Im Trivialitäts-Toto des Zeitgeists
Influencer-Duos wie Marie Nasemann und Sebastian Tigges machen ihren Alltag zur Handelsware und überhöhen dabei die trivialsten Ereignisse. Doch was sagt es über eine Beziehung aus, wenn am Ende einer Ehe vornehmlich darüber diskutiert wird, ob der gemeinsame Podcast fortgesetzt wird?
Das Ende ihrer Ehe verkündeten sie in 151 Worten an ihre „Follower*innen, Hörer*innen und treuen Begleiter*innen“. Ihr Stil schwankt zwischen einer gefühlskalten Presseerklärung und einem von künstlicher Intelligenz erzeugten Instagram-Beitrag. „Getrennte Wege“, „kein leichter Schritt“, „aus Liebe zu unseren Kindern“ und „wohlwollend begegnen“ – so teilen sie es auf Instagram mit und beenden ihren Post mit „Marie & Sebastian“. Gefolgt von einem „Ps: Wir können noch nicht sagen, ob es mit Family Feelings weitergeht.“ Acht Jahre waren sie zusammen, zwei Kinder haben sie gemeinsam, doch die drängendste Frage scheint die Zukunft ihres Podcasts zu sein.
Das Vermarkten des eigenen Lebens und der Liebe ist kein neues Phänomen. Adelsfamilien tun dies seit Jahrhunderten. Harry und Meghan taten es im Unterschied zu Anne Boleyn und Henry XIII. jedoch mit einem Vertrag bei Netflix und ohne Hinrichtung. Auch in der Politik ist dies Tradition. 1996 erschien Hannelore Kohls Kochbuch „Kulinarische Reise durch deutsche Lande – mit Texten von Helmut Kohl“, das bereits damals einen Hauch von Influencer-Charme versprühte. Nebenbei ließ Kanzler Kohl auch seine Familie für deutsche Zeitschriften posieren und inszenierte sich als Familienmensch in einer heilen Welt, obwohl die Realität oft eine andere war. Wer sein Familienleben öffentlich macht, riskiert alles zu verlieren. Die Selbstausstellung kann schnell zur Selbstzerstörung führen. Im Falle von Nasemann und Tigges zerbricht nicht nur eine Ehe, sondern auch ein gemeinsames Geschäftsmodell.
Marie Nasemanns Karriere begann 2009 als Drittplatzierte bei „Germany’s Next Topmodel“. Sie warb für Festplatten und Shampoo. Nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch 2013, bei dem 1135 Menschen starben, wurde sie zur Nachhaltigkeits-Bloggerin und -Influencerin. 2017 traf sie den Anwalt Sebastian Tigges, sie wurden ein Paar und heirateten 2021. Tigges gab seinen Beruf auf und wurde zum „Dad-Fluencer“. Gemeinsam produzieren sie verschiedene Podcasts zu Themen wie Familie, Kinder, Sexualität, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Sie sind beliebte Interviewpartner und ihr Erfolgsrezept ist inszenierte Ehrlichkeit und die Preisgabe intimster Details.
„Die beiden sprechen ohne Scham und Scheu über alle möglichen Themen – Ehrlichkeit bis zur Schmerzgrenze“, so beschreiben Nasemann und Tigges einen ihrer Podcasts. Auch andere, wie der ehemalige Rapper Bushido, der zusammen mit seiner Frau Anna-Maria Ferchichi zum Paar-Podcaster wurde, folgen diesem Trend. Bushidos Podcast verspricht: „Es wird intim und es wird ehrlich.“
Aus dieser behaupteten Ehrlichkeit resultieren oft peinliche Momente. Aber im Gegensatz zu Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ fehlt es an künstlerischer Qualität. Die 360-Grad-Vermarktung ihres Lebens beinhaltet intime Geständnisse, die nur wenige Swipes entfernt von den sportlichen Wettkämpfen ihrer Kinder sind. Das Leben komplett zu überbelichten und auch das der Kinder einzubeziehen, ist bedenklich, besonders in sexualisierten Kontexten.
