Wir sollten alle etwas weniger cool sein!
Cool zu sein ist heutzutage ein weitverbreitetes Ideal: Jeder möchte autonom agieren, keine Schwächen und schon gar keine Verletzlichkeit offenbaren. Doch ist das wirklich erstrebenswert? Ein Argument dafür, dass es auch okay ist, Gefühle zu zeigen.
Die Illusion von Coolness
Leonard Cohen, den niemand ernsthaft als uncool bezeichnen würde, wird oft mit den Worten zitiert: „Cool zu sein ist heute die Norm. Ich habe nie verstanden, was das wirklich bedeutet. Meiner Auffassung nach bedeutet Coolsein, niemanden zu benötigen. Ich war immer auf andere angewiesen, daher war ich nie cool.“ Viele Menschen sehen das jedoch anders. Coolness ist die Fähigkeit, stets gelassen und distanziert zu wirken, emotional unberührt zu bleiben und Schwäche oder Empfindsamkeit nicht zu zeigen – eine Eigenschaft, die weltweit angestrebt wird.
Erst kürzlich berichtete das Magazin „Geo“, dass Darwins Ururenkelin die Natur wieder cool machen möchte. Die „Rheinische Post“ stellte die Frage, ob die US-Kultur seit Donald Trump noch cool sei. Diese Beispiele zeigen, wie allgegenwärtig das Thema ist. Besonders deutlich wurde dies, als das „Journal of Experimental Psychology“ aus den USA die Studie „Cool People“ veröffentlichte, die weltweit für Aufsehen sorgte.
Die Studie zeigte, dass Coolness heute weltweit ähnlich definiert wird, nämlich als Mischung aus Extrovertiertheit, Hedonismus, Macht, Abenteuerlust, Offenheit und Unabhängigkeit.
Die dunkle Seite der Coolness
Insbesondere die Unabhängigkeit, also die Freiheit, tun und lassen zu können, was man möchte, wird oft betont. Udo Lindenbergs Song „Mein Ding“ könnte man als Hymne auf diese Art von Coolness verstehen – es sei denn, man erlebt, wie Clemens Tönnies, der vermögende Großschlachter und ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende von Schalke 04, den Song auf einer Betriebsfeier schmettert. Plötzlich wirkt der Song wie eine Verklärung von Eigensinn und Arroganz.
Wenn über Coolness gesprochen wird, geht es oft um eine globale Superfähigkeit. Doch könnte sie auch das Ende von Gemeinschaft und Zusammenhalt bedeuten. Coolness wird einem Menschen oft zugeschrieben, ähnlich wie Charisma oder Genialität. Niemand, der bei Verstand ist, sollte von sich behaupten: „Schaut her, wie cool ich bin!“
Uncool war es daher, als der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz in einem Interview meinte, er sei in Staatsangelegenheiten „cooler als Friedrich Merz“ – eine Aussage, die von Markus Söder, dem Vorsitzenden der CSU, schnell lächerlich gemacht wurde.
Legendäre Coolness und ihre Fallstricke
Berühmtheiten wie Willy Brandt oder der Schauspieler Steve McQueen gelten als Inbegriffe von Coolness. Auch der Jazzmusiker Miles Davis, der mit seinem Album „Birth of the Cool“ einen Meilenstein setzte, wird oft mit Coolness in Verbindung gebracht. Doch abseits der Bühne galt Davis als schwierige Persönlichkeit – ausgesprochen uncool.
Coolness ist ein komplexes Phänomen. Man ahnt intuitiv, was darunter zu verstehen ist, doch es bleibt schwer fassbar. Das macht Coolness umso anziehender und hat zu zahlreichen Publikationen geführt, wie beispielsweise Ulf Poschardts kulturphilosophische Untersuchung „Cool“, die beschreibt, wie Individuen in einer sozial kalten Zeit „einfrieren“, um zu überleben.
Das Lifestyle-Magazin „Esquire“ veröffentlichte kürzlich eine Liste mit 38 Tipps, wie man „wirklich cool“ sein kann, darunter Vorschläge wie „Jeden Tag etwas erleben“ oder „Das eigene emotionale Konto wie ein Börsenprofi beherrschen“. Doch sind solche Ratschläge wirklich sinnvoll?
Nur Jugendliche sollten zwischen cool und uncool unterscheiden
Wenn heute versucht wird, Coolness als Schlüsseleigenschaft zu etablieren, könnte das ein grobes Missverständnis sein. Coolness spaltet eher, als dass sie vereint. Der Erziehungswissenschaftler André Schütte sieht Coolness höchstens für Jugendliche als sinnvoll an, um sich abzugrenzen und die eigene Identität zu finden.
Ein weiterer Punkt, der gegen Coolness spricht: Extrem rechte Parteien und Positionen werden zunehmend als cool empfunden, besonders von jungen Menschen. Das liegt daran, dass Coolness einen rebellischen Kern hat, der gut zu einer Anti-Haltung passt.
Um zu verhindern, dass die Gesellschaft auseinanderfällt, wäre es besser, auf Empathie zu setzen. Fehler zuzugeben und integrativ statt exklusiv zu handeln, sind Verhaltensweisen, die leider als maximal uncool gelten. Vielleicht sollten wir also mehr Leonard Cohen wagen und die Coolness vom Sockel stoßen. Wie das deutsche Model Anna Hiltrop es ausdrückt: „Kindness is the new cool!“ Das wäre doch ein guter Anfang.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.