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Die Problematik des „Eat the Rich“-Motivs
Seit dem Erfolg von „The White Lotus“ erlebt das „Eat-the-rich“-Genre einen Aufschwung. Doch eine tiefgreifende Kapitalismuskritik bleibt in vielen Serien aus. Stattdessen dominieren oft verstörende Einblicke in das Leben der Superreichen.
Aktuell verfolgen etwa 20 Millionen Netflix-Nutzer die Serie „Sirens“, in der es um das Scheitern auf einer luxuriösen Insel vor Massachusetts geht. In einem Vorort von Kopenhagen, der „Das Reservat“ genannt wird, zieht eine weitere Serie über die dänische Oberschicht rund zehn Millionen Zuschauer an.
Beide Serien beleuchten die dunklen Seiten der Reichen in einer extrem luxuriösen Umgebung. „Eat-the-rich“ ist das Thema, das von Streaming-Diensten seit Jahren immer wieder aufgegriffen wird. Doch die Pioniere wie „The White Lotus“ oder „Succession“ haben die Messlatte hochgelegt. Ihnen gelingt es, antikapitalistische Botschaften unterhaltsam, tragikomisch und in prächtiger Aufmachung zu vermitteln. Beide Serien wurden mit jeweils über 20 Emmys ausgezeichnet; das Staffelfinale von „The White Lotus“ erreicht regelmäßig neue Rekordwerte.
Sie muss Angst haben vor Armut, so wie jeder, den wir kennen
Seit der Pandemie agieren die „Eat-the-rich“-Serien wie ein Seismograf der Gesellschaft. Das Leben der Superreichen kann nicht mehr unkritisch als Fluchtwelt dargestellt werden, nicht einmal in rein fiktiven Geschichten über Millionäre. Reiche emittieren mehr CO₂ als der Rest der Welt, besitzen Konten auf den Caymaninseln und Helikopterlandeplätze auf ihren Villendächern. Ja, die Reichen kommen nicht ungeschoren davon. Sie sind nicht nur ein Dorn im Auge von Klimaschützern, sondern von jedem, der an den Klimawandel, soziale Gerechtigkeit oder die nachhaltige Zukunft unseres Planeten glaubt.
Gerade jetzt, da die Kluft zwischen Arm und Reich weiter wächst und der schrumpfende Mittelstand über die Preise von Butter an der Supermarktkasse klagt, ist die Angst vor sozialem Abstieg spürbar. Der Klassenkonflikt erlebt ein Revival – das macht die Superreichen in Serien zu legitimen Zielscheiben des Hasses, besonders bequem von der Couch aus, vor Netflix.
Mike White hat mit „The White Lotus“ das Reichen-Bashing im Serienkosmos etabliert. Obwohl auch seine Figuren zu jenem einen Prozent der Weltbevölkerung gehören, das die Hälfte des weltweiten Gesamtvermögens besitzt, ist es eher Zufall, dass sie dekorativ in der azurblauen Südsee zwischen Palmen straucheln. Als White während der Corona-Pandemie die erste Staffel schrieb, musste seine Serie auf einer Insel spielbar sein – weit entfernt von Großstädten und Maskenpflicht. White, selbst bisexuell und genderflexibel, kompensierte die fehlende Infrastruktur mit Mut und einem Hauch von Wahnsinn.
Die Äußerungen seiner Protagonisten sind schmerzhaft banal, sie fallen beiläufig und treffen ins Schwarze: „Ich will nicht, dass sie denkt, dass Armut eine Option ist. Sie muss Angst haben vor Armut. So wie jeder, den wir kennen …“, sagt Victoria Ratliff (Parker Posey), als ihre Tochter in ein buddhistisches Kloster ziehen will, wo jeder Besitz untersagt ist.
Angst vor Armut und das Streben nach Reichtum sind die zentralen Motive von „Eat-the-rich“. Arme und Reiche sind immer Gegensätze, niemand gewinnt – ein Happy End gibt es nicht, das gilt als oberflächlich und typisch für die 90er: Damals waren Geschichten über Reiche wie „Pretty Woman“ oder „O.C., California“ reine Projektionsflächen für Sehnsüchte und Hoffnungen. Heute spiegeln Serien über Reiche oft eine merkwürdige Hoffnungslosigkeit.
Eine nachhaltige Kapitalismuskritik im Sinne von Rousseaus Gedanken („Wenn das Volk nichts mehr zu essen hat, wird es die Reichen essen“) erreicht kaum eine neue Serie wirklich. Es ist noch lange kein Klassenkampf, wenn die Kamera auf Yachten, das Frühstücksbuffet im Four Seasons oder das Champagnerglas im Learjet hält – das ist zunächst nur inszenierte Dekadenz. Auch deshalb scheitern die Reichen in den Nachfolgeproduktionen von „The White Lotus“ häufig in sinnloser Schönheit.
In „Sirens“ geht es um zwei Schwestern in zwei Welten und die Verlockung des Geldes. „Warum sollte ich nicht durch eine Tür gehen, die sich öffnet?“, fragt die jüngere die ältere Schwester. Diese Frage stellt sich jeder Protagonist in jeder „Eat-the-rich“-Erzählung: Alle treten durch Türen, die von der einen in die andere Welt führen. Manchmal steigen die Mittellosen auf, manchmal geht es für die Superreichen abwärts. Alles ist möglich – das ist das Wesen des Kapitalismus, den die Klassengesellschaft laut marxistischer Lehre hervorgebracht hat. Extremes Vermögen ist demnach die logische Konsequenz der kapitalistischen Gesellschaft.
