Muskeln und Missbilligung – die Welle der „Rohmilch-Männer“
Während der „Hafermilch-Mann“ für seine Sensibilität und Achtsamkeit bekannt ist, zeichnet sich auf den sozialen Netzwerken eine neue Männerfigur ab: risikofreudig, toxisch und muskulös. Ihr Ernährungsstil ist eine Rückbesinnung auf die Steinzeit und drückt ihre Abneigung gegenüber der modernen Welt aus. Experten im Bereich Lebensmittel sind besorgt.
Wie würde ein Hafermilch-Mann auf eine übergewichtige Person reagieren? Er würde wahrscheinlich höflich die Vielfalt der Körperformen loben, ganz im Sinne der „Body Positivity“. Doch wie reagiert ein Rohmilch-Mann? Lassen Sie uns Coach Aaron zuhören, wie er sich auf Instagram präsentiert: „Du bist der Grund für deinen schlechten Körperzustand. Es liegt nicht an den Genen, nicht an deiner Mutter, nicht an deinem Vater. Du bist einfach faul.“ Kurz darauf fügt er hinzu: „Ihr fetten Versager!“, um sicherzustellen, dass seine Botschaft verstanden wird.
Vor einigen Jahren begann sich in den Metropolen ein neues Männerbild zu formen, das scheinbar alte dysfunktionale Verhaltensweisen ablegte. Kein Rauchen, kein Alkohol, viel Sport und ein ständiges Bewusstsein für die eigenen Gefühle, die offen nach außen getragen wurden. Diese Männer führten ein kontrolliertes Leben ohne Exzesse. Durch Meditation, Morgenläufe, hochproduktive Jobs, Guacamole und Bullet-Journals schien ihr Leben mühelos, obwohl es tatsächlich sehr anstrengend war. Sie wurden von der Wochenzeitung „Die Zeit“ als „Hafermilch-Männer“ bezeichnet.
War es eine Überdosis Selbstkontrolle? Wo blieb das selbstgefällige Eigenlob für die eigene Gesundheitsvorsorge und die Verachtung für diejenigen, die nicht mithalten konnten? Von den Rohmilch-Männern bricht nun alles heraus. Sie können nicht länger zusehen, wie die Gesellschaft ihre Gesundheit aufs Spiel setzt. Sie trainieren exzessiv, zeigen ihre durchtrainierten Körper, essen Fleisch, Eier, Rohhonig und trinken vorzugsweise Rohmilch. „Roh, roh, roh!“, rufen sie und proklamieren: „Esst Gottes Nahrung“ (das „Ihr fetten Versager“ denkt man sich da schon mit).
Der moderne Mensch, so beklagen sie, hat sich der Zuckerindustrie unterworfen. Er bewegt sich zu wenig, starrt ständig auf den Computerbildschirm und stopft unaufhörlich Fertigprodukte in sich hinein. Das müsse jetzt ein Ende haben, verdammt noch mal. Rohmilch verbessert laut ihnen die Darmflora und das Hautbild. Man merkt: In seiner Körperfixierung unterscheidet sich der Rohmilch-Mann nicht vom Hafermilch-Mann. Er hat einfach keine Scheu mehr, seine Eitelkeit hinter Freundlichkeit und Bescheidenheit zu verbergen. Der Rohmilch-Mann lässt auch nicht unerwähnt, dass es harte Arbeit ist, den inneren Schweinehund zu überwinden: „Während du am Vapen und Trinken bist, stehe ich samstags um 3:33 Uhr auf, um zu trainieren. Wach endlich auf“, schreit Coach Aaron, oberkörperfrei, seine Follower an.
Die Rohmilch-Gang, bestehend aus Coach Aaron, Coach Andy und Boran, könnte man als ein Phänomen auf Social Media abtun. Doch ihr Streben nach Ursprünglichkeit bedient eine Sehnsucht, die sich in unserer hochtechnologisierten Welt längst abzeichnet und in ihrer Ernährungsweise ihren Ausdruck findet. Rohmilch wird im Gegensatz zu pasteurisierter Milch aus dem Supermarkt nicht erhitzt und behält ihren natürlichen Fettgehalt.
