Dieter Bohlen vs. Uns: Über 250 Hits in den Top 50 – Wer ist erfolgreicher?

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Von : Larissa Vogler

„Dieter Bohlen hat etwa 50 Songs in die Top 50 gebracht, wir über 250“

„Dieter Bohlen erreichte etwa 50 Top 50 Hits, wir mehr als 250“

In der deutschen Hip-Hop-Szene sind derzeit keine Namen erfolgreicher als David Kraft und Tim Wilke. Unter dem Namen The Cratez schreiben und produzieren sie Hits für bekannte Künstler wie Capital Bra und Shirin David. Sie sprechen über frauenfeindliche und feministische Liedtexte, den Rausch des Erfolgs und den Wettstreit mit Dieter Bohlen.

David Kraft (35) und Tim Wilke (36) aus Göttingen, die schon seit ihrem 14. Lebensjahr Lieder schreiben und produzieren, sind die kreativen Köpfe hinter den Erfolgen von Deutschrap-Schwergewichten wie Capital Bra, RAF Camora, Kontra K und Bonez MC. Seit 2009 arbeiten sie unter dem Namen „The Cratez“ und haben zahlreiche Streaming- und Verkaufsrekorde in Deutschland gebrochen. Sie zeichnen sich als Autoren von 20 Nummer-eins-Hits aus, wobei der letzte „Bauch, Beine, Po“ von Shirin David war. Obwohl Dieter Bohlen bisher mehr Nummer-eins-Hits erreichte (23), und der letzte davon fünf Jahre zurückliegt, ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis Wilke und Kraft ihn überholen.

Die beiden leben mittlerweile in Berlin, haben Familien gegründet und sich im Stadtteil Moabit ein eigenes Studio eingerichtet. Gleich hinter dem Eingang des Studios wird Besuchern klar, wo sie sich befinden: Zahlreiche Trophäen für Nummer-eins-Hits und erfolgreiche Alben säumen den Raum. David Kraft, der eher ruhig und bedacht wirkt, und der aus der Skateboard-Szene stammende, sportliche Tim Wilke, trinken Wasser und Cola, tragen Lacoste-Shirts und bleiben trotz ihres Erfolgs bescheiden. Sie gewähren Einblicke in eine Welt, die sich sonst oft abschottet.

WELT: Sie haben sehr früh begonnen, Musik für andere zu schreiben. Wie kam es dazu?

David Kraft: Mein Vater war sehr musikalisch, spielte Gitarre und Klavier, und wir hatten sogar einen Flügel zu Hause. So kam ich früh zur Musik. Nach klassischem Klavierunterricht begann ich, mich für das Produzieren von Beats und das Schreiben von Hip-Hop-Songs zu interessieren, was mich faszinierte, weil es eher wie ein Computerspiel funktionierte. Das hat mich so in den Bann gezogen, dass ich nicht mehr aufhören konnte.

Tim Wilke: Als leidenschaftlicher Skateboarder fiel mir die Band Gang Starr auf, deren Beats ich großartig fand. Da ich auch technikaffin war, fing ich an, selbst Beats zu machen. Durch das Schlagzeugspielen, das ich aufgrund meines ADHS fünf Jahre lang erlernte, und den Kontakt zu rappenden Skatern, begann ich, für sie Beats zu produzieren.

WELT: Sie waren beide Studenten in Göttingen. Haben Sie sich an der Uni kennengelernt?

Wilke: Ich traf Dave über seinen Bruder und stellte schnell fest, dass wir das Gleiche machten und wollten. Wir taten uns zusammen und verkauften unsere Beats online. Es war erstaunlich, dass sogar Leute aus Amerika unser Zeug mochten. Unsere Beats liefen so gut, dass wir davon leben konnten.

Kraft: Ich studierte Wirtschaftsingenieurwesen, brach das Studium jedoch ab. Ich hätte noch meine Bachelorarbeit schreiben und ein unbezahltes Praktikum absolvieren müssen, was sich mit der Musik nicht vereinbaren ließ.

Wilke: Ich studierte Sport und Englisch auf Lehramt, doch das Studium war so einfach für mich, dass ich dachte, ich könnte es nebenbei machen. Das ging aber auch nicht. Mein Master habe ich noch gemacht, am Tag der Abgabe sind wir von Göttingen nach Berlin gezogen, genau an meinem Geburtstag.

