Viele Partnerschaften tragen jahrelang eine stille Last: Wenn ein Partner regelmäßig trinkt, verändert das Alltag, Vertrauen und Familienleben – oft schleichend und erst spät erkennbar. Der Fall eines Paares aus Berlin, das nach Jahrzehnten des Verbergens heute von Abstinenz und Aufarbeitung spricht, zeigt, warum dieses Thema aktuell wichtig bleibt und welche Folgen das Verdrängen haben kann.
Kristine, 62, erinnert sich nicht an einen einzigen Wendepunkt. „Es kam nach und nach“, sagt sie über den Alkoholkonsum ihres Mannes Andreas (61). Nach Jahren des Misstrauens und heimlichen Beschönigens ist Andreas inzwischen nüchtern; die Beziehung der beiden hat aber deutliche Spuren davongetragen. Die Geschichte illustriert typische Muster, die Psychotherapeutin und Suchttherapeutin Sylke Badekow aus ihrer Praxis kennt.
Wie Verdrängung die Familie formt
Badekow erklärt, dass Suchterkrankungen in Partnerschaften selten mit einem plötzlichen Ausbruch beginnen. Stattdessen entwickelten sich schrittweise Rollen: Einer der Partner übernimmt die Verantwortung, erklärt Vorfälle weg oder schützt den Erkrankten vor Konsequenzen. Diese Dynamik sei nicht nur emotional belastend, sondern wirke langfristig auch auf die Kinder.

Familienmitglieder sähen sich oft mit widersprüchlichen Gefühlen konfrontiert – Liebe und Loyalität auf der einen, Ohnmacht und Wut auf der anderen Seite. Scham mache es schwer, Hilfe zu suchen; die Angst vor dem sozialen Urteil führe häufig zu weiterer Isolation.
Praktische Hinweise: Was hilft im Alltag?
- Anzeichen erkennen: Häufige Entschuldigungen für Ausfälle, vermehrtes Zurückziehen, Stimmungsschwankungen oder finanzielle Unregelmäßigkeiten können Hinweise sein.
- Grenzen setzen: Klare, wiederholte Grenzen schützen Angehörige und machen das Problem sichtbar. Konsequenzen sollten realistisch und durchsetzbar sein.
- Professionelle Unterstützung suchen: Suchtberatung, Paartherapie und spezialisierte Entzugs- und Reha-Angebote bieten konkrete Hilfe; frühzeitiges Eingreifen verbessert die Prognose.
- Selbsthilfegruppen: Austausch mit Betroffenen (z. B. Angehörigengruppen) reduziert Isolation und vermittelt Handlungsmöglichkeiten.
- Sicherheit für Kinder: Wenn Kinder betroffen sind, ist psychosoziale Unterstützung wichtig, um langfristige Entwicklungsfolgen zu begrenzen.
- Notfallmaßnahmen: Bei akuter Gewalt oder Gefährdung sollten sofortige Schutzmaßnahmen und gegebenenfalls rechtliche Schritte geprüft werden.
Diese Schritte klingen einfach, sind in der Praxis aber schwer umzusetzen. Badekow betont, dass Veränderungen oft in kleinen Schritten erfolgen: „Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um das Wiederherstellen von Verlässlichkeit und Selbstschutz.“

Wann ein Abschied nötig sein kann
Manche Partnerschaften überstehen die Krise gemeinsam; in anderen Fällen ist eine Trennung die einzige Möglichkeit, sich selbst und die Kinder zu schützen. Entscheidend sei, die eigene Sicherheit und psychische Gesundheit nicht dauerhaft zu opfern.
Der Fall von Kristine und Andreas endet nicht als moralische Lehre, sondern als Beispiel für die Komplexität: Nach Jahren des Verbergens gelang der Ausstieg – doch die Aufarbeitung bleibt eine Aufgabe, die Zeit, Unterstützung und häufig therapeutische Begleitung erfordert.
Für Betroffene bedeutet das: Nicht schweigen, sondern informieren, vernetzen und Grenzen setzen. Hilfe ist verfügbar, und je früher sie in Anspruch genommen wird, desto größer sind die Chancen auf Stabilisierung für die ganze Familie.
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Johanna Feldner ist Paartherapeutin und bietet praktische Ratschläge, um Beziehungen stark und harmonisch zu halten. Sie glaubt, dass Kommunikation der Schlüssel zu einer erfüllten Partnerschaft ist.
