Aufrichtig und direkt: „Ich versuche, nichts zu intellektualisieren“

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Von : Larissa Vogler

„Ich versuche, nichts zu intellektualisieren und so aufrichtig wie möglich zu sein“

„Ich bemühe mich, alles unkompliziert und so ehrlich wie möglich darzustellen“

Riad Sattoufs Comic-Reihen wie „Der Araber von morgen“ sind Bestseller mit Millionenauflagen. Kürzlich wurde der letzte Band seiner Serie „Esther“ veröffentlicht, die das Heranwachsen eines Mädchens in Paris schildert. Wir sprechen über Identität und darüber, wie man schwierige Themen leichtfüßig behandelt.

Obwohl Riad Sattouf das Arabisch seiner Kindheit vergessen hat, spricht er fließend die Jugendsprache von Esther. Der französische Comiczeichner und Regisseur hat das Pariser Mädchen von ihrem zehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr begleitet und ihre Entwicklung in seiner Comicserie „Esthers Tagebücher“ detailliert und humorvoll dargestellt. Als Sohn einer Französin und eines Syrers in Paris geboren, setzt sich Sattouf in seinem Werk oft mit der abwesenden, aber prägenden Gestalt seines toxischen Vaters auseinander. Seinen größten Erfolg, den weltweiten Bestseller „Der Araber von morgen“, verdankt er der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Biografie, die zwischen Frankreich, Libyen und Syrien stattfand.

Sattouf gilt mittlerweile als einer der erfolgreichsten Comicautoren Frankreichs, der mit einem scharfsinnigen und humorvollen Blick gesellschaftliche Themen beleuchtet und sich mit seinem subversiven Humor gegen Antisemitismus und patriarchale Strukturen stark macht. Auf die Frage, wie er Esthers Jugendsprache erlernt hat, verrät er, dass seine über hunderttausend Follower in den sozialen Netzwerken dabei eine große Rolle spielten. Das Interview führen wir via Videocall, doch eine Kamera möchte Sattouf nicht einschalten, da er sein eigenes Spiegelbild auf dem Bildschirm als ablenkend empfindet. „Das stört mich“, erklärt er.

WELT: Man sagt, Sie seien der größte Soziologe des 21. Jahrhunderts. Fühlen Sie sich als Soziologe?

Riad Sattouf: Diese Einschätzung überlasse ich lieber meinen Lesern. Ich versuche, in meinem Schreiben vor allem ehrlich zu sein und interessiere mich besonders für die blinden Flecken unserer Wahrnehmung. Ein Zitat von Carl Gustav Jung, das mich immer inspiriert hat, besagt, dass es in unserer Seele einen Ort gibt, den wir nicht sehen wollen. Als Comiczeichner möchte ich genau diese Orte erkunden und sichtbar machen. Das Aufdecken solcher Wunden war auch mein Hauptantrieb bei „Der Araber von morgen“, denn meine Familiengeschichte hat mir Angst gemacht. Obwohl ich keine Lust hatte, mich damit erneut auseinanderzusetzen, war genau diese Abneigung ein klares Zeichen, dass ich es tun muss.

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WELT: Wie entstand die Idee zu „Esthers Tagebüchern“?

Sattouf: Die Idee kam mir, als ich bei Freunden war und deren Tochter ihre Mitschüler in Beliebte und Unbeliebte einteilte. Esther war ein ganz normales Mädchen am Beginn ihres Lebenswegs. Ich wollte zeigen, dass in dieser Normalität etwas Universelles steckt. Sie machte es mir leicht, denn die echte Esther war viel gesprächiger als die meisten Kinder, denen ich bisher begegnet war. Sie war wie eine Geheimagentin aus der Welt der Kinder, die mir alles genau erklärte. Sie wollte dabei unterhaltsam, spitz und provokativ sein, was für mich als Comiczeichner natürlich sehr reizvoll war.

WELT: Kinder sind oft sehr ehrlich und damit brutal. In „Esthers Tagebüchern“ sagt ein Mädchen zu einem Klassenkameraden, er sei hässlich und habe einen Kopf wie ein Pferd.

