Ein Angriff in alle Richtungen
Sie ist derzeit der Shootingstar im Rap für die Generation Z. Mit ihrer rebellischen Art und der bewussten Sexualisierung ihrer selbst provoziert sie sowohl Gangster-Rapper als auch Moralwächter. Hier ein Einblick in die Hintergründe.
Ikkimel verwandelt einen Mann in einen Hund. In ihrem Lied „Böser Junge“ rappt oder singt sie – es ist schwer zu sagen, da sie ihr eigenes Genre kreiert hat: „Mund zu, Leine dran, Liebling, jetzt sind die Damen dran.“ Ikkimel spielt die Herrin, und die Männer sollen folgsam sein, als wären sie Haustiere. In einer BDSM-ähnlichen Manier träumt sie von Fesselungen und männlicher Unterwerfung. Eines ist von Anfang an klar: Sex ist das zentrale Thema in der künstlerischen Welt von Melina Gaby Strauß, wie sie bürgerlich heißt.
Seit letztem Jahr ist die gebürtige Berlinerin auf dem besten Weg, das neue It-Girl des deutschen Raps zu werden. Jetzt ist sie an der Spitze angekommen. Woran man das erkennt? Der Hass und die Verachtung, die ihr entgegenschlagen, zeigen, dass sie ernst genommen wird. Der Rap-Veteran Fler, der in den letzten Jahren mehr durch verbale Entgleisungen als durch Musik aufgefallen ist, drohte Ikkimel vor einigen Tagen sogar mit Gewalt. „Wie kann jemand so hässlich, frech, untalentiert und dann noch selbstbewusst sein?“, postete er erbost auf Instagram und fügte hinzu: „Für deine frechen Disses gibt es eine Ohrfeige, wenn ich dich auf der Straße treffe.“
Warum so aggressiv, Fler? Es liegt wohl an Ikkimels Auftreten, das in jeglicher Hinsicht provokant wirkt. Ihr künstlerisches Selbstbewusstsein ist, wie es für die Hip-Hop-Szene typisch ist, stark ausgeprägt: „Ich bin die beste Rapperin Deutschlands“, verkündete die 22-Jährige kürzlich unverfroren. Das allein dürfte etablierte Rapper wie Fler jedoch noch nicht provozieren, schließlich mangelt es ihm selbst nicht an Selbstwertgefühl.
Vielmehr ist es die Dreistigkeit, mit der Ikkimel ein Genre betritt, das traditionell als Sprachrohr der Unterschicht gilt. Doch sie stammt aus einem guten Elternhaus und hat etwas so Bürgerliches wie Linguistik studiert. Nun greift diese junge, gebildete Frau einfach nach dem Rap? Das schmeckt Fler überhaupt nicht, seinen Hass auf die urbane Mittelschicht äußerte er bereits vor zehn Jahren in „Hipster-Hass“: „Was arbeitest du? Irgendwas mit Medien, du neopostmodernes, enge Hosen tragendes Alien.“
Der Deutsche Rap entwickelt sich ständig weiter, wie es bei jedem Musikgenre der Fall ist. Bereits „Ski Aggu“ hat verstanden, was die Generation Z benötigt: weniger Straße, weniger Härte, mehr Selbstironie und Selbstreflexion. „Ich liebte es, wie du mich liebst. Und ich liebe den Gedanken, dass ich dich liebe“, sinniert Aggu in „Egoist“. Auch Ikkimel zeigt ein hohes Maß an Selbstreflexion und Verspieltheit, das traditionelle Rapper wie Fler nicht erreichen. Am Ende ist das vielleicht auch eine Art Klassenkampf innerhalb des Rap. Dass Ikkimel auch Techno, also die Musik von Studentenpartys, in ihren Rap einbringt, macht es für Fler nur noch schlimmer.
So wird der Hass von der Rap-Szene einmal abgeräumt. Doch durch ihre provokante Hemmungslosigkeit wird Ikkimel auch zum Ziel von Moralaposteln. Unbekümmert rappt sie über Ketamin auf Clubtoiletten, Intimbehaarung und pralle „Brüste“. Ihr Geschlechtsmerkmal, das sie unverblümt „Fotze“ nennt, ist ein selbstverständliches Thema ihrer Lieder, was grundlegende Fragen aufwirft: Ist diese Art der sexuellen Selbstermächtigung tatsächlich Feminismus oder das Gegenteil?
Denn natürlich befeuert Ikkimel den männlich-sexualisierten Blick, auch „male gaze“ genannt. Andererseits bricht sie sofort damit, sobald so etwas wie Anziehung entsteht. In einem Moment stöhnt sie ins Mikrofon, um im nächsten Moment Ekel in die Sexfantasie zu mischen: „Rotzen, danach muss ich kotzen“, lautet eine Zeile aus ihrem Lied „Wellness“. Am Ende bleibt man etwas ratlos zurück. Und genau diese Verwirrung und Ambiguität könnte es sein, die sich wirklich von anderer zeitgenössischer Kunst unterscheidet.
In jedem Fall zeigt Ikkimel eine Fähigkeit, die der Generation Z oft abgesprochen wird: unbeschwerten Spaß zu feiern, ganz ohne moralische Bedenken. Doch Ikkimel wäre nicht wirklich Generation Z, wenn sie die Achtsamkeit nicht zu einem Teil ihres Bühnenprogramms machen würde. Auf ihren schrillen Konzerten gibt es einen Ruhebereich für Schwangere und neurodivergente Menschen. Bei Fler eher undenkbar.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
