Himmlische Schönheit mit einem Haken: Es stinkt gewaltig!

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Von : Larissa Vogler

Schönheit, die zum Himmel stinkt

Eine Pracht, die den Himmel erobert

Die Titanenwurz, die mit ihrer Gestalt an einen riesigen Penis erinnert, führt ein raffiniertes Täuschungsmanöver durch und zieht weltweit sowohl Insekten als auch Pflanzenliebhaber magisch an. Ihre Blüte ist ein seltenes Ereignis, das nur gelegentlich zu bestaunen ist.

In der klaren Luft des Großen Tropenhauses des Botanischen Gartens in Berlin, wo die Sonne durch das riesige Glasdach scheint und den Duft von feuchter Erde und üppigem Grün verbreitet, sind alle Augen auf eine besondere Attraktion gerichtet: die Titanenwurz.

Erst nach acht Jahren öffnet das spektakuläre Aronstabgewächs aus Sumatra wieder seinen Blütenstand. Viele unterschätzen die Bedeutung dieses Ereignisses, das jedoch für Botanikliebhaber von großer Wichtigkeit ist. Die Titanenwurz ist die größte Blume der Welt und in jeder Hinsicht ein Extrem.

Die Knolle der Pflanze allein kann bis zu hundert Kilogramm schwer werden. Ihre Erscheinung ist wie aus einem Märchen, von Riesen gezüchtet, von Elfen umsorgt. Doch der wissenschaftliche Name amorphophallus titanum – was so viel bedeutet wie „riesiger unförmiger Penis“ – verrät ihre skurrile Form.

Aus einem großen Hochblatt, das wie ein vom Wind bewegter Faltenrock aussieht, ragt der Blütenkolben empor. Bei der aktuellen Blüte erreichte er eine Höhe von 2,36 Metern, ein Rekord für die tropische Sammlung der Hauptstadt.

Die größten Exemplare können sogar über drei Meter hoch werden. Der Weltrekord liegt bei 3,10 Metern und wurde im Botanischen Garten in Winnipesaukee, USA, aufgestellt. Ihre ungewöhnliche Form und die gigantischen Dimensionen, kombiniert mit einem intensiven Farbspiel aus Beige, Rot und Violett, üben eine magische Anziehung auf Naturliebhaber aus. Ihre Blüte zieht manchmal Zehntausende von Besuchern an.

Der Livestream, der zu Beginn des Jahres die Entfaltung der Titanenwurz in Sydney dokumentierte, wurde millionenfach aufgerufen. 90.000 Menschen strömten in den Botanischen Garten der Stadt, um einen kurzen Blick auf die Pflanze zu werfen. Sie warteten stundenlang, um an der Blüte vorbeizuziehen, ähnlich wie an einem aufgebahrten Helden.

Die Begegnung mit der Pflanze kann durchaus etwas Morbides haben. In ihrer Heimat Indonesien wird die Titanenwurz auch „Leichenblume“ genannt. Früher wurden ihr sogar mörderische Eigenschaften zugeschrieben, was natürlich nur ein Mythos ist. Tatsächlich ist es der bestialische Gestank, der sie auszeichnet.

Paul Nicholson, ein Experte für Urwaldpflanzen und Mitarbeiter des Botanischen Gartens von Sydney, beschreibt ihre Ausdünstungen in einem Interview mit dem Sender „9News“ sehr plastisch: „Nehmen Sie nasse Socken aus Ihrer Jugend“, sagte er, „und geben Sie sie zusammen mit etwas Katzenfutter, das Sie in der Sonne liegen gelassen haben, in einen Mixer. Fügen Sie noch etwas Erbrochenes vom Vortag hinzu, mixen alles und nehmen den Deckel ab.“ So in etwa rieche die Pflanze. Trotzdem sei er von ihrer Schönheit ganz hingerissen.

Auch Volker Ruth aus Berlin ist von der Titanenwurz begeistert. Der 88-Jährige ist Stammgast im Großen Tropenhaus und macht immer wieder neue Aufnahmen, um jede noch so kleine Veränderung festzuhalten. Der ehemalige Bankkaufmann hat die Blüte der Titanenwurz in Berlin bereits dreimal miterlebt.

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„Beim ersten Mal im Jahr 2009 war der Blütenstand nur halb so groß wie heute“, sagt er. „Aber es war jedes Mal ein unvergessliches Erlebnis.“ An der Pflanze fasziniere ihn „das Wunderwerk der Natur.“ Die Prozesse, mit denen die Titanenwurz die Selbstbefruchtung verhindere, bringen ihn immer wieder zum Staunen.

Der Blütenstand besteht aus Hunderten von Einzelblüten – männlichen wie weiblichen. Um Inzucht zu vermeiden, die der Pflanze schaden könnte, hat sich die Natur, wie Volker Ruth sagt, „etwas Phänomenales ausgedacht.“

Die biologischen Prozesse, die sich während der Titanenwurzblüte abspielen, sind im wörtlichen Sinne des Wortes atemberaubend, ein phänomenales Beispiel für das natürliche Zusammenspiel von Tod und Neubeginn, von Schönheit – und Gestank. Der erfüllt nämlich einen lebenswichtigen Zweck.

Es ist das Aroma von Aas, das die Titanenwurz in der ersten Nacht ihrer dreitägigen Blütezeit produziert. Damit der Gestank sich richtig entfaltet, erwärmt sich die Pflanze auf 37 Grad Celsius. Wie ein gewaltiger Furz gibt sie ein Odeur an die Umgebung ab, das für menschliche Nasen abscheulich ist – für gewisse Insekten jedoch ein betörender Duft.

Die Titanenwurz lockt Käfer und Schmeißfliegen an, die ihre Eier normalerweise in Tierkadaver legen. Dabei führt die Pflanze ein geschicktes Täuschungsmanöver durch. Denn im Innern der Blüte finden die Käfer und Schmeißfliegen keinen Brutplatz, bestäuben aber die weiblichen Blüten, die nur jetzt Pollen aufnehmen können. Viele Insekten verhungern. Die anderen verlassen den riesigen vom Hochblatt gebildeten Kelch, sobald sie ihre Bestäubungsarbeit getan haben.

Erst in der zweiten Nacht, wenn die weiblichen Blüten wieder verschlossen sind, geben die männlichen ihre Pollen ab. Aus den kleinen Blüten entwickeln sich rote Beeren, die Samen enthalten. Manche von ihnen keimen auch noch nach 100 Jahren.

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In freier Natur, schätzen Experten, gibt es nur noch etwa 300 Titanenwurze. Das hat nicht nur mit der Bedrohung der Regenwälder zu tun, sondern auch damit, dass die Blüte sich so selten öffnet. Wenn sie es alle paar Jahre tut, muss sie schon Glück haben, dass eine andere Titanenwurz zum Bestäuben in der Nähe ist.

Die meisten Titanenwurze befinden sich in botanischen Gärten. Die Berliner Pflanze stammt aus einer Nachzucht des Frankfurter Palmengartens, die wiederum aus einem Wildexemplar gezogen wurde. Das große Spektakel um sie geht langsam auf den Schlussakt zu. Das Hochblatt hat sich inzwischen wieder geschlossen.

Es lasse sich schwer voraussagen, wann der Blütenstand in sich zusammenfällt, so eine Sprecherin des Botanischen Gartens. Der Kolben ragt weiterhin eindrucksvoll in die Höhe und wird auch in den kommenden Tagen zu sehen sein. Danach kann man der Titanenwurz beim Welken zusehen.

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