„Das ‚Ku‘ entstand spontan, wild und unvorhersehbar“
Superstars, ausgefallene Kostüme, ein Schwimmbad für alle – das „Ku“ auf Ibiza, einst der größte Club der Welt, war in den 1980ern das Zentrum des hedonistischen Nachtlebens. Unsere Autorin, aufgewachsen auf der Insel, blickt kurz vor der Neueröffnung zurück.
US-Schauspieler Will Smith besucht im Spätsommer 2024 die Baustelle und klärt auf. Das Ufo, das kürzlich über der legendären Felsinsel Es Vedra gesichtet wurde, war in Wirklichkeit nur eine Drohne – Teil einer Werbekampagne für einen brandneuen Club. Smith befindet sich auf der Baleareninsel Ibiza, und das Dach, auf dem er steht, gehört zu jenem Club, der unter dem Namen „Ku“ in den 80ern zur Legende avancierte – als weltgrößter Club, Symbol der Exzessivität, das Ibizas Ruf als Party-Hochburg bis heute prägt.
Jetzt beginnt ein neues Kapitel: Am 30. Mai wird das vollständig renovierte Gebäude erneut eröffnet. Unter dem Namen „UNVRS“ (ausgesprochen: „Univers“) soll es zum „ersten Hyper-Club der Welt“ werden – ohne den berühmten Außenpool, stattdessen als kurierte Erlebniswelt, die Club-Atmosphäre in einem technologisch fortschrittlichen Raum schaffen soll. Angesprochen werden soll eine Generation, die das „Ku“ nur von YouTube-Videos kennt.
Ende 1978 kauften drei junge Unternehmer aus dem Baskenland – José Antonio Santamaría, José Luis „Gorri“ Anabitarte und Javier Iturrioz – den damals unscheinbaren Club San Rafael mit einem Restaurant und einem Pool. Sie tauften den Ort „Ku“, nach einer Gottheit aus Hawaii. Mit dem später hinzugekommenen Promoter Faruk Gandji und spektakulären Themenabenden avancierte der Club zum weltweiten Phänomen.
„Die Behörden verstanden nicht, was wir vorhatten. Für sie war es einfach ein weiterer Touristenclub. Für uns war es eine Revolution“, erklärte Santamaría später in einem Interview. Der Club zog nicht nur gewöhnliche Besucher an. Nachdem Grace Jones 1979 zu Gast war, folgten Julio Iglesias, Roman Polański, Valentino und sogar König Juan Carlos I.
Was den Ort so besonders machte, war seine einzigartige Architektur – ein ovales Amphitheater aus weißen Betonstufen mit einem 25-Meter-Pool im Zentrum. Ab 5 Uhr morgens durften alle Gäste baden, ungeachtet des zunehmend trüben Wassers. In der Mitte stand ein Steg mit Brunnen; eine drachenförmige Rutsche führte ins Becken: „Es war fast wie ein James-Bond-Filmset, ich hatte so etwas noch nie gesehen“, beschrieb der Fotograf Derek Ridgers seinen ersten Besuch 1984.
3000 Menschen, junge Stiere, monumental chaotisch
Die Inszenierungen wurden gewagter und vor allem extravaganter. Besondere Popularität genoss das Brasilien-Fest mit Batucada-Musikern und aufwendigen Kostümen. Oder Tänzer im metallischen Space-Clown-Outfit unter neongrünen Konfettischlangen – der Inbegriff der exzessiven „Ku“-Ästhetik. Für eine Nacht verwandelte sich der Club in die Estafeta von Pamplona: 3000 Menschen in Rot-Weiß, echte, junge Stiere, monumental chaotisch.
„Fünf Tage lang war ich mit vier PR-Mädchen an den Stränden Ibizas unterwegs, um 25 Kandidatinnen für einen Beautycontest zu rekrutieren“, sagt Faruk Gandji zu WELT AM SONNTAG: „Am Abend der Veranstaltung, als das „Ku“ voll war und die Menge ungeduldig wurde, erschienen nur vier Kandidatinnen! In meiner Verzweiflung zog ich 20 attraktive Frauen aus der Menge und überredete sie zur Teilnahme. Die Show war ein Riesenerfolg.“
Eines Abends fuhr meine mutter mit einem der Tänzer zum „Ku“. Sein Kostüm krönte ein phallischer Kopfschmuck von solcher Größe, dass er den Kopf weit zurücklehnen musste, um überhaupt ins Auto zu passen
Auch ich bin eine Zeitzeugin, denn ich verbrachte auf Ibiza meine Jugend. Für mich war es völlig normal, nach der Schule heimzukommen und brasilianische Tänzer vorzufinden, die ihre aufwendigen Kostüme in unserer winzigen Wohnung in der Altstadt nähten.
Überall lagen Pfauenfedern, bunte Stoffreste und Pailletten verstreut, Stecknadeln steckten in den Sofakissen – unser bescheidenes Zuhause verwandelte sich regelmäßig in eine improvisierte Schneiderwerkstatt. Meine Mutter half, die schillernden Outfits zu entwerfen; tagsüber arbeitete sie als Designerin für die „Sweetheart Boutique“ in der Calle de la Virgen.