WELT: Nach Ihrem Umzug nach Berlin haben Sie sich voll und ganz der Musik gewidmet?

Wilke: Absolut. Wir haben täglich 18 Stunden im Studio verbracht. Als dann die ersten Charterfolge kamen, wollten alle mit uns arbeiten.

Kraft: Wir waren in einem eher heruntergekommenen Kellerstudio am Görlitzer Park, das früher RAF Camora gehörte. Trotz Problemen mit Ratten dort, bot uns dieses Studio die Möglichkeit, schnell etwas in Berlin aufzubauen. Die Künstler kamen gerne dorthin, vielleicht, weil das Studio ihnen das Gefühl gab, ganz am Anfang ihrer Karriere zu stehen.

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Wilke: Dort haben wir viele Leute kennengelernt: RAF Camora, Capital Bra, Bausa, Joshi Mizu. Durch unseren Online-Beat-Handel konnten wir den Künstlern tausende Beats vorspielen und haben anfangs immer gesagt: Komm, nimm. Wir waren so begeistert, dass alle unsere Beats mochten, dass wir gar nicht ans Geldverdienen dachten.

WELT: Wovon haben Sie dann gelebt?

Wilke: Von den GEMA-Gebühren und noch von unseren Online-Beat-Verkäufen. Wir arbeiteten fest mit RAF Camora zusammen, der schon ziemlich erfolgreich war. Er vermittelte, dass wir Künstler seiner Agentur produzierten, das waren viele. Wir begleiteten jedes Jahr sechs bis zehn Projekte. Wir waren wie in einem Tunnel – alles drehte sich nur um die Eins, Eins, Eins. Und die Zeit verging wie im Flug. Mindestens 80 Prozent der Nummer-eins-Songs landeten wir innerhalb von vier, fünf Jahren.

Kraft: Ja, das war Ende 2017 bis 2022.

Wilke: Da stimmte einfach alles: Die Zeit, die Umstände, und wir hatten auch viel Glück.

WELT: Spielte also auch Glück eine Rolle?

Wilke: Ja, zum Beispiel kam Capital Bra ins Studio. Ehrlich gesagt, hielten wir ihn für einen Drogendealer. Erst später erfuhren wir, dass er als Gangsterrapper schon groß im Geschäft war.

Kraft: Und in Wirklichkeit war er gerade auf der Suche nach Produzenten, die sich richtig für ihn ins Zeug legen. Und wir sagten: „Hier, nimm unsere Beats. Mach was draus.“ Und er war so begeistert und sagte: „Ihr seid so cool, schenkt mir hier einfach Beats. Ich mache jetzt alles mit euch.“

Wilke: Und parallel dazu entstanden über unseren Online-Verkauf die verrücktesten Sachen. Zum Beispiel hatte Boi1da, der Produzent von Drake, in den USA einen Künstler unter Vertrag, der hieß Joyner Lucas. Für ihn produzierten wir den Song „I’m Not Racist“. Dafür wurden wir für einen Grammy nominiert.

Kraft: Auch das war ein Glücksgriff. Weil er ein ehrlicher Typ war, der uns korrekt bei der GEMA anmeldete. Am Ende landeten sieben, acht Songs von uns auf seinem Album, und einer wurde ein großer Hit.

WELT: Wie ist es, für jemand anderen einen Song zu schreiben? Ist das nicht etwas sehr Emotionales?

Kraft: Es ist ein kollaborativer Prozess. Man sitzt mit dem Künstler zusammen, überlegt, was man gemeinsam machen könnte. Man gibt keinen Teil seiner Seele her.

WELT: Welches Gefühl hat man, wenn man mit Gold für sein Werk ausgezeichnet wird?

Kraft: Die ersten ein, zwei, drei goldenen Platten geben dir ein unglaubliches Gefühl. Du denkst ständig, wie krass das ist, dass einem so etwas passiert. Die zehnte oder 20. hat nicht mehr den gleichen Effekt. Da wird nicht mehr so viel Dopamin ausgeschüttet.

Wilke: Es gab eine Zeit, in der unter den Top 50 in Deutschland ein Drittel oder mehr Lieder von uns kamen. Dieter Bohlen brachte etwa 50 Songs in die Top 50, wir über 250. Das muss man sich mal vorstellen.

WELT: Wie lässt sich Ihr Erfolg erklären?

