Ein Berliner Mann schildert, wie sich seine Ehe über Jahre in eine Gewaltspirale verwandelte: Zuerst verbale Demütigungen, dann körperliche Attacken — schließlich fürchtete er um sein Leben und verließ die Beziehung. Sein Fall steht exemplarisch für ein wachsendes Problem: immer mehr Männer suchen Hilfe, bleiben aber oft lange allein mit ihrem Leid.
Heiko (Name geändert) berichtet von wiederkehrenden Übergriffen, die sich mit der Zeit verschärften. Anfangs waren es Beschimpfungen und Drohungen, später folgten Schläge und Würgen, schließlich auch Angriffe mit Gegenständen aus dem Haushalt. Die Gewaltausbrüche traten immer häufiger auf; irgendwann gab es kaum noch einen Tag ohne neue Eskalation.
Er schwieg lange aus Scham und aus Angst vor Stigmatisierung. Erst als die Angst, ernsthaft zu Schaden zu kommen, Überhand gewann, suchte er einen Ausweg und verließ die gemeinsame Wohnung. Sein Weg raus aus der Beziehung war schwierig und erforderte rechtliche und psychologische Unterstützung.
Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden im vergangenen Jahr insgesamt 265.942 Fälle von häuslicher Gewalt registriert, und rund 27 Prozent der Betroffenen waren Männer. Zugleich melden Beratungsstellen eine stärkere Nachfrage von Männern: 2024 suchten demnach 751 männliche Hilfesuchende Schutz- und Beratungsangebote auf — ein Plus von etwa 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahlen verdeutlichen, dass das Thema zunehmend sichtbar wird.
Warum das jetzt relevant ist
Die gestiegene Meldebereitschaft hat zwei wichtige Folgen: Zum einen rückt die Notwendigkeit einer geschlechterübergreifenden Versorgung in den Fokus — Männer brauchen ebenso erreichbare Anlaufstellen und Schutzräume wie Frauen. Zum anderen zeigt die Entwicklung, dass Tabus langsam aufweichen und Betroffene eher bereit sind, Hilfe zu suchen.
Dennoch bleiben Hürden: Viele Männer berichten von Schamgefühlen, Unsicherheit darüber, wo sie Unterstützung finden, oder von Befürchtungen, nicht ernst genommen zu werden. Das verzögert Hilfe und erhöht das Risiko weiterer Verletzungen.
Was Betroffene sofort tun können
- Bei akuter Gefahr: Sofort die Polizei alarmieren (Notruf 110).
- Sicherheit zuerst: Möglichst ein sicherer Ort — bei Freunden, Verwandten oder einer Beratungsstelle — suchen.
- Dokumentation: Verletzungen und Vorfälle zeitnah notieren, Fotos und Zeugenaussagen sichern.
- Beratung in Anspruch nehmen: Lokale Gewaltschutz- und Opferhilfeeinrichtungen kontaktieren; viele bieten anonyme Erstgespräche.
- Rechtliche Schritte prüfen: Anzeige, einstweilige Verfügungen oder Wohnungsverweis können Schutz bieten — juristische Beratung hilft, die Optionen zu klären.
Neben diesen Sofortmaßnahmen ist die psychische Versorgung wichtig. Traumatische Erfahrungen wirken lange nach; spezialisierte Therapeutinnen und Therapeuten sowie psychosoziale Beratungsstellen können beim Verarbeiten und beim Aufbau neuer Perspektiven unterstützen.

Was fehlt bislang
Obwohl die Nachfrage steigt, sind spezialisierte Angebote für männliche Opfer regional sehr unterschiedlich ausgebaut. In vielen Regionen fehlen ausreichende Schutzunterkünfte, niedrigschwellige Beratungsangebote und Aufklärungsangebote, die gezielt Männer erreichen. Das hat politische Relevanz: Kommunen und Träger müssen Kapazitäten schaffen, damit Hilfesuchende nicht abgewiesen oder in Wartezeiten gedrängt werden.
Heikos Fall macht deutlich, wie wichtig Sichtbarkeit und verlässliche Hilfe sind. Der Weg aus einer gewalttätigen Beziehung gelingt leichter, wenn Betroffene frühzeitig Unterstützung finden — juristisch, psychologisch und in praktischer Hinsicht.
Wenn Sie oder jemand in Ihrem Umfeld betroffen ist: Zögern Sie nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei unmittelbarer Gefahr wählen Sie den Notruf; für vertrauliche Beratung wenden Sie sich an lokale Opferhilfen oder weiterführende Beratungsstellen.
Ähnliche Artikel
- Palina Rojinski zu häuslicher Gewalt: fordert mehr Hilfe für Betroffene
- Toxische Beziehung: wie Prägungen uns im Bleiben gefangen halten
- Narzissmus gefährdet psychische Unabhängigkeit: Therapeutin warnt vor manipulativen Mustern
- Gerichtsvollzieher beendet Beziehung: Schulden führen zur Trennung
- Freund wird Vater mit anderer Frau: Veronika blieb völlig ahnungslos

Johanna Feldner ist Paartherapeutin und bietet praktische Ratschläge, um Beziehungen stark und harmonisch zu halten. Sie glaubt, dass Kommunikation der Schlüssel zu einer erfüllten Partnerschaft ist.
