„Das Album ist für mich bis heute schwer anzuhören“
Peter Saville, bekannt für einige der markantesten Albumcover der Musikgeschichte, die er für Bands wie Joy Division und New Order entwarf, hat auch in der Modebranche Spuren hinterlassen. Nun widmet er sich der Gestaltung exklusiver Textilien für das dänische Unternehmen Kvadrat. Doch wie hat er diesen Weg eingeschlagen?
Es ist ein später Vormittag im Berliner Bistro „Manzini“ in Charlottenburg. Peter Saville und seine Lebensgefährtin, die Künstlerin Anna Blessmann, genießen ihr Rührei. Das Gespräch kommt auf seine Tätigkeit für Kvadrat, doch Saville beginnt unvermittelt und noch vor dem zweiten Espresso von seiner Zusammenarbeit mit dem Modedesigner Yohji Yamamoto und einer problematischen Kollektion zu berichten. Savilles Art zu sprechen ist lebhaft und fesselnd, und nach zweieinhalb Stunden ist noch keine Langeweile aufgekommen.
WELT: Was fanden Sie an der Zusammenarbeit mit Yamamoto besonders interessant?
Peter Saville: Er hat mir künstlerisch freie Hand gelassen. Er hat nie konkret gesagt, was er wollte.
WELT: Warum glauben Sie, hat er das nicht getan?
Saville: Yamamoto hat eine sehr zen-artige Einstellung. Nach einer Show in Paris meinte er nur: „Ich bin müde, ich fliege zurück nach Tokio. Überrascht mich!“ Er war wohl neugierig, was ich aus seiner Vorlage machen würde. Aber letztendlich musste es ihm gefallen. Ich schickte ihm meine Entwürfe, und dann hieß es oft warten. Wenn ich nach einer Woche anrief, war die Antwort manchmal einfach: „Nein. Hast du was anderes?“ Das ist herausfordernd, besonders wenn eine Deadline drückt.
WELT: Ärgert es Sie, wenn Sie ein „Nein“ hören?
Das Gespräch verlagert sich nun nach draußen. Ein Passant bittet um Geld, das Saville ihm ohne Zögern gibt.
Saville: Ich bin in einem wohlhabenden Viertel in Manchester aufgewachsen. Mein Vater hatte ein erfolgreiches Geschäft, doch irgendwann war das Geld weg. 1994 zog ich nach Los Angeles, aber meine Pläne scheiterten. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich kein Geld. Ich musste anfangen, meine Sachen zu verkaufen. Ich wusste, ich brauchte täglich 25 Dollar. Ich ging zu Plattenfirmen, zu Geffen, Virgin, bat sie um CDs. Das hatte ich vorher nie getan. Seitdem gebe ich jedem, der fragt, etwas Geld.
WELT: Trotzdem waren Sie zu dieser Zeit bereits ein weltweit bekannter Grafikdesigner, oder?
Saville: Ich habe nie wirklich Geld verdient. Mit Albumcovern wird man nicht reich. Ich begann 1974 an der Kunstschule und wusste nicht genau, was ein Grafikdesigner tut, aber ich liebte Plattencover. Sie waren für mich eine zugängliche Form der Pop-Art. Mich beeindruckten das weiße Album der Beatles und das Cover von „Rubber Soul“. Dann sah ich die Cover von Roxy Music und das deutsche Autobahn-Schild auf dem Album „Autobahn“ von Kraftwerk. Das Logo von Factory Records, ein Bauarbeiter mit Gehörschutz, bezog sich direkt darauf. Ich wusste nichts über Kunstgeschichte, außer Pop Art. Die Ästhetisierung des Alltäglichen faszinierte mich und meine Freunde. Also ging ich zur Kunstakademie, um zu lernen, wie man Plattencover gestaltet.
WELT: Sie haben sich nie die Musik der Alben angehört, die Sie gestaltet haben. Wie wussten Sie, welches Cover das richtige war?