Wilke: Die Alben kamen heraus, und die Kids streamten sie komplett durch, schon war das ganze Album in den Spotify-Charts. Wenn dann zwei unterschiedliche Alben zeitgleich draußen waren, waren die Charts voll mit unseren Songs. Man konnte das gar nicht richtig verarbeiten. Leute erzählten uns, sie liefen durch die Stadt, und alle hörten unsere Songs. Meine Mutter ist Lehrerin, sie rief an und sagte: „Bei mir an der Schule spielen die Kids zu eurer Musik Basketball.“ Wir haben von alldem kaum etwas mitbekommen, wir waren ja längst wieder im Studio und arbeiteten am nächsten Album.

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WELT: Würden Sie für Ihre Songs nicht auch gerne mal selbst im Rampenlicht stehen?

Kraft: Es ist nicht jeder dafür gemacht, ein Superstar zu sein. Ich weiß nicht, ob wir das Zeug dazu gehabt hätten, Künstler zu werden. Wir bekommen ja auch genug von den Schattenseiten des Ruhms mit. Einige Künstler haben dadurch richtig starke psychische Probleme. Natürlich verdienen sie mehr als wir – aber wir können von dem, was wir machen, gut leben.

Wilke: Das Gute ist, dass niemand kreischt, wenn wir mit unseren Kindern ein Eis essen gehen. Niemand erkennt uns. Große Künstler können keine Straße entlanglaufen, ohne dass jemand ihren Namen ruft. Es ist schon ein Vorteil, im Hintergrund zu bleiben. Ganz ehrlich: Würde mir jemand zehn Millionen dafür anbieten, dass ich so bekannt wäre wie der oder der – ich würde ablehnen. Wir können, anders als Künstler, jederzeit die Arbeit mal runterfahren und uns eine Weile ausschließlich unserer Familie widmen. Wenn mich meine Kinder brauchen, bin ich da, das gilt auch für meine Ehe.

WELT: Wieso nennen Sie sich „The Cratez“? Ihre echten Namen tauchen so auf keiner Platte auf.

Kraft: Das ist eher so ein Hip-Hop-Ding. Da ist es wichtig, sich einen coolen Namen zu geben.

Wilke: Weil wir online Beats verkauften, brauchten wir auch einen Profilnamen. Die Kunst, in Plattenkisten nach Samples zu graben, nennt man „Digging in the Cratez“. So kamen wir auf diesen Namen. Wir sind die wandelnde Plattenkiste, aus der man sich Samples rausholen kann.

WELT: Was zeichnet deutschen Rap aus?

Kraft: Der deutsche Rap hat sich jahrelang an den USA und Frankreich orientiert. Inzwischen hat er eine eigene Identität. Da sind Techno-Einflüsse, die es woanders nicht gibt. Deutschland hat eine krasse Hip-Hop-Szene.

Wilke: Deutsch-Rap macht genau das, was mal der Ursprung des Rap war. Hip-Hop war in den USA die Stimme der Afroamerikaner, der Migranten, wenn man so will. Hier ist es genauso. Ukrainer, Türken, Araber sind am erfolgreichsten im deutschen Rap. Es gibt natürlich auch deutsche Deutsch-Rapper, aber eigentlich hatte jeder oder jede, mit der wir gearbeitet haben, einen Migrationshintergrund. Deutscher Rap ist die Stimme der Migrationskultur. Ein Streetslang, der mittlerweile von allen gehört wird.

WELT: Warum sind Sie so gut in dem, was Sie machen?

Wilke: Dadurch, dass wir Autodidakten sind, haben wir uns von Beginn an gar nicht an irgendwelche Regeln gehalten. Der Sound, den wir in den Rap hineingebracht haben, basiert auf lauten Drums, auf lauten Bässen, es muss halt ballern, sag ich mal. Der Bass muss im Auto knallen, die Stimme aber trotzdem gut hörbar sein.

Kraft: Für Shirin David machen wir natürlich andere Beats als für Capital Bra.

Wilke: Ich würde unsere Herangehensweise mit der von Jimi Hendrix vergleichen, der sich auch das Gitarrespielen selbst beigebracht und dann auf eine Art gespielt hat, wie man es vorher noch nie gehört hat. Musik ist manchmal ein kreativer Unfall. Man selbst empfindet es als ganz normal, andere als neu.