Sattouf: Ohne klischeehaft wirken zu wollen, glaube ich, dass Menschen im Kern wilde Tiere sind. Wir sind alle Primaten. Man muss sich nur ansehen, wie Schimpansen miteinander umgehen und wie ähnlich wir ihnen sind. Erst durch Erziehung wird eine kulturelle Schicht aufgetragen, eine Zivilisationsschicht, die sich über Jahre aufbaut – oder auch nicht. Kindheit ist ein universelles Thema, aber diese Phase wird oft idealisiert. Ich wollte zeigen, wie außergewöhnlich schön und seltsam sie sein kann, aber auch brutal und grausam.

WELT: Welche Rolle spielt Humor in Ihren Comics?

Sattouf: Meine bretonische Großmutter hasste Comics. Deshalb habe ich sie als Muse benutzt und mir vorgestellt, einen Comic zu machen, den sie gerne gelesen hätte. Ich möchte Comics für Menschen machen, die noch nie in ihrem Leben einen gelesen haben. Und meiner Großmutter hätte es einfach gut gefallen, hin und wieder herzhaft zu lachen. Für mich ist das auch eine Frage der Höflichkeit gegenüber den Lesern. Wenn ihnen die Zeichnungen nicht gefallen oder die Geschichte ihnen Angst macht, dann hilft ihnen der Humor vielleicht, sich trotzdem wohlzufühlen. Humor ist wie eine Heizung im Winter, oder wie eine Klimaanlage im Sommer. Das Lachen bringt frische Luft.

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WELT: Luft, selbst in die schwierigsten Themen. Sie erzählen von Esthers Begegnung mit der Holocaust-Überlebenden Esther Senot. Die junge Esther ist erschüttert, als ihre alte Namensschwester erzählt, wie sie Auschwitz überlebt hat. Wie schaffen Sie es, ein so düsteres Thema in wenigen Bildern zu verdichten?

Sattouf: Es geht darum, den Moment einzufangen, wenn Esther realisiert, dass die Geschichte, die mit dem großen ‚G‘, in Vergessenheit geraten kann und es Menschen braucht, die sie weitergeben. Selbst die schlimmsten Grausamkeiten werden vergessen, wenn niemand da ist, der an sie erinnert.

WELT: Können Sie erklären, warum Sie manchmal mit nur einer Seite Menschen zum Weinen bringen können? Wie funktioniert das?

Sattouf: Ich habe ein Geheimnis, das ich Ihnen aber nicht verraten darf, sonst würden alle Autoren mich nachahmen… (lacht)

WELT: Sie erfassen das zutiefst Menschliche…

Sattouf: Ich versuche, nichts zu intellektualisieren und so aufrichtig wie möglich zu sein. Ein Comic muss einfach sein, lesbar, einladend. Als Kind habe ich Tintin gelesen, und das Schönste daran war, dass ich mich nicht ausgeschlossen, sondern in dieser Welt aufgenommen gefühlt habe.

WELT: Diese Tim-und-Struppi-Alben, wie die Serie auf Deutsch heißt, hat Ihnen Ihre Großmutter nach Syrien geschickt. Waren diese Geschichten für Sie etwas Besonderes?

Sattouf: Es waren die einzigen Bücher, die ich hatte und die ich immer wieder las. Wenn die Alben in Päckchen aus Frankreich ankamen, wirkten sie auf mich wie Naturphänomene. Eines Tages entdeckte ich oben auf einem Buchdeckel einen Namen, Hergé, und fragte meine Mutter, was das bedeutet. Sie erklärte, dass es der Autor des Comics war. Das öffnete mir die Augen. Ich erkannte, dass ich Welten schaffen könnte, ganze Universen. In diesem Moment beschloss ich, Comicautor zu werden. Vielleicht hätte mich das nicht so geprägt, wenn ich freien Zugang zu allen Büchern gehabt hätte. Die Seltenheit war wichtig. Die Bücher waren eine Rarität.

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