„Prinzessinnen-Behandlung“ oder „Minimalanforderung“? Wichtig ist: Gentleman!
In sozialen Netzwerken entbrennt unter der Generation Z eine Debatte: Wird es zur „Prinzessinnen-Behandlung“, wenn er ihr die Tür öffnet, Blumen überreicht oder den Einkaufsbummel zahlt – oder ist das lediglich die Grundvoraussetzung? Die Antworten sind vielversprechend.
Zwei junge Männer zögern nicht mit ihrer Meinung: „Minimalanforderung“, so ihre Einschätzung, ob es sich um eine Behandlung wie für eine Prinzessin handelt oder nur um das Nötigste, wenn er sie im Auto abholt und höflich die Tür öffnet. Vor allem bei den ersten Verabredungen sei dies ein guter Eindruck und einfach nur höflich, erklärt einer der beiden.
„Ihr seid eben Generation Z“, meint die Interviewerin, die als Millennial solche Gesten „irgendwie ein bisschen übertrieben“ findet. Uneinigkeit herrscht bei der Frage, ob sie im Restaurant das Essen austauschen würden, sollte es ihr nicht schmecken, was sie bestellt hat. Für den einen ist das die Minimalanforderung, der andere würde sein Essen „nur“ teilen.
„Prinzessinnen-Behandlung“ oder „Minimalanforderung“?
Dieses Ende August auf Instagram veröffentlichte Video von Sonia Sofianidou, das etwa 300.000 Mal angesehen wurde, ist nur ein Beispiel für einen seit Monaten anhaltenden, internationalen Trend, bei dem es um berechtigte Ansprüche, hohe Erwartungen und verrückte Vorstellungen in Beziehungen und Kennenlernphasen geht.
Paare aus aller Welt präsentieren sich mal gemeinsam, mal allein vor der Kamera, während ihre Stimmen aus dem Off zu hören sind. Mal beantworten Freunde die Fragen einer dritten Person. Die Fragen drehen sich immer um die Einordnung von Verhaltensweisen als „Prinzessinnen-Behandlung“ oder „Minimalanforderung“. Manchmal werden falsche Antworten mit Wasserstrahlen, manchmal nur mit gemeinsamem Lachen quittiert.
Die Diskussionen beginnen oft mit Fragen zu traditionellen Höflichkeiten und Manieren, wie Türen aufhalten, Blumen schenken oder gelegentlich Frühstück ans Bett bringen. Dann steigert sich das: Wird es zur Prinzessinnen-Behandlung, sie zu tragen, wenn ihre Füße in den Schuhen mit den hohen Absätzen schmerzen? Oder ihr Snacks zu bringen, obwohl sie nicht danach gefragt hat? Dies alles folgt einem Prinzip, das in sozialen Medien besonders erfolgreich ist: Man gibt Einblicke in Privates durch Situationen, die auch das Publikum kennt und daher eine Meinung dazu hat, was Reaktionen und Interaktionen in den Kommentarspalten auslöst und vom Algorithmus belohnt wird.
Dieses Prinzip ist so effektiv, dass es bereits auf andere Themen angewendet wird. Es gibt „Prinzessinnen-Behandlung oder Minimalanforderung“-Posts über Luxustaschen, Uhren und Schuhe, über Hautpflege (Hautunreinheiten zu behandeln, wenn sie auftreten, ist demnach „Minimalanforderung“, regelmäßige Gesichtsbehandlungen sind „Prinzessinnen-Behandlung“) und Juso-Chef Philipp Türmer erklärte schon kichernd die „Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt und gratis Eiskaffee im Sommer“ zum „Prinzessinnen-Behandlung“.
Dass der Trend auch über soziale Medien hinaus diskutiert wird, verdanken wir der dritten „Eskalationsstufe“ in den Videos: Hier geht es um Fragen, ob er ihren Besuch im Nagelstudio bezahlen, ihr seine Kreditkarte für die Shoppingtour überlassen und sogar im Restaurant für sie bestellen sollte. Mit diesem Aspekt sorgte die TikTokerin Courtney Palmer Anfang Juli für Aufsehen, als sie in einem über vier Millionen Mal geklickten Video erklärte, dass sie bei einem Restaurantbesuch sämtlichen Kontakt mit dem Personal ihrem Mann überlasse.
