Hannibal Lecter Beauty-Schlaf: Revolutioniert Gesichts-Shape-Wear das Aufwachen?

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Von : Larissa Vogler

Als Hannibal Lecter ins Bett gehen und schöner aufwachen – dank Shape-Wear fürs Gesicht?


Artikeltyp:Meinung

Mit einem Gesichts-Korsett zu Bett und als Schönheit erwachen – die neue Shape-Wear?

Kim Kardashian bringt einen Gesichts-BH auf den Markt. Er ist angeblich mit „Kollagenfäden“ versehen, soll das Gesicht formen und seine Nutzerinnen jünger aussehen lassen. Klingt fast wie ein Scherz, ist jedoch die Wahrheit. Und das Produkt? Schon ausverkauft. Was geht hier vor?

Kim Kardashian ist es gewohnt, von Prominenten umgeben zu sein. Doch was hält die Reality-TV-Darstellerin und erfolgreiche Geschäftsfrau von der aktuellen Gesellschaft, die sich um sie schart? Zu dieser gehören Hannibal Lecter, der kannibalistische Serienmörder aus „Das Schweigen der Lämmer“, rebellische Frauen aus „The Handmaid’s Tale“, die jugendwahnsinnige Madeline Ashton aus der schwarzen Komödie „Der Tod steht ihr gut“ von 1992 und, um etwas Heiterkeit in die sonst so düstere Liste zu bringen, die naiv-idealistische Sekretärin Elaine aus dem 90er-Jahre-Serienhit „Ally McBeal“.

Sie alle finden sich gerade in Artikeln und Kommentarspalten wieder, in denen es um Kardashians neuestes Produkt der Marke Skims geht: den „Seamless Sculpt Face Wrap“. Erhältlich in zwei Farbtönen – lehm- und kakaofarben –, sieht das Produkt aus wie eine zu enge Bandage für Kopf- oder Halsverletzungen und bringt einen, solange man es nicht selbst anhat, dazu, entweder ratlos den Kopf zu schütteln oder an Hannibal Lecter und die beigefarbenen Masken der Frauen aus „The Handmaid’s Tale“ zu denken. Elaine aus „Ally McBeal“ und Madeline aus „Der Tod steht ihr gut“ zwängten sich ihre Bandagen immerhin noch (vordergründig) freiwillig ums Gesicht.

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Der als „Face Wrap“ bezeichnete und 62 Euro teure Gesichts-BH soll die Konturen des Kinns und des Gesichts straffen – und stellt laut zahlreicher Kommentare auf Social Media nur eine weitere Methode dar, Frauen einzureden, dass sie ihr Äußeres ständig optimieren, also verjüngen müssen. Deshalb darf auch weder auf der Instagram-Seite noch im Onlineshop von Skims der Hinweis auf „Kollagen-Garne“ fehlen, die in dem Bandagen-BH enthalten sein sollen.

Wer jedoch auf die Kategorie „Sitz und Material“ klickt, wird zwischen Polyamid und Elasthan vergeblich nach diesen vermeintlich heilsamen Garnen suchen. Trotzdem muss sich bereits jetzt in eine Warteliste eintragen lassen, wer seinen Kopf in Mumien-Manier bandagieren möchte, bevor er zu Bett geht. Die Bandage sei für den täglichen Gebrauch geeignet, heißt es übrigens bei Skims.

Die verrückte Idee, nachts einfach bequem zu sein und sich einige Stunden dem Schönheitswahn zu entziehen, um morgens ausgeruht und frisch auszusehen, scheint aus unternehmerischer Sicht nicht attraktiv zu sein. Dass sich selbst mit dem Schlaf der anderen Geld verdienen lässt, zeigt der Trend zur Schönheitsbehandlung über Nacht, auch „shed routines“ genannt, bei denen sich Frauen (und Männer) morgens aus zahlreichen Schichten von Cremes, Seren, Masken, Pflastern über dem Mund und, Überraschung, Bandagen ums Kinn regelrecht schälen müssen. Eigentlich dachte (und hoffte!) man, dieser Trend sei im Abflauen begriffen.

Aber vielleicht litt auch kürzlich Kim Kardashian oder jemand aus ihrem Produktentwicklungsteam wegen zu vieler Masken und Pflaster im Gesicht an Schlaflosigkeit und sah nachts eine Wiederholung von „Der Tod steht ihr gut“. Dort trägt Meryl Streep als dem Jugendwahn hoffnungslos verfallene Schauspielerin eine Gesichts-Bandage, die der von Skims erstaunlich ähnelt, wie auch das Magazin „People“ bemerkte.

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Einen mindestens so denkwürdigen Auftritt hatte der Gesichts-BH in der zweiten Staffel der 1997 gestarteten Serie „Ally McBeal“ über eine von Neurotikern geführte Anwaltskanzlei in Boston. Heimlicher Star der Serie war (neben dem Frosch Stephan und Barry White) die Sekretärin Elaine, gespielt von Jane Krakowski, die ihren Kolleginnen und Kollegen immer wieder Erfindungen präsentierte. Eine davon: der Face Bra, der sich als Verkaufsschlager entpuppte:

Was damals belächelt wurde, konnte man schon kurz darauf tatsächlich kaufen: Vor über zehn Jahren wurde über den „Hourei Lift Bra“ berichtet, der in einem japanischen Onlineshop angeboten wurde, damals zum Preis von 40 US-Dollar. Auch in England gab es ein ähnliches Produkt.

Wer heute auf Amazon das Suchwort „face bra“ eingibt, findet unzählige Angebote, deren Preise weit unter jenem von Skims liegen und deren Farben (viel Pink und Rosa) die Tristesse, die sie schon beim Anschauen ein Gefühl der Beklemmung auslösen, wenigstens für einen kurzen Moment übertünchen.

Spätestens bei Bezeichnungen wie „Kinnriemen zum Schlafen“, „Gesichts-Slimmer“ und „Gesichtslifting-Gürtel“ und zum Teil martialisch anmutenden Designs klopft dann aber wieder Hannibal Lecter an.

Dass diese Bandagen-BH-Kinnriemen-Slimmer wirken, bezweifeln Experten. Auch die Skepsis des Publikums wächst: Unter den Produktfotos auf der Instagram-Seite von Skims hagelt es Fragen, ob das Ganze ernst gemeint oder ein verspäteter Aprilscherz sei und wo denn nun das Kollagen-Garn zu finden sei.

Auch neue Werbeslogans für die Marke werden vorgeschlagen, etwa: „SKIMS: Making women feel bad about themselves since 2018“. In einer anderen Kommentarspalte wird gemutmaßt, dass Skims einfach Stoffreste verarbeiten wollte. Wer gerade keinen „Seamless Sculpt Face Wrap“ oder einen seiner Vorläufer trägt, kann darüber sogar lachen.

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Ob der Face Bra nun als skurriles Accessoire oder als Symbol für einen entgleisten Optimierungsdrang durchgeht: Er zeigt, wie sehr sich das Verhältnis vieler Menschen – vor allem solcher, die viel Zeit auf Social Media verbringen – zum eigenen Körper verschoben hat.

Dass ausgerechnet ein Gesichts-BH in wenigen Stunden ausverkauft ist, sagt mehr über die Gesellschaft und ihre Unsicherheiten aus als über das Produkt selbst. Und Marken wie Skims werden liefern – solange der Markt weiter nach Selbstoptimierung, sogar im Schlaf, verlangt.

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