Liebe zum Hass: Kann man lernen, das Unmögliche zu mögen?

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Von : Larissa Vogler

Kann man lieben lernen, was man hasst?

Ist es möglich, zu lieben, was man verabscheut?

Stadttäubchen auf meinem Balkon verwandeln meinen Alltag in einen Albtraum. Soll ich mich ihnen mit Hass oder mit Liebe nähern? Diese Frage ist besonders schwierig, da die Menschheit historische Schuld gegenüber diesen Vögeln trägt.

Ich habe alles unternommen: Ich habe meinen Balkon mit Kartons blockiert, Lärm erzeugt und sogar spitze Abwehrspitzen gegen Tauben bestellt. Doch sie lassen sich nicht vertreiben. Das Taubenpaar schiebt die Kartons zur Seite, ihre rosafarbenen Krallenfüße trippeln über die Spitzen. Dann beginnt ihr Gurren – es raubt mir den Schlaf. Und schließlich bedecken sie meinen Balkon mit ihrem Kot. Ich finde es widerlich. Langsam entwickle ich sogar aggressive Fantasien.

Verärgert und murmelnd eile ich die Treppe hinunter. „Lass sie, dieses Taubenpaar kommt seit zehn Jahren hierher“, sagt mein alkoholkranker Nachbar aus dem Erdgeschoss sanftmütig, als ich mich lautstark bei ihm beschwere. Trotz seiner Krankheit, die ihn normalerweise von feineren Emotionen fernhält, zeigt er mehr Mitgefühl als ich. Plötzlich fühle ich mich schlecht. Störe ich etwa das friedliche Leben?

Tauben führen lebenslange, monogame Beziehungen. Hier in Berlin-Schöneberg haben sie sich vermutlich kennen und lieben gelernt. Er sammelt Äste, sie brütet. Wenn sie eine Auszeit voneinander benötigen, zieht er auf einen anderen Balkon. Obwohl Tauben in ihrer Schamlosigkeit nicht majestätisch wirken, kann man doch Liebe sehen, wenn sie zusammenhocken. In dieser gottverlassenen Stadt, wo Mieter kommen und gehen und niemand sich grüßt, haben sich zwei Wesen einander verschrieben. Offenbar hat die Taubendame ihrem Gefährten sogar verziehen, dass er monatelang zu einfältig war, die richtigen Ästegrößen zu finden.

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Die Geschichte der Stadttaube ist tragisch. Einst als Haustier und Brieftaube genutzt, wurde sie in Verschlägen gezüchtet, gefüttert und manchmal gegessen. In Frankreich ist sie bis heute eine Delikatesse. Die Beziehung zwischen Mensch und Taube begann laut Forschung schon um 6000 v. Chr. in Ägypten und Mesopotamien. Für die Menschen der Antike war die Taube ein Symbol für Reinheit und Unschuld, und die alten Griechen sahen in ihr ein Zeichen der Liebesgöttin Aphrodite wegen ihres aktiven Paarungsverhaltens.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich der Mensch durch technischen Fortschritt von der Taube ab. Als Brieftauben waren sie überflüssig geworden, und so wurden sie ohne Vorwarnung verstoßen. Seitdem irren sie durch urbane Landschaften und erinnern uns auf Balkonen sitzend an unser moralisches Versagen. Die einstige Zuneigung hat sich in Hass und Abwertung verkehrt. Aufgrund ihres grauen Gefieders und ihres leicht schmuddeligen Aussehens werden sie heute als „Ratten der Lüfte“ beschimpft.

Wo ist die alte Liebe geblieben? Ich spüre sie nicht, wenn ich wieder weißen Kot von meinem Balkon wische. Kürzlich habe ich sogar eine teure Reinigungsfirma beauftragt, um mir dabei zu helfen. So kann es nicht weitergehen. Da ich nicht die Kraft und Zeit habe, den ganzen Tag auf meinem Balkon Wache zu stehen, denke ich an meinen Nachbarn. Habe ich etwas übersehen?

Er und die Menschen der Antike können doch nicht völlig falschgelegen haben. Ich schaue genauer hin. Ihr Gesicht hat etwas Friedliches, ihre Augen sind zart und knopfartig. Sie gurren, und ich stimme ein. Und plötzlich sehe ich es: Wenn sie meine Liebe suchen, kann ich sie nicht hassen. Auch wenn sie nerven – einst gehörten sie zur Familie. Trotzdem muss ich mehr Taubenspikes kaufen.

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