Achtung: „Der will nur spielen!“ – Warum Sie keine Angst haben müssen

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Von : Larissa Vogler

Keine Angst, der will nur spielen

Keine Sorge, er spielt nur

Vor einem halben Jahrhundert begann Steven Spielberg mit den Dreharbeiten zu „Der weiße Hai“ auf Martha’s Vineyard an der Nordostküste der USA. Heute können Fans den Nervenkitzel des Tierhorrorfilms mit einem Lego-Set für Erwachsene nachempfinden. Eine Anleitung für eine Geschichte über tief verwurzelte Ängste, die nie vollständig erzählt ist.

Das Monster will einfach nicht verschwinden. Trotz seiner spektakulären Zerstörung durch eine Explosion in Steven Spielbergs Regiearbeit. Es sind nun 50 Jahre vergangen, seit Spielberg den Grundstein für den legendären Film legte. Im dramatischen Höhepunkt des Films wird der tödliche Fisch von Martin Brody, dem Polizeichef der Insel, in Stücke gerissen: Zuerst wird eine Pressluftflasche in sein Maul gestoßen und dann mit einem Gewehr darauf geschossen – Bam. Ende. Oder doch nicht? Spielbergs Darstellung hat bei vielen Menschen eine tiefe, irrationale Angst vor Haien geweckt, die auch fünf Jahrzehnte später noch stark präsent ist und eine Unzahl an Spielzeugen, Spielen und anderen Merchandise-Artikeln hervorgebracht hat. Eine endlose Horrorgeschichte über Urängste, die nie ganz abgeschlossen scheint.

Nun ist es möglich, die Jagd auf einen menschenfressenden Hai, der einen Urlaubsort terrorisiert, spielerisch nachzuerleben – mit einem Lego-Set für Erwachsene. Auf der Verpackung steht „18 +“. Solche Altershinweise wurden vom Spielzeughersteller schon vor Jahren eingeführt, meist für besonders komplexe Bausätze, die jüngere Kinder nur frustrieren würden. Dazu zählen Bausätze wie die Tower Bridge, der Eiffelturm oder das Star-Wars-Raumschiff „Millennium Falke“ (16+). Die Tage, in denen es als merkwürdig galt, wenn Erwachsene mit Lego spielten, sind längst vorbei. Heute sind diese „Kidults“, wie sie im Marketingsprech genannt werden, eine profitable Zielgruppe.

Spielberg ließ damals drei hydraulisch betriebene Hai-Attrappen bauen, die jeweils sieben Meter fünfzig lang waren. Weil diese im salzigen Atlantikwasser nur selten funktionierten, stiegen die Produktionskosten von anfangs vier auf zwölf Millionen Dollar. Der Film drohte ein Desaster zu werden, der Regisseur stand kurz vor der Entlassung. Da Spielberg seinen Killerhai kaum zeigen konnte, musste er vieles aus der Perspektive des Hais filmen, was die Spannung nur noch erhöhte. Der Film wurde zu einem weltweiten Erfolg und legte das Fundament für Spielbergs andauernde Karriere.

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Der Lego-Hai ist keine sieben Meter fünfzig lang, sondern nur etwa 27,5 Zentimeter. Die Kosten sind jedoch bei Weitem nicht so exorbitant wie bei Spielberg damals: 149,99 Euro statt zwölf Millionen US-Dollar. Für dieses Geld erhält man neben dem Hai auch eine Figur des Polizeichefs Brody, des Meeresbiologen Matt Hooper, des Haijägers Quint sowie das Schiff „Orca“, mit dem die drei dem Raubtier nachstellen. Das Set umfasst 1497 Teile und je nach Geschicklichkeit benötigt man drei bis vier Stunden für den Zusammenbau.

Wer die gedruckte Anleitung zu mühsam findet, kann sich eines der zahlreichen Aufbau-Videos auf YouTube ansehen. Dort zeigen sich vor allem Männer, die sich auf ihren T-Shirts gerne als „Profinerds“ bezeichnen. Diese Lego-Influencer geben nicht nur Tipps, sondern bewerten das Set auch sachkundig, ähnlich einem Sommelier, der einen edlen Wein empfiehlt. Ein kleiner Mangel am „Weißen Hai“-Set sei laut einem Profinerd, dass die Figur Quint im Gegensatz zu den anderen beiden keine mit Taschen bedruckte Hose hat. Ansonsten seien die „Torsi“ der Helden sowie der Hai selbst „super gut“.

Das Lego-Set ist nur die Spitze eines Eisbergs aus „Der weiße Hai“-Devotionalien, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben, in einer sich ständig ausweitenden Parallelwelt. Natürlich, Spielbergs Film gilt als der erste Blockbuster der Geschichte, und schon bei dessen Kinostart gab es T-Shirts, Tassen und sonstigen Schnickschnack mit Hai-Motiven. Aber das waren bescheidene Anfänge im Vergleich zu den heutigen, global angelegten Marketing-Offensiven, wie wir sie von Superhelden- und Star-Wars-Filmen kennen, wo Geschäfte und Online-Portale schon Monate vor dem Kinostart mit Spielzeugen, Spielen und anderen Produkten überschwemmt werden.