Kraft: Im Hip-Hop gibt es wenige, die eine musikalische Ausbildung haben. RAF Camora ist eine absolute Ausnahme, er kann auch Gitarre und Klavier spielen. Als wir anfingen, war es total selten, dass ein Künstler auch nur einen Akkord auf dem Klavier spielen konnte.

WELT: Dieter Bohlen liegt noch drei Nummer-eins-Hits vor Ihnen. Er hat 23, Sie 20. Ist es Ihnen wichtig, diesen Rekord zu knacken?

Kraft: Wir hatten es lange als Ziel in unseren Köpfen, Dieter Bohlen einzuholen, das gebe ich ganz ehrlich zu. Ich habe mich aber inzwischen von dieser Idee gelöst. Nummer-eins-Hits kann man nicht erzwingen. So ein Song geht durch drei Filter: Man muss mit dem Künstler harmonieren, der Künstler muss erfolgreich sein, und die Leute müssen den Song auch noch feiern. Dann sollte man auch noch Glück haben, dass kein anderer Song einem die Nummer eins wegschnappt. Wir haben nie mit der Musik begonnen, um auf die Eins zu gehen. Vielmehr haben wir die Musik gemacht, die wir geil fanden, und das haben die Leute dann auch gefeiert.

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Wilke: Natürlich haben wir irgendwo einen Riecher, sonst hätte das nicht so oft geklappt. Würden wir aber nur ins Studio gehen, um auf der Eins zu landen, kann das auch nach hinten losgehen. Genau das, was einem am Ende egomäßig das Genick brechen kann. Wer denkt, er hätte den goldenen Schlüssel fürs Musikmachen, der täuscht sich.

Kraft: Die Zeit und mit ihr jeder Trend ist noch schnelllebiger geworden. Erst war da das Album, dann der Song. Auf TikTok gehen jetzt nur noch Ausschnitte eines Songs viral. Zehn Sekunden eines Songs sind dann für drei Wochen in aller Munde, und dann ist die nächste Sequenz dran. Das bedeutet Sekunden-Ruhm

Wilke: Es wäre toll, wenn es eine Rückbesinnung gäbe. Wenn die Leute wieder Bock darauf hätten, ganze Alben zu hören oder sich mit einem Künstler auseinanderzusetzen.

WELT: Apropos Künstler. Sie haben mit so vielen zusammengearbeitet. Was war das Verrückteste, das Sie erlebt haben?

Kraft: Das Studio ist für Künstler ein Rückzugsort, da passieren selten verrückte Dinge. Klar, wird auch mal Party gemacht, aber das bleibt die Ausnahme. Die verrückten Sachen passieren auf Tour, und da sind wir nicht dabei.

Wilke: Eine Sache vereint alle Künstler: dieses grandiose Überzeugtsein von sich selbst. Dadurch leben sie in einem Kosmos, in dem sich alles nur um sie dreht.

WELT: Passen Sie denn zum Hip-Hop? Sie sind ungewöhnlich normal.

Wilke: Produzenten sind aber auch ein anderer Schlag Mensch als Rapper oder Künstler im Allgemeinen.

Kraft: Wer sich für unseren Weg entscheidet, hat vermutlich ein nicht ganz so großes Ego wie derjenige, der Künstler wird. Wir haben uns dafür entschieden, im Hintergrund zu bleiben. Wir sind nicht stellvertretend für die Hip-Hop-Szene.

WELT: Die Hip-Hop-Szene ist bekannt durch Künstler wie Bushido und Sido. Die Leute haben deshalb ein bestimmtes Bild vor Augen. Stimmt das?

Kraft: Gerade bei Bushido haben die Leute ein falsches Bild. Viele denken bei ihm an einen Gangsterrapper, sie verbinden ihn mit Clan und Kriminalität, aber das stimmt nicht.

Wilke: Bushido ist ein ganz eloquenter Typ. Er ließ sich eher von Gangstern beschützen, als selbst einer zu sein.

WELT: Sie kennen viele Gangsterrapper. Was zeichnet die aus?

Wilke: Gangsterrapper sind aus meiner Sicht oft selbst überhaupt keine Gangster, sie rappen eher über den Lifestyle eines Gangsters.

Kraft: Gangsterrapper spielen eine Rolle oder bedienen ein Image als wirklich von Beruf Gangster zu sein. Einen Hintergrund von der Straße haben sie jedoch oft schon.

Wilke: Die richtigen Gangster kennt man gar nicht, die bleiben im Hintergrund. Oder wenn man

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