Die neue Dokumentation Ein Sommer in Italien holt die WM 1990 zurück ins Jetzt: Filmmaterial und bisher unveröffentlichte Aufnahmen lassen den Weg zum Triumph gegen Argentinien lebendig werden — ab 15. Mai bei Sky und dem Streamingdienst WOW zu sehen. Warum das relevant ist? Weil der Film nicht nur Fußballgeschichte rekonstruiert, sondern auch zeigt, wie dieses Turnier Erinnerungen an eine gesamtgesellschaftliche Annäherung prägte.
Vanessa Goll und Nadja Kölling haben für gut neunzig Minuten eine Mischung aus Archivmaterial, privaten Heimvideos und zeitgenössischen Interviews montiert. Das Ergebnis ist keine politische Chronik, sondern eine sehr direkte, oft liebevoll amateurhafte Annäherung an die Mannschaft und ihre Tage am Comer See.
Neue, private Einblicke
Das Besondere an dem Film sind Aufnahmen, die Fans bislang selten oder nie zu Gesicht bekommen haben: unverwechselbare Schnipsel aus dem Fundus von Torwart Bodo Illgner, Mitschnitte von Sepp Maier und Szenen aus dem offiziellen FIFA-Archiv. Viele Clips wirken wie Urlaubsvideos — unscharf, mit schlechtem Ton — doch gerade diese Direktheit macht die Nähe spürbar.
Zwischen den Spielszenen treten Zeitzeugen auf: fast alle Beteiligten aus dem 22-köpfigen Kader kommen zu Wort. Auch voraufgezeichnete Interviews mit Franz Beckenbauer sind enthalten; der Kaiser verstarb Anfang 2024 und taucht hier noch einmal in Erzählung und Bild auf.
Sportliche Momente und menschliche Anekdoten
Chronologisch begleitet der Film das Turnier: Gruppenphase, das Achtelfinale gegen die Niederlande, das Weiterkommen gegen die Tschechoslowakei, das dramatische Duell mit England und schließlich das Finale gegen Argentinien. Große Spielszenen stehen im Zentrum — der Elfmeter von Andreas Brehme bleibt der Schlusspunkt —, aber die Regisseurinnen würzen das mit kleinen Episoden aus dem Mannschaftsalltag.
Viele Geschichten wirken privat und vertraut: Spieler, die Mopeds leihen und ohne Helm durch Como düsen, der DJ in der Mannschaft, Telefonier-Attacken auf dem Zimmer oder Machtverhältnisse im Hotel, etwa wer Zugang zu Beckenbauers Turmzimmer hatte. Solche Details vermitteln ein Bild von Teamdynamik, das über Taktik und Tore hinausgeht.
Auch Konflikte sind Teil der Erinnerung: Spielthemen, strittige Platzverweise und Vorfälle wie die Attacke von Frank Rijkaard gehören zur Erzählung — sie werden nüchtern und aus Sicht der Beteiligten rekonstruiert.
Warum die Erinnerung heute noch zählt
Die WM 1990 fand in einer historischen Phase statt: Der Fall der Mauer lag wenige Monate zurück, die Bundesregierung und die Gesellschaft befanden sich im Wandel. An diesem Punkt setzt die Dokumentation an, ohne in eine große politische Erzählung zu kippen — sie zeigt, wie Sportmomente Stimmungen spiegeln und verbinden können.
Für heutige Zuschauer hat das Gewicht: Erinnerungen an kollektive Freude scheinen in Zeiten geteilter Debatten besonders relevant. Der Film bietet deshalb nicht nur Nostalgie, sondern auch einen Einblick, wie Teamgeist und öffentliche Stimmung damals zusammenspielten.
Stimmen aus dem Film
Klaus Augenthaler beschreibt seine persönliche Verfassung vor dem Finale; Rudi Völler erinnert an Konfrontationen auf dem Platz; Kalle Riedle, Guido Buchwald und andere liefern jeweils prägnante Rückblicke. Lothar Matthäus zieht am Ende Bilanz — er nennt die Mannschaft von 1990 eine Truppe mit Charakter und zeigt dabei deutliche Emotionen.
Die Mischung aus direkten Erinnerungen und stummen Amateuraufnahmen ergibt eine fast intime Perspektive: nicht nur Heldenbilder, sondern Menschen, die nervös, verspielt oder ernst sind.
Wer den Film gesehen hat, dürfte anders auf bestimmte Motive blicken: nicht nur auf das Tor von Brehme, sondern auch auf die Orte und Relikte, die bis heute an diese Zeit erinnern. Auf dem Ostfriedhof in München etwa steht inzwischen ein Gedenkstein mit einem Bild jenes Jubels — ein unspektakulärer Ort, der dennoch eine starke Bildsprache trägt.
Die Dokumentation läuft seit März in den Kinos und ist ab 15. Mai bei Sky sowie über WOW abrufbar. Fußballfans und Geschichtsinteressierte finden hier beides: sportliche Chronik und private Momentaufnahmen, die das Jahr 1990 neu beleuchten.
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Jonas Reichert ist ein leidenschaftlicher TV-Kritiker, der die neuesten Shows und Serien analysiert. Mit Fachwissen und Humor bringt er seinen Lesern die faszinierende Welt des Fernsehens näher.