Aus Beispielen wie diesen schloss unter anderem „The Guardian“, dass es in Zeiten wie diesen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln könne, einen „Versorger“ zu haben. Dieses Gefühl sei jedoch trügerisch, denn „der Verzicht auf Autonomie – körperlich, finanziell und intellektuell – macht Frauen gefährlich verletzlich.“
Das klingt ernst. Und, mit Verlaub, auch etwas übertrieben. Denn wie schon beim „Trad Wife“-Phänomen wird auch der „Prinzessinnen-Behandlung“-Welle eine Ernsthaftigkeit, Eindimensionalität und ein Dogmatismus unterstellt, die meist gar nicht gegeben sind. Gleichzeitig wird das Publikum unterschätzt, dem nicht zugetraut wird, den Humor, die bewusste Übertreibung, das Spiel mit Klischees vieler Videos zu erfassen. Dass „Trad Wives“ wie Nara Smith keineswegs nur schüchtern Kekse backen, sondern längst millionenschwere Unternehmerinnen sind, entgeht diesem Publikum nicht.
Bei der bisweilen beanspruchten „Prinzessinnen-Behandlung“ geht es um das legitime Bedürfnis vor allem junger Frauen, aufmerksam und liebevoll behandelt zu werden. Die Kommentarspalten bieten jedem und jeder Raum, darauf zu reagieren. Hier tauschen sich also Menschen darüber aus, was sie in Beziehungen – übrigens nicht nur in heterosexuellen – vom jeweils anderen erwarten. Sie kommunizieren also ihre Bedürfnisse, was jeden Paarberater freuen müsste. Genau wie die Fähigkeit zur Differenzierung. Denn was für manche nach einem Wiederaufblühen klassisch-traditioneller Rollen, starker Alphatier-Machos und schwach-folgsamer Frauen klingt, kreist um etwas ganz anderes: die Wiedergeburt der Romantik, des Gentlemans und der bedeutungsvollen Gesten.
Nach Jahren des willkürlich-lieblosen Online-Datings (das sogar zu Burn-out führen kann), penetranter Unverbindlichkeit und entweder in letzter Sekunde platzenden oder schlecht vorbereiteten Rendezvous, die oft nicht einmal diese Bezeichnung verdienen, wächst ganz offenbar wieder der Wunsch nach echter Romantik und großen Gesten. Die BBC führt das auch auf die Begeisterung für Serien wie „Bridgerton“ und die Vorfreude auf den neuen „Downton Abbey“-Film zurück. Hier haben große Gefühle noch Konsequenzen, hier wird gewartet und geschmachtet statt einfach weitergeswiped, hier gelten Höflichkeit, Umgangsformen, Bedacht und Empathie noch als „Minimalanforderung“.
In den letzten Jahrzehnten wurde immer wieder diskutiert, wer wann wem welche Komplimente machen darf, ob Gesten wie das Tür-Aufhalten nun höflich oder paternalistisch sind – Beiträge dazu füllten Feuilletons. Wer diese Debatten miterlebt hat, kann den überwiegend jungen Social-Media-Nutzern und ihren unbefangenen „Prinzessinnen-Behandlung“-Diskussionen nur schmunzelnd applaudieren. Die Debatten und Fragen ähneln sich, sie kommen heute nur in einem anderen Gewand daher.
Und sie machen Hoffnung in einer Zeit, in der brachial auftretende Machos und betont vulgär auftretende Vamps so viel öffentlichen Raum für sich beanspruchen. Auch sie haben ihre Daseinsberechtigung, das steht außer Frage. Aber sie bekommen womöglich durch Debatten wie jene über die „Prinzessinnen-Behandlung“ wieder ein stärkeres Gegengewicht – durch den Gentleman und sein weibliches Pendant, die Lady.
Gerade vom Verhalten eines Gentlemans profitieren alle, denn er hält nicht nur potenziellen Partnerinnen die Tür auf. Er selbst gewinnt natürlich auch durch sein Tun. Der junge Mann aus dem „Prinzessinnen-Behandlung oder Minimalanforderung“-Video von Ende August scheint das erkannt zu haben. Auf die Frage, in welche Kategorie es fällt, ihr Blumen zu schenken, auch wenn es keinen Anlass gibt, antwortet er: „Minimalanforderung. Ich finde, man freut sich auch über solche Kleinigkeiten.“
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.