Saville: Normalerweise gibt es ein Bandmitglied, das sich für das Cover interessiert und die anderen vertritt. Bei Pulp ist es Jarvis Cocker, bei den Rolling Stones war es Charlie Watts.
WELT: Er hat den Fotografen Robert Frank für „Exile on Main Street“ ausgewählt?
Saville: Ja, genau. Er war sehr nett und hat mich zum Tee im „Ritz“ eingeladen. Das Cover mit mir kam nie zustande. Letztendlich hat Mick Jagger entschieden.
WELT: Sie haben das Cover für eines meiner Lieblingsbücher gestaltet, „1979“ von Christian Kracht. Es zeigt ein Blau, das sich in ein orangefarbenes Feuermeer verwandelt. War das die Idee dahinter?
Saville: Ich hatte das Buch nicht gelesen. Christian kam wahrscheinlich mit einer Idee, die sich auf frühere Arbeiten von mir bezog. Was ich weiß: Mit Buchcovern verdient man noch weniger als mit Plattencovern. Wäre ich prozentual an den Alben beteiligt, deren Cover ich gemacht habe, hätte ich ein sorgenfreies Leben. Bei Factory Records war das anders. Wir wollten nie Geld damit machen. Die Kosten waren gering: „Unknown Pleasures“ von Joy Division kostete 10.000 Pfund. Bernard Sumner fand dieses Bild von den Wellen, die ein Pulsar aussendet. Ich hörte die Musik das erste Mal, als ich das Cover fertiggestellt hatte. Schon beim zweiten oder dritten Song wusste ich, dass ich an einem historischen Album beteiligt war.
WELT: Woher wussten Sie das?
Saville: Man kann einen Top-10-Hit sofort erkennen. Bei „Love Will Tear Us Apart“ von Joy Division wusste ich sofort, dass das die Single war.
WELT: Lässt einen das Cover die Musik anders hören?
Saville: Absolut. Bei „Unknown Pleasures“ stellt das Bild Fragen: Ist es eine akustische Welle? Ist es ein Herzschlag? Ist es eine Landschaft oder ein Orgasmus? Und 45 Jahre später kaufen Tausende T-Shirts mit dem Cover. Es sieht nicht altmodisch aus, weil es Daten zeigt. Das Sonnensystem ändert sich auch nicht.
WELT: Ich muss jetzt einen riesigen Sprung machen. Es gibt ein Bild von Schafen mit farbigen Markierungen, das der Ausgangspunkt für Ihre Kollektion für Kvadrat ist. Was hat es damit auf sich?
Saville: Ich habe irgendwann beschlossen, dass ich Menschen nicht dabei helfen will, minderwertige Produkte zu verkaufen. Eine Zeit lang dachte ich, ich könnte ein Künstler werden. Aber das ist eine andere Geschichte. 2004 übernahm Anders Byriel Kvadrat von seinem Vater. Ich hatte noch nie von der Firma gehört. Anders kannte meine Arbeit, und wir beide hatten das Gefühl, dass es für mich etwas zu tun gab bei Kvadrat. Das Unternehmen ist einfach ein sauberes Familienunternehmen. Ich habe keinen Fehler finden können.
WELT: Das war das gleiche Jahr, in dem der Modedesigner Raf Simons Ihre alten Plattencover auf Parkas drucken ließ.
Saville: Ganz genau. In den 20 Jahren, die Kvadrat und ich zusammenarbeiten, fragten sie mich immer wieder, ob ich eine Kollektion entwerfen wollte. Aber ich wusste nicht, wie Textildesign funktioniert.
WELT: Wir haben irgendwie die Schafe verloren.