Aber nicht nur die „Sirens“ auf Nantucket bewegen sich auf dünnem Eis zwischen Zitatkitsch und dekadenter Opulenz durch die Serien-Charts. Auch hochkarätige Hauptdarsteller können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Handlung oft zu einfach bleibt. In „Das Reservat“ wird zwar der Rassismus der Reichen thematisiert, doch die Protagonisten wirken wie nach Schablone entworfene Stereotypen.
Ein Beispiel: Der 15-jährige Oberschicht-Teenager äußert sich über sein vermisstes Au-pair folgendermaßen: „Sie muss doch tun, was ich will, sie ist dafür da, mich zu mögen …!“ Echt jetzt? Als wäre sie ein Haustier? Haben die gebildeten, wohlhabenden Eltern ihm nichts über Menschenwürde, Fairness oder Feminismus beigebracht? Auch hier verliert sich das anspruchsvolle Genre in der platten Frage: Was ist schon ein philippinisches Au-pair-Mädchen wert? Die schwarze Ermittlerin bringt die gesellschaftliche Schieflage auf den Punkt: „Sie ist doch nur eine kleine, verschissene Null in deren Welt.“
Eskalation als Prinzip
Mike Whites Reiche sind keine glatten Kapitalisten, das Servicepersonal sind keine „bösen Parasiten“, und die Figuren dazwischen sind eben nur normal gestört. Sie alle sind Antihelden, die in beinahe jeder Situation mit traumwandlerischer Sicherheit die falsche Entscheidung treffen und das Unpassende sagen – und damit beim Publikum identifikatorische Fremdscham auslösen. Etwa, wenn Multimillionärin Tanya (Jennifer Coolidge) mit gefühlt zwei Promille im Blut versucht, die Asche ihrer verstorbenen Mutter im Meer zu verstreuen, oder wenn sie auf jeden erstbesten Heiratsschwindler hereinfällt.
In „The White Lotus“ gibt es keine Helden. Niemand setzt übermenschliche Kräfte selbstlos für andere ein. Die Figuren sind gewöhnliche Menschen: Sie kämpfen mit Blähungen, Drogenproblemen, Untreue, Angststörungen – oder mit Teenagern, die sie manchmal am liebsten auf den Mond schießen würden. In der dritten Staffel nimmt der Tod bizarre Formen an. Selbst eine versehentliche sexuelle Begegnung zwischen den Ratliff-Brüdern (Patrick Schwarzenegger und Sam Nivola) nach einem Drogentrip wirkt weniger als ein Tabubruch, sondern eher wie eine weitere Provokation des Erzählers. In dieser Welt eskalieren Menschen in jeder Hinsicht – und bleiben trotzdem irgendwie sympathisch.
Eskalation ist auch das Zauberwort des Class-Clashs auf der Kinoleinwand, das Kritiker gerne als kathartische Entladung furioser Ungerechtigkeit feiern. Der mehrfach Oscar-prämierte „Parasite“ aus Korea gilt hier als Vorreiter: Er zeigt, wie eine arme Familie in einer Souterrainwohnung in Seoul eine wohlhabende Familie unterwandert. Das kraftvolle Aufeinanderprallen zweier Welten erfordert starke Nerven. Ob die Eskalation tatsächlich als symbolisches Ventil für die Ängste der Gegenwart funktioniert, bleibt offen. Sicher ist: Niemand verlässt das Kino unbeeindruckt.
Auch in „Triangle of Sadness“ werden Zuschauer fünfzehn Minuten mit einer grotesken Szene konfrontiert: Eine Gruppe Reicher auf Kreuzfahrt wird beim „Kapitänsdinner“ von einer absurden Exkrementenorgie überrascht, als das Essen während der Seenot aus allen möglichen Körperöffnungen zurückkehrt. Das lässt sich als kathartische Entladung interpretieren, ein Ventil für aufgestaute Emotionen im Sinne marxistischer Gesellschaftskritik – muss es aber nicht. Das anfängliche Lachen über explodierende Toiletten und Eskapaden mag befreiend wirken, doch irgendwann hält man sich die Hände vors Gesicht, um sich vor der eigenen Übelkeit zu schützen.
In „Glass Onion: A Knives Out Mystery“, der auch als „Eat-the-rich“-Klassiker gilt, bleibt einem dies erspart. Wieder eine Insel, wieder ein Krimi mit Täterraten, diesmal begleitet von bis zum Äußersten getriebener, unterhaltsamer Dekadenz. Nur die sozialkritischen Töne wirken fast wie im Kindertheater: Am Ende ist es ausgerechnet die Einzige, die als Normalverdienerin der arbeitenden Klasse gilt, die den ganzen perversen Reichtum in Flammen aufgehen lässt.
Und apropos Kapitalismuskritik: Netflix soll allein für die Rechte an der dreiteiligen Krimireihe 450 Millionen US-Dollar gezahlt haben, das Honorar von Daniel Craig beläuft sich angeblich auf insgesamt 92 Millionen US-Dollar. Damit persifliert sich das Genre womöglich am Ende selbst.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.