Wenn aus Wasser plötzlich Wassa wird

13 Sep, 2021
Ein Artikel von: Kenny Deppe

Was lustig klingt, hat einen ganz ernsten Hintergrund. Kinder von Auswanderern können die eigene Muttersprache oft nicht lesen und schreiben.

Zum Beginn des neuen Schuljahres, haben wir uns mal ein Thema vorgenommen, dass von vielen Auswanderer-Eltern unterschätzt wird.
Auswandern, fast jeder träumt im Urlaub einmal davon, nie wieder zurück müssen. Viele Auswanderer müssen allerdings nicht nur an sich denken, sondern haben gleich die ganze Familie im Schlepptau. Nicht selten sind es am Ende allerdings die Kinder, die als einzige wirklich ausgewandert sind.
Viele Eltern schaffen es auch nach Jahren nicht, die Sprache zu lernen und sich so ein Stück weit zu integrieren. Was für die Kinder in Kindergarten oder Schule spielerisch geht, klappt für Erwachsene nicht so leicht. So hat man als ausgewanderte Geschwister zu Hause ganz nebenbei eine coole ‚Geheimsprache‘ in Form von Spanisch oder Mallorquín.

Am Ende führt dieser kindliche Wissensvorsprung oft dazu, dass Kinder den Eltern die
Übersetzer spielen. Ob bei Behörden oder bei so alltäglichen Dingen wie Bankgeschäften und dem Einkauf: Ohne die Kleinen sind viele Eltern aufgeschmissen. Wenn das mal nicht ein Grund ist, stolz auf die Kinder zu sein, so schnell haben sie sich integriert und sprechen jetzt bereits mehrere Sprachen.

Was allerdings die Muttersprache angeht, so steht die in den staatlichen Schulen nicht auf dem Programm. Deutsch lesen und schreiben lernen die Kinder entweder in einer Privatschule, im Elternhaus oder gar nicht. Deutsch sprechen funktioniert, klar, aber Deutschunterricht steht in den spanischen Schulen nun mal nicht auf dem Lehrplan. Die Rechtschreibung bleibt bei vielen auf der Strecke.

Lernen zu Hause, von den Eltern

Dagegen hilft nur eines: Selbst aktiv werden. „Möglichkeiten gibt es viele“, sagt Bettina Höner von der Deutschen Buchhandlung in Paguera. „Die Schulbuchverlage bieten eine gute Auswahl an Übungsheften und Material zu kleinen Preisen bei mir in der Buchhandlung und das kann sich jeder leisten.“
Wir waren uns sicher, dass viele Eltern den Weg in die Buchhandlung suchen. Weit gefehlt. „Meist kommen die Omas. Sie sehen viel weiter voraus, machen sich Gedanken über die Enkelkinder und den möglichen Rückzug nach Deutschland. Nicht selten haben die Großeltern bereits Geld in die Auswanderung ihrer Kinder gepumpt und wissen oder ahnen zumindest, dass ‚zurück‘ in absehbarer Zeit die einzige Option sein wird.“ Erzählt Bettina Höner. Die kluge ‚abuela‘ (Oma) baut also vor.

Einen weiteren Tipp, den Kindern die Muttersprache beizubringen, hat Bettina auch noch parat: Zuhause den Unterrichtsstoff auf Deutsch wiederholen, der in der spanischen Schule gerade drangenommen wird. So verhindert man am Ende des Tages auch, dass aus Wasser plötzlich Wassa wird.

Share This