Schockieren als Ziel: Wie weit wird er gehen?

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Von : Larissa Vogler

Er wollte einfach nur schockieren

Sein Ziel war es zu provozieren

Seine Performances waren gleichzeitig abstoßend und fesselnd. Über 30 Jahre nach seinem Tod zeichnet die Tate Modern in London mit einer beeindruckenden Schau den Performance-Künstler Leigh Bowery nach. Sein Einfluss auf die Welt der Mode ist bis heute unübersehbar.

London, 28. September 1992. Vor dem Nachtclub „Equinox“ am Leicester Square bildet sich eine lange Warteschlange. An diesem Abend wird hier eine der berühmten „Kinky Gerlinky“-Partys gefeiert, benannt nach Gerlinde Kostiff, der Frau des Veranstalters, eine gebürtige Regensburgerin, die durch ihren Auftritt im Musikvideo zu „Fade To Grey“ von Visage lokale Berühmtheit erlangte. Die Türsteher sind wählerisch, doch einige Stammgäste, darunter zwei junge Männer in schimmernden silbernen Badehosen, paillettenbesetzten Hosenträgern und passenden Bauhelmen, werden sofort durchgelassen. Im Inneren ist die Party bereits in vollem Gange, an der Bar tobt das Leben, fast jeder trägt Make-up, und die Gäste präsentieren extreme Outfits und bunte, kunstvoll gestylte Haare.

Dann beginnt er, eine Geburt nachzustellen

Plötzlich verstummt die Musik, und eine üppige Dragqueen betritt die kleine Bühne neben der Tanzfläche. Sie trägt ein gestreiftes Baumwollkleid, ein Kopftuch und eine weiße Sonnenbrille – eine Anspielung auf den John-Waters-Film „Female Trouble“ mit Divine in der Hauptrolle, dessen Dialoge vom Band abgespielt werden. Die Performance von Leigh Bowery beginnt zunächst zögerlich und wenig beeindruckend, bis Bowery sich auf einen Tisch legt und beginnt, die Wehen einer Geburt zu simulieren.

Allmählich windet sich ein blutverschmiertes, nacktes Wesen zwischen seinen Beinen aus dem Geburtskanal, einem Loch in seiner Strumpfhose. Eine kahlköpfige, erstaunlich gelenkige kleine Frau, die kopfüber an Bowerys Bauch befestigt war, verborgen unter einer Art Panzerung. Sie zieht eine schmierige „Nabelschnur“ hinter sich her, die Bowery durchbeißt und ins Publikum schleudert. Die Darbietung ist gleichzeitig abstoßend und faszinierend, ein Spritzer der „Nabelschnur“ trifft das Gesicht des Autors dieses Artikels.

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Heute weiß man, dass es sich bei der „Nabelschnur“ um einen Tierdarm handelte, gefüllt mit einer Mischung aus Wurstbrät, Theaterblut und Gleitgel. Ein Video dieser Performance ist seit Ende Februar in der Tate Modern in London zu sehen. Es ist Teil der Ausstellung „Leigh Bowery!“, die das Lebenswerk des exzentrischen Performance-Künstlers würdigt und in einen künstlerischen Kontext stellt.

In der Londoner Szene war Bowery bei seinem Auftritt im September 1992 bereits ein Star. Magazine wie „iD“ und „Face“ hatten ihm seit Mitte der 80er-Jahre zu Kultstatus verholfen. Die Retrospektive präsentiert zahlreiche Bilder aus dieser Zeit, von Party-Schnappschüssen aus dem Nachtclub „Tabou“, den Bowery 1985 eröffnete, bis zu den sorgfältig inszenierten Porträts des britischen Fotografen Fergus Greer, der den Künstler zwischen 1988 und seinem frühen Tod im Jahr 1994 begleitete. Großformatige Abzüge dieser Bilder hängen neben erhalten gebliebenen Kostümen.

Seine Auftritte waren Provokationen

Trotz dieser eindrucksvollen Inszenierung kann man sich heute kaum noch vorstellen, welche Schockwirkung Bowerys Selbstinszenierungen damals hatten. Er galt als Modedesigner und menschliche Skulptur, als Aktmodell und anarchistischer Autorenfilmer, als Popsurrealist und Clown ohne Zirkus, als bewegliches Möbelstück und modernes Kunstwerk auf Beinen – die Vielfalt der Zuschreibungen zeigt, wie schwer es ist, dieses Universalgenie des Undergrounds in eine Schublade zu stecken.