Auf solche Enthüllungen folgt meist ein ritualisierter Shitstorm. Zuerst wird über das vermeintliche Fehlverhalten berichtet, dann über die Reaktionen darauf und schließlich über die vermeintliche Kultur von Hass und Hetze, die die Betroffenen besonders trifft. Die Influencer sehen sich schnell in einer Opferrolle und fordern Respekt für ihre Privatsphäre ein – doch kann man noch Privatsphäre beanspruchen, wenn man das Private ständig nach außen trägt? Gibt es überhaupt noch ein Leben, wenn die eigene Existenz gleichzeitig Beruf, Produkt und Werbemittel ist?
Pathologisierung des Alltags
Marie Nasemann bezeichnete sich zeitweise als „Sinnfluencerin“ – eine nette Bezeichnung, die jedoch an Guru erinnert. Bei ihr und Tigges findet man weniger Erleuchtung als vielmehr Verletzlichkeit und Hilflosigkeit im Umgang mit dem Alltäglichen. Wie andere Paar-, Mom- und Dad-Fluencer sprechen sie in pseudo-soziologischen Zungen ständig von „mental load“, „gender pay gap“, „regretting parenthood“, „hustle culture“ und „toxischer Männlichkeit wie Weiblichkeit“. Jedes normale Gefühl oder Verhalten wird als quasi krankheitswertiger Zustand oder gesellschaftliches Problem dargestellt. Psychiatern und Psychologen fällt auf, dass eine Tendenz besteht, Normales zu pathologisieren.
Tigges und Nasemann erzählen von den trivialsten Fehlern und deren Bewältigung, stellen diese jedoch als epische Geschichten dar, in denen tragische Helden mit Göttern, der Welt und sich selbst ringen, letztendlich aber therapiert und gestärkt daraus hervorgehen. Es scheint, als befänden sich Nasemann und Tigges ständig in Therapie. Eine NDR-Dokumentation zeigt Tigges in einem Café mit einem Freund, der zufällig Paartherapeut ist. Er erzählt, wie er sich einmal vor seiner Frau entschuldigt hat. Tigges fragt: „Dafür, dass du ein Mann bist?“ „Ja“, sagt der Therapeut, woraufhin Tigges anerkennend nickt. Doch in einer aufgeklärten Gesellschaft sollte sich niemand für sein Geschlecht oder seine sexuelle Orientierung entschuldigen müssen.
Bei all den Gesprächen, symbolischen Gesten und Reflexionen über „Privilegien“, „Care-Arbeit“ und „Mental Load“ vergessen Paarfluencer wie Tigges und Nasemann, dass Sprache zwar die Wirklichkeit abbilden kann, aber nur Taten Wirklichkeit schaffen. Wie Zauberlehrlinge in Hogwarts glauben sie, ihre Zaubersprüche nur oft genug wiederholen zu müssen, damit sie wahr werden. Die Kita ist geschlossen, weil „die Politik auf alles scheißt, was mit Kinder- und Elternproblemen zu tun hat“, klagt Tigges in einem YouTube-Video. Dabei lässt er sich filmen, was ja seine Arbeit als Familien-Influencer ist. Er kann also arbeiten, auch wenn die Kita geschlossen ist. Entweder hält er sich nicht für einen normalen Menschen, oder er weiß nicht, wovon er spricht.
Marie Nasemann und Sebastian Tigges – wer sie auch sein mögen – sollte man nur das Beste wünschen. Vielleicht sollten sie ihren Assistenten, der Nanny und den Managern einfach mal sagen: „Geht nach Hause.“ Vielleicht sollten sie das Podcast-Mikrofon und die YouTube-Kamera im Alltag ausschalten.
„Abschalten“, wie Peter Lustig in jeder Folge von „Löwenzahn“ sagte.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.