In diesem Super-Mercedes fühlt man sich auch nach zwei Jahrzehnten noch mitten im Sturm
Zwanzig Jahre nach seiner Einführung erscheint der Mercedes SLR Stirling Moss immer noch außerirdisch. Eine Wüstenfahrt offenbart erneut, warum dieser extreme Roadster zu den seltensten und ungezügeltesten Supersportwagen seiner Ära zählt.
Es gibt Fahrzeuge, die sind schnell vergessen, sobald man sie abgestellt hat. Und dann gibt es Autos wie den Mercedes SLR Stirling Moss, die eine derart starke Erinnerung hinterlassen, dass schon der bloße Gedanke daran Gänsehaut verursacht. Obwohl die erste Fahrt nun schon fast zwei Jahrzehnte zurückliegt, lässt man sich die Chance, dieses Auto erneut zu erleben, nicht entgehen. Selbst wenn dies bedeutet, in die Emirate zu reisen, wo dieser mittlerweile zum Youngtimer gereifte Ausnahmesportwagen bei der Mille Miglia Experience seinen legendären Ruf zementiert.
Er ist der extremste und mit nur 75 gebauten Exemplaren auch einer der seltensten Supersportwagen der 2000er Jahre, ein echter Traum aller Petrolheads. Zudem bieten Dubai und Abu Dhabi gerade das perfekte Wetter für einen Roadster, dem nicht nur das Dach, sondern auch die Windschutzscheibe fehlt. Auch wenn man – ein wenig weiser und vorsichtiger geworden – mittlerweile nicht mehr nur mit Sonnenbrille, sondern mit Helm fährt, möchte man sich das im deutschen Dezember kaum vorstellen.
Am Golf, auf Straßen, die so glatt und eben sind wie der Marmor in den Palästen, und in Nächten, die warm und klebrig sind wie Motoröl, verheißt der SLR Verlockung und Versprechen zugleich. Selbst hier, wo man mehr Ferraris sieht als Fords und die Dichte an AMG-Modellen größer ist als in manchen Berliner Bezirken, erscheint er wie ein außerirdisches Raumschiff auf Zeitreise, das irgendwo in der Milchstraße falsch abgebogen ist. Doch seine Anziehungskraft ist magisch, und selbst wenn du den Schlüssel in der Hand hältst, gibt er den Ton an. Seine Botschaft ist eindeutig, mehr Befehl als Bitte: Fahr mich!
Aye-aye, Sir, sehr gerne. Schon das Einsteigen fühlt sich mehr nach Vorbereitung auf die Mille Miglia an als nach einem Spaziergang über eine prahlerische Promenade. Kein Dach, keine Windschutzscheibe, nicht einmal der Hauch eines Versuchs, Komfort zu simulieren. Die Sitze sind spartanisch, die Klimaanlage hier in der Wüste kaum mehr als eine Fata Morgana. Wie einst die Rennfahrerlegende Stirling Moss, der am 30. April 1955 um 7:22 Uhr in Brescia startete, setzt man nur den Helm auf, schnallt sich an, und im Kopfkino beginnt sofort der Schwarz-Weiß-Film seiner Rekordfahrt, bei der er auf 1.600 Kilometern öffentlicher Straßen mit einem Durchschnitt von fast 158 km/h die Geschichtsbücher des Motorsports neu schrieb und zugleich seine Unterschrift auf den Mitteltunnel dieses Millionenobjekts setzte.
Ob der Film stumm war oder Ton hatte? Keine Ahnung. Denn hier und heute gibt nur einer den Ton an. Der 5,5 Liter große V8 unter der endlosen Haube, der schon im Leerlauf grummelt wie ein schlecht gelaunter Preisboxer, der unbedingt in den Ring will und der Welt wütend seine Fäuste zeigt: 650 PS, 820 Nm, Heckantrieb und ein ESP aus der Zeit vor dem iPhone – ein Antrieb wie ein Schlag in die Magengrube. Kaum berührt ein Schatten den Gaspedal, schiebt der Stirling Moss gewaltig an und der Horizont scheint zum Greifen nah.
Der Schub ist brutal und ungefiltert. Keine raffinierte Elektronik, die ihn bremst, kein Allradantrieb, der um Traktion ringt, und kein aufgesetztes Sounddesign. Nur ein Kraftwerk mit einem kreischenden Kompressor und zwei Sidepipes, aus denen es direkt hinter den Vorderrädern so laut knallt wie bei Phil Collins‘ Schlagzeug-Solo in „In The Air Tonight“.