Seine Auftritte waren Grenzüberschreitungen, die weit über den üblichen Club-Karneval in der queeren Szene hinausgingen und einen Frontalangriff auf das spießige Establishment der Thatcher-Jahre darstellten. Hier zeigte sich ein radikaler Freigeist, der mit seinen Provokationen früh Geschlechtergrenzen sprengte und mit seinen Masken und körperverzerrenden Kostümen Schönheitsideale in Frage stellte. Dabei ist nicht zu vergessen, dass Bowerys Karriere zeitgleich mit der Fetischisierung des muskulösen Männerkörpers begann, der unter anderem durch Kampagnen für Calvin-Klein-Unterwäsche auf riesigen Plakatwänden zelebriert wurde.

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Noch heute wirkt Bowery auf den Laufstegen nach

Für die Modewelt bleibt Bowery bis heute eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Wäre die epochale Kollektion „Lumps and Bumps“, die Rei Kawakubo 1997 für Comme des Garçons entwarf und die sich durch seltsam buckelige Ausbeulungen auszeichnete, ohne die selbst entworfenen Kostüme von Leigh Bowery überhaupt möglich gewesen? Die Parallelen sind deutlich erkennbar. Alexander McQueen ließ sich 2006 von grotesk übermalten Lippen und mit weißem Zellophan um den Kopf gewickelten Bierdosen inspirieren, während Gareth Pugh im Jahr darauf eine hochsitzende Pferdeschwanzfrisur mit phallisch gewickeltem Schaft übernahm, der keck aus einem schwarz glänzenden Ganzkörperkostüm aus Latex herausragte.

Martin Margiela zitierte Bowery 2009 mit einer Rüschenkugel, die den Kopf ihres Trägers komplett umhüllt, und Rick Owens huldigte 2016 der eingangs beschriebenen Geburtsperformance, indem er seine Models mit kopfüber in einem Tragegeschirr festgezurrten Artisten über den Laufsteg schickte. Stöbert man durch sein Gesamtwerk, erscheinen sogar die überdimensional aufgepumpten Sneakers von Balenciaga wie ein später Nachhall aus Bowerys Universum.

Keine schlechte Bilanz für einen Mann, der 1981 mit einem Koffer und seiner Nähmaschine aus einem Vorort von Melbourne kam, um in die schillernde Londoner Szene einzutauchen. Nachdem ihn die Modeschule Central Saint Martins abgelehnt hatte, machte er die Clubs der Stadt zu seinem Laufsteg. Ein Foto, das ihn an der Seite von Boy George zeigt, lässt erahnen, dass er selbst in der expressiven queeren Subkultur eine Ausnahmeerscheinung darstellte. Während Boy George eine Mütze und viele Badges trägt und fast schon normal angezogen wirkt, steht neben ihm ein weiß geschminkter Bowery mit schwarzen Joker-Lippen, paillettenbeklebtem Glitzer-Outfit und Vespa-Helm – halb Monster, halb Clown.

Für Bowery, der auch einmal eine Modenschau in einem Club veranstaltete, waren die Kostüme Ausdruck seiner künstlerischen Ideen. Während andere Protagonisten aus der Zeit eigene Modellabels gründeten, interessierte Bowery sich nicht für eine Kommerzialisierung seiner Entwürfe. Sein Ziel war es einfach nur zu provozieren, auch wenn das bedeutete, bei einem seiner Auftritte auf ein Poster der Gruppe Kajagoogoo zu defäkieren.

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Was man in der Ausstellung leider vermisst, sind die 1988 in New York entstandenen Porträts des deutschen Fotografen Werner Pawlok. Eine Gegenüberstellung mit den Fotografien Greers wäre sicher interessant gewesen. Ein Teil der Ausstellung widmet sich der künstlerisch fruchtbaren Beziehung zum Tänzer und Ausnahmechoreographen Michael Clark, für den Bowery provokante Kostüme mit freiem Gesäß schneiderte, was bei der Aufführung des Balletts „New Puritans“ 1984 einen Skandal verursachte.

Die Anerkennung der Kunstwelt ließ dagegen auf sich warten. Dabei hatte Bowery sich bereits 1988 mit einer Performance in der Anthony d’Offay Gallery für Aufsehen gesorgt. Das Publikum konnte ihn in täglich wechselnden Kostümen in einem verspiegelten Kasten beobachten, während er selbst nur sein Spiegelbild sah. Durch diese Performance wurde der Maler Lucian Freud auf ihn aufmerksam, für den er dann Modell stand. Sich nackt malen zu lassen, soll auf Bowerys Initiative zurückgegangen sein. Als Performance-Künstler mit dem Drang zum Schock-Effekt war er mehr als seine Kostüme. Als Berg nackten Fleisches wurde er selbst zum Kunstobjekt.

Leigh Bowery, Tate Modern, London, bis 31. August.

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