Die Rohmilch-Gang verzehrt Rindersteaks, mehrere Eier und trinkt Rohmilch direkt vom Bauern. „Dieses Getränk verbessert massiv eure Darmflora und somit auch euer Hautbild“, erklärt Boran Erdemir in einem Video, während er Kefir-Knollen in die Rohmilch tunkt. Seine Haut strahlt tatsächlich.
Zur Wahrheit gehört auch: Der Hype um Rohmilch ist nicht nur ein männliches Phänomen – und hat in den letzten Jahren in der Alternativmedizin zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die US-amerikanische Schauspielerin und Unternehmerin Gwyneth Paltrow gibt nach eigenen Angaben jeden Morgen Rohmilch in ihren Kaffee. Influencerin Ashley English ist ebenfalls ein Fan. Und Robert F. Kennedy Jr., von Donald Trump als neuer US-Gesundheitsminister nominiert, ein Mann, der glaubt, Bill Gates wolle mit Impfungen Mikrochips implantieren, möchte die USA mit Rohmilch gesund machen.
„Verbraucherinnen und Verbraucher sehnen sich zunehmend nach natürlichen Lebensmitteln und distanzieren sich von den Lebensmitteln, die wir heute jederzeit in den Supermärkten kaufen können“, sagt Daniel Wefers, Professor für Lebensmittelchemie an der Universität Halle.
Er kann nicht verbergen, dass er diesen Trend für irrational hält. „Die Verherrlichung von unverarbeiteten Lebensmitteln basiert auf der Annahme, dass die Natur nur Gutes für uns bereithält. Doch einige der stärksten Gifte der Welt wurden nicht vom Menschen, sondern von der Natur geschaffen. Sie will uns nicht immer nur Gutes.“ Besonders der Verzehr von Rohmilch birgt Risiken: „Rohmilch kann gefährliche Bakterien enthalten. Es gibt immer wieder Fälle, in denen sich Menschen ernsthaft infizieren – zum Beispiel mit Listeriose. Bei dieser Krankheit liegt die Sterberate bei etwa sieben Prozent.“
Die weitverbreitete Annahme, dass Rohmilch Allergien reduziert, kann Wefers nicht bestätigen, da die Risiken überwiegen: „Mein Kollege Professor Thomas Henle hat mal ein treffendes Beispiel gegeben: Es ergibt keinen Sinn, seinen Kindern Rohmilch zu geben, damit sie weniger Allergien entwickeln. Denn es macht ja auch keinen Sinn, die eigenen Kinder auf eine viel befahrene Straße zu schicken, damit sie ihre Reaktionsfähigkeit verbessern.“
Pause, Regeneration. Coach Andy hat gerade ein anstrengendes Workout hinter sich und füllt seine leeren Glykogenspeicher nun mit getrockneten Mangos, Datteln, Rohhonig und Eiern auf. Das Präfix „Roh“ ist in seiner Community zu einem Running-Gag geworden. „Rohrücken“ kommentiert ein Nutzer seinen muskulösen Latissimus, „Rohopa“ ein anderer, als die Rohmilch-Gang ein Workout mit einem älteren Herren macht.
Ihre Suche nach dem Naturbelassenen hat alle Lebensbereiche erfasst. Unnötig viel Kleidung wollen sie nicht mehr kaufen, das Training sollte im Freien an der frischen Luft mit dem eigenen Körpergewicht stattfinden: „Lebe vor und sei ein Vorbild“, so das Credo von Coach Andy. Dann lässt er die Brustmuskeln zucken.
Ähnliche Artikel
- Schwangere Nara Smith: Fans entsetzt über ihren Genuss von Rohmilch!
- Michelle Hunziker enthüllt: Warum Männer sich vor ihr fürchten könnten!
- Kein Mensch ist Müll: Ein Plädoyer für Menschenwürde und Respekt!
- TV-Star Adrienne Koleszár hat eine neue Liebe: Offizielle Bestätigung!
- Dresscode für Männer: Wie sollte man sich in der Öffentlichkeit kleiden?

Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