Eines Abends fuhr sie mit einem der Tänzer zum „Ku“. Sein Kostüm krönte ein phallischer Kopfschmuck von solcher Größe, dass er den Kopf weit zurücklehnen musste, um überhaupt ins Auto zu passen.
Er umklammerte das Lenkrad, während meine Mutter Kommandos gab: „Links jetzt! Rechts!“ Vor dem Eingang entfaltete er sich zu voller Größe und tauchte mit seinem obszönen Kopfschmuck in die wartende Menge ein – ein wandelndes Kunstwerk auf dem Weg zur Bühne.
Trotz eines Eintrittspreises von 5000 Peseten (was ungefähr 30 Euro entsprach und damals etwa so doppelt viel war wie der durchschnittliche Tagesverdienst auf der Insel), strömten die Menschen ins „Ku“. Selbst das Personal anderer Clubs kam nach Feierabend. Sogar die in Sa Coma stationierten Soldaten halfen beim Zuschneiden von Cellophanfolie für die Dekoration, um freien Eintritt zu ergattern.
Die Behörden drückten beide Augen zu
In der Blütezeit des „Ku“ von 1983 bis 1985 drängten sich an Spitzenabenden bis zu 11.000 Menschen – 3000 über der erlaubten Kapazität. Die simple Türpolitik „Wer zahlt, kommt rein“ schuf eine beispiellose Durchmischung: elegante Besucher neben Dragqueens, lokale Promis neben Unbekannten, Millionäre in zerrissenen Jeans neben Arbeitern im Sonntagsanzug.
„Manchmal sah ich eine oben ohne tanzende Frau zwischen tätowierten Deutschen, Dragqueens, Osho-Jüngern in Orange, einer Flamencotänzerin und einem Hippie mit Kristall. Keine Grenzen, keine Voyeure, reine Drogen“, erinnert sich Creative Director Faruk Gandji.
Anders als die ibizenkische Konkurrenz „Amnesia“ und „Pacha“, die mit dem Balearic Beat eine eigene musikalische Identität entwickelten, blieb das „Ku“ ein stilistisches Chamäleon – von Europop über Disco bis zu frühen House-Tracks. Trotzdem schrieb der Club Pop-Geschichte: Im Mai 1987 wurde ein zweitägiges Musikfestival veranstaltet. Das Projekt entstand aus finanzieller Not nach einer schwachen Saison 1986. Mit rund 150.000 Euro – eine beträchtliche Summe für eine kleine Stadtverwaltung – unterstützte die Gemeinde San Antonio das Vorhaben.
Es kam zu Auftritten von Künstlern wie Duran Duran, Belinda Carlisle, Robert Palmer und Spandau Ballet. Doch der zweite Abend brachte die wahre Sensation: Freddie Mercury im Duett mit der Opernsängerin Montserrat Caballé.
Ihre Interpretation von „Barcelona“ wurde später die offizielle olympische Hymne 1992 in Barcelona. Und Mercury bezeichnete den Auftritt als einen der wichtigsten Momente seiner Karriere. Diese ungewöhnliche Verbindung von Oper und Rock in der einzigartigen Kulisse des „Ku“ machte den Club weltweit bekannt.
Ein Mix aus Rave-Kultur und Hemmungslosigkeit
Vier Jahre nach diesem Höhepunkt stand der Club 1991 als leere Hülle da. Der erste Golfkrieg, das Ende der 80er-Wirtschaftsblase und sinkende Touristenzahlen forderten ihren Tribut. Steigende Flugpreise durch die Ölkrise führten zu rückläufigen Besucherzahlen.
Mit nur 1.000 Gästen in einem Raum für 10.000 ließ sich keine Atmosphäre mehr schaffen – der Zauber war verflogen. Auch Aids veränderte das Clubleben. Viele der Tänzer starben in den späten 80ern. Was einst am Pool und in dunklen Ecken passierte, galt plötzlich als gefährlich. Statt bunter Schwimmringe hingen nun Kondomautomaten an den Wänden. 1993 fiel Santamaría, einer der Betreiber, einem Attentat der Terroristenorganisation ETA zum Opfer – bittere Ironie für einen Mann, der einen Ort jenseits politischer Grenzen erschaffen wollte.
Die Wende kam, als die Brüder Andy und Mike McKay aus Manchester – Veteranen der britischen Acid-House-Szene – mit einem alten Lieferwagen auf Ibiza landeten. Sie nutzten die Krise des „Ku“, mieteten es zunächst an einzelnen Nächten und übernahmen 1994 fest die Montagnacht, die sie „Manumission“ („Selbstbefreiung“) tauften.
Ihr Mix aus britischer Rave-Kultur und mediterraner Hemmungslosigkeit – DJs statt Bands, Ecstasy statt Kokain, nackte Akrobatik unter der 30-Meter-Kuppel und Love-Parade-Atmosphäre – lockte bis zu 10.000 Feiernde an, belebte das „Ku“ neu (später unter dem Namen „Privilege“) und prägte die Partykultur der 90er so nachhaltig, dass der Club seinen Guinness-Titel als größter der Welt behielt. Kurz vor Corona schloss er seine Türen, bis heute.
Auf dem ehemaligen „Ku“-Gelände steht nun ein moderner Hightech-Bau. Die Umb
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.