Ein Rundgang auf einer der weltweit faszinierendsten Straßen
Eine bedeutende Anerkennung für Berlin: Die Zeitschrift „Time Out“ hat eine Straße in Kreuzberg als eine der zehn „coolsten“ Straßen weltweit gelistet. Ist das wirklich der Fall? Ein Erkundungsbesuch an einem Montagnachmittag im November.
Um zwölf Uhr mittags an einem Montag würden viele Bewohner von Kreuzkölln diese Zeit wohl noch als tief in der Nacht betrachten. Daher mag diese Beobachtung etwas ungerecht erscheinen. Dennoch war es an der Zeit: Am vergangenen Wochenende hat „Time Out“ eine Liste der attraktivsten Straßen der Welt veröffentlicht. Das Maybachufer in Berlin erreichte dabei den siebten Platz, eingeordnet zwischen der Montague Road in Brisbane, Australien, und der Olympou Street in Thessaloniki. Es ist somit nach der Rua do Bonjardim in Porto die zweitcoolste Straße Europas.
Als jemand, der in Berlin lebt, konnte ich meinen Stolz kaum verbergen. In den letzten Tagen hörte man oft Passanten, die sich über diese Auszeichnung austauschten. Endlich Anerkennung für meinen Kiez auf Weltniveau! Da ich in unmittelbarer Nähe wohne, kenne ich die Straße sehr gut. Hier kaufe ich meinen Wein und esse meine Pizza – das Maybachufer ist Teil meiner Laufstrecke. Doch das, was direkt vor der eigenen Tür liegt, sieht man oft nur verschwommen durch die Alltagsbrille. Deshalb entschloss ich mich, die Straße noch einmal in aller Ruhe und ausführlich zu betrachten.
Wie in klassischen Hollywoodfilmen, die oft mit einem Erdbeben starten und sich dann steigern, beginnt das Erlebnis am Maybachufer mit einem echten Klassiker: der Kneipe Ankerklause. Jeder Berliner hat hier wohl schon einmal einen Abend verbracht, auch wenn niemand so recht weiß, warum. Sie liegt direkt an der Kottbusser Brücke, eine Seite des Lokals öffnet sich zum Landwehrkanal, und die Tische draußen stehen in der Nachmittags- und Abendsonne. Leider befindet sich die Kneipe auch an einer stark befahrenen Kreuzung, neben einem Discounter, einer misslungenen Wildblumenwiese und einer ständig defekten öffentlichen Toilette – ein typischer Berliner Dreiklang.
Die Ankerklause besucht man nicht wegen der Qualität der Getränke, des Publikums oder des Personals, sondern einfach, weil sie da ist. Das angrenzende Ufer, das eine schöne Erweiterung des Lokals sein könnte, liegt seit Jahren brach. Ein DJ hatte dort vor einiger Zeit eine Partyreihe gestartet; jetzt ist es eine Brache, die von Ratten und Touristen bevölkert wird, die im gegenüberliegenden Späti ein Tegernseer Helles oder eine Flasche Rotkäppchen erwerben. Zumindest steht dort ein Einkaufswagen – vielleicht ein Symbol des Widerstands gegen den Kapitalismus oder einfach nur ein improvisierter zusätzlicher Müllbehälter.
Am Maybachufer findet zweimal wöchentlich (dienstags und freitags) ein Markt statt, der etwas irreführend und nicht sonderlich charmant „Türkenmarkt“ genannt wird. Er ist in gewisser Weise das genaue Gegenteil dessen, was man von einem Wochenmarkt erwarten würde. Es gibt Saftbars, allerlei Snacks, Original Berliner Schwarzkümmelöl und Socken der Marke „Time to Hygge“. Daneben zahlreiche Stände, die einfach nur denselben Großmarkt-Kram verkaufen, den man auch in jedem Supermarkt der Nachbarschaft findet.
Die Philosophie des Regionalen und Saisonalen, die jedes neue Restaurant in diesem Stadtteil vor sich herträgt, findet man hier nur an vereinzelten Ständen im hinteren Teil des Marktes. Wenn sich die Marktzeit dem Ende zuneigt, werden die übrig gebliebenen Lebensmittel verramscht – eine Kiste Avocados, einige Melonen, Petersilie zu Schleuderpreisen. Viel mehr, als man braucht, aber dafür billig. Ähnlich verhält es sich mit dem Stoffmarkt am Samstag, auf dem eine Bekannte von mir schwört, dass man dort hervorragende Stoffe für wenig Geld finden kann, und mir verboten hat, etwas Abfälliges darüber zu schreiben.
An Markttagen müssen Anwohner woanders parken, weshalb das Maybachufer oft erstaunlich autofrei ist und den Blick auf die triste, kostengünstige Nachkriegsarchitektur freigibt. Doch im Detail finden sich viele charmante Momente: Eine Zahnarztpraxis wirbt mit „Liebevoller Kinderbehandlung“, eine queere Barfußbar begrüßt Besucher mit einem Schuhregal, und direkt daneben gibt es „Post Work-Out Matcha“ – was ja genau genommen der moderne Lifestyle in a nutshell ist.
Öffentliche Bänke, aus denen die Bretter gerissen wurden, ausrangierte Teppiche und überquellende Mülleimer prägen mittlerweile das Stadtbild. Ein Detail jedoch ist mir aufgefallen: Vielleicht brauchte jemand Brennholz? Jedenfalls stehen die Bänke nun nutzlos und traurig herum, so wie der riesige Fliegenpilz, an dessen Stiel ein Poster für ein Yogastudio wirbt.
In ihrer Begründung erwähnt die „Time Out“-Expertin Kate Bettes „Picknicks im Gras, den Späti-Drink balancierend, Beine in der Sonne, Buch in der Hand“. Was sie nicht erwähnt: Bei diesen Picknicks hat man die schnöde Nachkriegsarchitektur im Rücken und die andere Seite des Landwehrkanals im Blick. Denn das Schönste am Maybachufer sind die viel schöneren Häuser des Paul-Linke-Ufers. Und natürlich der vegane Bratapfel-Donut von Brammibal’s.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