Saville: Als ich klein war, sind wir an die Nordküste von Wales in den Urlaub gefahren. Nach ihrer Pensionierung lebten meine Eltern dort. Wenn ich sie besuchte, wohnte ich auf der Farm eines alten Freunds. Dort sah ich diese Schafherden mit den Sprayspuren im Fell. Sie signalisieren Besitzer, Alter, Gesundheit und Impfungen. Durch meine Arbeit für Kvadrat hatte sich meine Beziehung zu Schafen und Wolle intensiviert. Ich mochte die Farben in dem Fell, das war wie ländliches Graffiti. Und mein Gedanke war: Was wäre, wenn diese Farben durch den Produktionsprozess durchkommen und auf deinem Sofa landen? Auf einem Naturbeobachter-Blog hatte ich die Frage gelesen: „Was haben diese Technicolor-Schafe in der Natur verloren“. Deswegen heißt die Kollektion „Technicolor“.
WELT: Jetzt ist daraus ein ganzes Farbkonzept geworden, richtig?
Saville: Im letzten Jahr haben wir das überarbeitet, in Zusammenarbeit mit Wooltex, einer Wollmühle in Nordengland. Ich wollte alles auf den Grundfarben aufbauen, die beim Druck eingesetzt werden: Cyan, Magenta, Yellow. Wir haben das erweitert und die sechs Schafherden-Signalfarben genommen, dazu die vier natürlichen Wollfarben Weiß, Beige, Braun und Schwarz. Aus diesen Tönen lässt sich jede Farbe komponieren. Das ist sehr effizient in der Produktion. Und es bleibt ein Element der Unberechenbarkeit und Ungleichmäßigkeit, das beim Weben entsteht. Technisch kann ich das nicht erklären, aber konzeptionell gefällt mir das. Ein Meter Blau ist nicht einfach ein Blau, sondern besteht aus Grau, Blau, Hellblau, Beige. Es moduliert. Vergleichbar vielleicht mit Tweed. Auch der Baum dort drüben besteht nicht nur aus einem Grün. Und das Meer hat nicht nur eine Farbe.
WELT: Ist es ein Unterschied zwischen der Arbeit für einen Modedesigner wie Virgil Abloh oder für Kvadrat?
Saville: Mit Virgil habe ich nie gearbeitet. Alles von ihm, was nach mir aussieht, hat er selbst gemacht. Als wir später für ein Telefonat verabredet waren, sah ich mir zur Vorbereitung Videos von seinen Off-White-Modenschauen an. Eine Show fand statt in einem Raum, den ich mal für eine Lacoste-Präsentation benutzt hatte. Während die Zuschauer eintrafen, hörte man über Lautsprecher eine Stimme. Ich dachte: „Was ist das? Klingt wie der Quatsch, den ich erzähle.“ Tatsächlich war es die Aufnahme eines Interviews, das ich mal gegeben hatte. Virgil spielte das ab.
WELT: Ist das legal?
Saville: Was ist schon legal? Und die Off-White-Mode sah aus wie Merchandising von der Hacienda und Factory Records. Ich war sprachlos.
WELT: Waren Sie wütend?
Saville: Darüber war ich schon hinweg. Und ich konnte ihm nicht böse sein. Er konnte ein offener, charmanter, intelligenter Mann sein. Großartiger Spin-Doctor.
WELT: Er hatte diese Ein-Prozent-Theorie. Man müsse bei einem vertrauten Objekt nur ein Detail ändern, um es wieder interessant zu machen.
Saville: Sehr klug, aber fehlerhaft. Ihm hat man viel durchgehen lassen. Es gibt keine Kritik an der Mode mehr. Die Medien gehören den Marken. Und keiner will etwas Negatives hören. Die Verschmelzung von Mode, Musik und Kunst, von der wir in den 70ern geträumt haben, ist eingetroffen. The big flat now – das große, flache Jetzt.
WELT: Hat Ihnen das die kreative Arbeit verleidet?
Saville: Nein. Und ich muss noch Geld verdienen. Das junge Publikum meiner frühen Jahre sitzt heute in den Entscheiderstühlen. Jetzt geben mir die Leute Jobs, die damals meine New-Order-Platten kauften.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.