Hai-Devotionalien, wie das Lego-Set oder auch ein „Jaws“-T-Shirt bei H&M, sind insofern kurios, weil sie erst mit erheblicher Verspätung, ein halbes Jahrhundert nach dem Filmstart, entstanden sind. Erdacht von und für jene Nerds, die den Film damals sahen, als er erstmals in die Kinos kam, und auch für all die nachfolgenden Zuschauergenerationen, die den Klassiker erst im Fernsehen und Streaming entdeckt haben.

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In dieser Parallelwelt gibt es inzwischen fast nichts, was es nicht gibt. So auch ein „Der Weiße Hai“-Brettspiel von Ravensburger – ein Strategiespiel in zwei Akten. Worum es geht? Den Hai zur Strecke bringen und selbst nicht gefressen zu werden. Es ist eine Mischung aus „Trivial Pursuit“ und „Mensch, ärgere dich nicht“ für vier Spieler: drei Haijäger treten gegen einen Hai an. Aber anders als im Film kann derjenige, der den Hai spielt, in diesem Szenario gewinnen. Am Ende würfelt man darum, nicht gefressen zu werden. Und, ja, Spoiler-Warnung: Man sollte den Film vorher gesehen haben, sonst dürfte man am Spielverlauf und all den Ereigniskarten mit Original-Zitaten aus dem Film (Chief Brody: „Sie werden ein größeres Boot brauchen.“) überfordert sein.

Was es sonst noch gibt: Ein Puzzle mit dem Motiv des Film-Plakats (1000 Teile) oder das demnächst in Großbritannien und Irland zu sehende Theater-Stück „The Shark Is Broken“, in dem Ian Shaw, der Sohn von Quint-Darsteller Robert Shaw, die Dreharbeiten nachspielt. Wer nicht den Überblick verlieren will, wird über die Website thedailyjaws.com mit einem täglichen Newsletter über wirklich fast alles auf dem Laufenden gehalten, was mit Spielbergs legendärem „weißen Hai“ oder „Jaws“, wie der Film im englischen Original heißt, zu tun hat.

Der Jaws-Kalender für 2025 ist zurzeit vergriffen, aber zu den Plänen, zum 50. Jahrestag des Kinostarts 2025 ein Jaws-Fest auf der Insel Martha’s Vineyard zu veranstalten, werden stets die aktuellen Wasserstandsmeldungen veröffentlicht. Und, weil ja bald Heiligabend ist, bietet der Shop der Website „Jaws“-Weihnachtsbaumschmuck an: Statt Christbaumkugeln sind ein Haikäfig, eine Sauerstoffflasche oder ein Schild der Orca zum Anhängen für 28,95 Euro im Angebot.

Nein, dieses Biest wird nie sterben. Da half es auch nicht, dass Spielberg zuletzt bereute, den Hai als blutrünstigen Killer dargestellt und dadurch mit für den Rückgang der weltweiten Hai-Population durch erhöhte Jagd und Überfischung beigetragen zu haben.

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Trotzdem kommen in jedem Jahr wieder neue Hai-Filme ins Kino. Das Spektrum reicht von Reihen wie „Sharknado“, in der sich Haie aus Tornados auf ihr Opfer stürzen bis zu Thrillern über Urzeithaie wie „Meg“. Nicht zu vergessen all die Trash-Varianten wie „Der weiße Hai in Venedig“ oder zuletzt auf Netflix der Film „Im Wasser der Seine“, in dem Haie Paris unsicher machen.

„Komaglotzen wird eine völlig neue Qualität erhalten“

Auf den Boom der „Sharksploitation“ angesprochen, sagte Spielberg 2015 mal zu WELT, er habe keinen dieser Filme gesehen. „Aber ich weiß, dass es sie gibt und dass es Leute gibt, die sich das gerne ansehen. Diese Filme sind offenbar kitschig, aber auch spaßig, ziemlich verrückt, sehr improvisiert – fast wie moderne Kunst. Ja, so muss man es wohl sehen.“

Und als Spielberg das sagte, hatte er all die YouTube-Kurzfilmchen ja noch gar nicht gesehen, in denen Fans, sogenannte Brickfilmer, seinen Hai-Schocker mit Lego-Figuren nachstellen. Die Schock-Szenen aus seinem Film lassen jeden, der ihn gesehen hat, offenbar nie wieder los. Es ist vielleicht vergleichbar mit jenem den ganzen Körper durchzuckenden Schmerz, den Erwachsene nie vergessen – wenn sie, nachdem sie ihre Kinder ins Bett gebracht haben, mit nacktem Fuß auf einen Legostein getreten sind.

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