Mehr als ein Ausstellungsstück
Das passt doppelt. Nicht nur wegen des Sounds, sondern auch wegen des Sturms, der hier entfacht wird. Denn schon bei Tempo 60 bläst dir der Fahrtwind kräftig gegen den Helm: Wenn du nach 3,5 Sekunden 100 km/h erreichst, kostet es schon reichlich Kraft, den Kopf gerade zu halten, und bei 200 fühlt es sich an, als würde der Sturm deinen Schädel mit einem Presslufthammer bearbeiten. Kaum vorstellbar, dass dieses Auto über 350 km/h fahren kann. Kein Zweifel am SLR, aber an meinem Skelett.
Also nimmst du lieber früher als später den Fuß vom Gas und tarnst die eigene Schwäche als Rücksicht auf den rasenden Rentner. Schließlich ist der Stirling Moss mittlerweile ein Millionending. Als Mercedes den Überflieger 2009 auf den Markt brachte, um den schleppenden Verkauf des zusammen mit Formel-1-Partner McLaren entwickelten SLR anzukurbeln, kostete er stolze 892.500 Euro. Und während Coupé und Roadster weit unter dem Verkaufsziel von 3.500 Autos blieben, war der Stirling Moss sofort ausverkauft und wurde so zum sofortigen Mythos. Seit der Namensgeber vor fünf Jahren verstarb, muss das Auto die Erinnerung an einen der berühmtesten britischen Rennfahrer wachhalten. Deshalb ist dieser SLR kein Ausstellungsstück für eine klimatisierte Sammlung. Sondern ein Auto, das nach der Straße schreit und gefahren werden will.
Bei Sammlern steht er natürlich hoch im Kurs. Längst haben diese verdrängt, dass der Extremist damals vor allem zur Verkaufsförderung gebaut wurde, weil der gewöhnliche SLR trotz seiner atemberaubenden Formen und seiner spektakulären Fahrleistung nicht so recht zünden wollte. Heute steigen die Preise für Coupé und Cabrio, und für den Stirling Moss zahlen die Sammler bei Auktionen mittlerweile das Doppelte oder Dreifache. Kein Wunder, sagt Marcus Breitschwerdt, der Chef der Heritage-Abteilung von Mercedes-Benz: „Immer, wenn Mercedes-Benz großen Aufwand treibt, auf höchstem Niveau besonders spektakuläre Autos baut und obendrein die Stückzahlen klein hält, werden die Enthusiasten hellhörig.“
Genau wie das Auto ist aber auch die Idee dahinter unvergessen und lebt deshalb gerade wieder auf. Bei McLaren, weil sie nach diesem Konzept den Elva gebaut haben, und bei Mercedes ebenfalls. Denn so, wie damals der SLR ohne Sir Stirlings Hilfe nicht so recht in Fahrt kommen wollte, dümpeln 20 Jahre später auch die Zulassungen des Mercedes SL weit unterhalb der Erwartungen. Und wieder muss der Rennsport herhalten und ein radikaler Roadster soll es richten. Deshalb gibt der große Gleiter neuerdings als AMG Pure Speed den stürmischen Fighter, der mit einem vom Halo inspirierten Überrollbügel ein bisschen Formel-1-Flair auf den Boulevard der Eitelkeiten bringt. Wieder ohne Scheibe, wieder radikal offen, wieder saumäßig teuer und wieder extrem selten. Aber vor allem wieder ein Auto, das eher für Momente gemacht ist als für lange Strecken. Selbst wenn er die mit 585 PS und 316 km/h Spitze so heißhungrig verschlingt wie die Schleckermäuler dieser Welt die Dubai-Schokolade.
Der PureSpeed steht noch am Anfang – aber er wirkt wie eine vorsichtige Verbeugung in Richtung Vergangenheit. Wie ein „Wir wissen, wo wir herkommen“. Und auch wenn es diesmal 250 statt 75 Exemplare gibt und der Spaß erst bei 922.500 Euro beginnt, ist sich Breitschwerdt sicher, dass auch dieser offene Extremist eine Karriere als Sammlerstück machen wird. Ob er damit am Ende recht hat, wird sich zeigen. Aber wenn man nachts in Dubai mit einem Stirling Moss durchs warme Dunkel hämmert, wird einem eines klar: Es wird Zeit, dass dieses Erbe weiterlebt.
Die Spritztour mit dem SLR Stirling Moss war für Thomas Geiger ein Wiedersehen nach 20 Jahren. Der Roadster von Mercedes war einer der ersten Supersportwagen, den er jemals fahren durfte – ein unvergessliches Erlebnis.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.