der Berliner Influencer-Agentur Enkime, bleibt dies ein rätselhaftes „Phänomen“. Niemand wisse, welche Bedeutung die Figur habe oder wo sie herkomme, dennoch seien alle auf diesen Trend aufgesprungen. Das war die Geburtsstunde von German Brainrot. Als die Popularität der Tauben-Videos wuchs, erkannte Obogrelov deren kommerzielles Potenzial, verpflichtete die drei einflussreichsten German-Brainrot-Schöpfer für Enkime und vernetzte sie mit seinen Kunden.
Die Taube macht inzwischen auch Werbung: Manchmal sieht man sie bei Lidl einkaufen, wo sie zusammen mit dem Sparfuchs Schnäppchen bestaunt, oder sie poliert im Frühjahrsputz buchstäblich die Preise, um zu demonstrieren, dass sich ein neuer Vodafone-Vertrag lohnt. Große Unternehmen zahlen Enkime hohe Summen dafür, dass ihre Marken in den Videos, die ohnehin Millionen Menschen erreichen, erwähnt werden. Wie viel genau, möchte Obogrelov nicht preisgeben, ebenso wenig, wer dafür bezahlt hat, dass die Taube vor der Bundestagswahl zum Wählen aufrief.
Obogrelov betont, dass seine Schöpfer, die zum Teil noch zur Schule gehen und anonym bleiben möchten, sich in erster Linie als Künstler sehen. Sie würden die Tauben-Videos nicht einfach durch einen Befehl an die KI erstellen, sondern alles selbst zusammenschneiden. „Die sitzen manchmal 16 bis 20 Stunden an einem einzigen Video. Trotz der Absurdität der Clips ist ein kohärenter Handlungsverlauf notwendig. Es muss irgendwie spannend sein und einen Sinn im Unsinn haben, sonst würden die Leute nicht dranbleiben“, erklärt Obogrelov. Die Clips werden komisch und bizarr, indem unerwartet und kontextlos Elemente aus Bereichen der deutschen Jugendkultur eingebaut werden, von Döner bis Angela Merkel („Sie ist einfach Kult!“, meint Obogrelov).
Die Zeichen in den Videos sind nicht immer sofort zu erkennen. Offensichtlich ist jedoch ein Wahlplakat für die AfD-Politikerin Alice Weidel, das an der Bushaltestelle der Taube hängt. Das Video erschien wenige Wochen vor der Bundestagswahl; der Kommentar mit den meisten „Likes“ lautete: „Deshalb blaues Herz.“
Die Charaktere entwickeln ein Eigenleben. Jeder kann eine andere Geschichte mit ihnen erzählen. Wer bisher Micky Maus unautorisiert in einem Kriegsfilm einsetzte, musste mit einer Unterlassungsklage von Disney rechnen. Bei Brainrot überwacht niemand, was die Figuren tun; alles ist „open source“, also frei verfügbar und manipulierbar. „Du kannst machen, was du willst“, bestätigt Obogrelov. Das macht Brainrot für Extremisten besonders attraktiv.
Sie erreichen eine junge Zielgruppe, der sie durch die stumpfsinnigen, aber eingängigen Videos ihre Botschaften einprägen können. Bald könnte auf deutschen Spielplätzen nicht mehr über Sam, den Feuerwehrmann, sondern über den knuffigen Adolfino Hitlerino gesprochen werden. Auch ausländische Akteure können mit Brainrot ihre Propaganda und Fake News direkt in deutsche Jugendzimmer senden. Auf TikTok wurde Trump als geniale Garnele, die Korallenriffe wieder großartig machen will, ebenso millionenfach angeklickt wie Putin als Hüter des Waldes oder die menschgewordene Kampfmaschine Selenskyj.
Obogrelov glaubt, dass die meisten Zuschauer Brainrot nicht ernst nehmen. „Wenn es ein Brainrot-Video gäbe, in dem Weidel und Habeck gegeneinander kämpfen und am Ende Weidel gewinnt, würden die Leute das nicht als pro Weidel interpretieren, sondern einfach nur lustig finden“, meint er.
Bisher gibt es zu Brainrot keine abgeschlossene Forschung, dafür ist der Trend noch zu neu. Der Informatiker Ahmed Fahmy, der Studien zu den Folgen übermäßiger Social-Media-Nutzung ausgewertet hat, stellt jedoch bereits jetzt fest: „Übermäßiger Konsum von minderwertigen, wenig herausfordernden Online-Inhalten führt zu einem allmählichen Abbau kognitiver Funktionen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeitsspanne und Problemlösungsfähigkeiten sowie zu einer geistigen Erschöpfung und emotionalen Abstumpfung.“ Zudem zeigen seine Forschungsergebnisse, dass bei lang anhaltendem Konsum von satirischen Clips die Grenze zwischen Parodie und Realität verschwimmen kann – insbesondere bei Jugendlichen, deren kognitive Steuerung sich noch in der Entwicklung befindet.
Dass Plattformen wie TikTok auf „passiven Konsum“ in Form von ziellosem Scrollen ausgelegt sind, so Fahmy, verringert eine reflektierte Auseinandersetzung mit den Inhalten. Das erschwert es, die Absicht dahinter zu erkennen. Lässt Brainrot eine ganze Generation verblöden? Wohl kaum, denn natürlich kommt es wie bei allem auch beim Konsum dieser Clips immer auf das Maß an. Das ändert nichts daran, dass etliche Untersuchungen belegen, dass das ständige Starren auf den Bildschirm die Konzentrationsfähigkeit Heranwachsender beeinträchtigt. Der Neurowissenschaftler Christian Montag, der das Suchtpotenzial von Brainrot vor allem in der leichten Konsumierbarkeit sieht, verweist auf eine im Februar 2025 veröffentlichte Studie. Danach führt bereits ein zweiwöchiger Verzicht auf die Internetverbindung des Smartphones zu mehr Wohlbefinden und einer verbesserten Aufmerksamkeit.
Selbst Daniil Obogrelov, der mit seiner Influencer-Agentur Enkime gutes Geld an Brainrot verdient, erkennt kognitive Risiken: „Du sitzt da stundenlang und guckst und guckst, aber erinnerst dich danach an nichts mehr.“
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.