Ein Musical, das so mitreißend ist wie der Ausverkauf
Zuerst der Bestseller, dann der erfolgreiche Film und nun ein Musical in London, untermalt von Elton Johns Kompositionen: „Der Teufel trägt Prada“ beeindruckt mit extravaganten Kostümen, doch es mangelt an echten Hits und einer tiefergehenden Charakterentwicklung.
Ein Handyton durchbricht die Stille des Theatersaals. Der schrille Klang stammt nicht aus den Zuschauerreihen, sondern wird über Lautsprecher übertragen. Die Anwesenden erschrecken. Sofort werden sie in das raffinierte Arbeitsverhältnis zwischen der ambitionierten Andy Sachs und ihrer unbarmherzigen Chefin Miranda Priestly eingeführt. Kurz darauf hasten hochgewachsene Schauspielerinnen in Geschäftskostümen über die Bühne. Im imaginären Redaktionsbüro des Modemagazins „Runway“ herrscht Alarmstimmung – die Chefin kommt.
Als Miranda Priestly, gespielt von der amerikanischen Sängerin und Schauspielerin Vanessa Williams (bekannt aus „Desperate Housewives“), die Bühne betritt, weht eine frostige Kälte durch den Raum. Ihr selbstbewusster Auftritt in Pelz und High Heels wird mit viel Beifall belohnt. Schon zu Beginn fängt die Musicalversion der US-Komödie „Der Teufel trägt Prada“ das atemlose Tempo der Modewelt ein. Die Bühnenfassung, für die niemand Geringeres als Elton John die Musik schrieb, wurde im Sommer 2022 in Chicago uraufgeführt und zieht nun auch das Publikum im Londoner West End in seinen Bann.
Das Musical bleibt der Filmhandlung treu: Andy, die Assistentin, lernt rasch, dass sie ihr Privatleben – oder das, was davon noch übrig ist – hintenanstellen muss, sobald ihr Handy klingelt. Anstatt mit ihrem Freund Geburtstag zu feiern, jagt sie durch die Stadt, besorgt Calvin-Klein-Röcke, bastelt an Schulprojekten für die Kinder ihrer Vorgesetzten und erledigt absurd komplizierte Kaffeebestellungen.
Zunächst betrachtet sie den Job als Chance für ihre Karriere, entwickelt jedoch bald eine Art Stockholm-Syndrom. Unter dem verächtlichen Blick von Miranda wandelt sich Andy von einer unmodischen Assistentin zur Stilikone – bis sie sich letztendlich aus der giftigen Beziehung zu ihrer Chefin löst. Im Film tragen Anne Hathaway und Meryl Streep den Plot mit ihren schauspielerischen Leistungen, im Musical treiben energiegeladene Pop- und Rocksongs die Geschichte voran, während einige Balladen für emotionale Momente sorgen sollen.
Einblicke in die Modewelt
Es war kaum überraschend, dass Lauren Weisbergers im Jahr 2003 veröffentlichtes Buch schnell verfilmt und nun auch auf die Bühne gebracht wurde. Der Einblick in das Leben scheinbar unberührbarer Designer und makelloser Models – und damit in eine Welt, die von Neid, Ehrgeiz und einem krankhaften Streben nach Perfektion geprägt ist – bietet eine ideale Projektionsfläche für alle, die sich für die Modewelt interessieren.
Insbesondere die offensichtlichen Anspielungen auf das strenge Regime der stets hinter einer Sonnenbrille und ausdruckslosen Gesichtszügen verborgenen „Vogue“-Chefredakteurin Anna Wintour, die ihre ehemalige Assistentin Weisberger zur Figur der Miranda Priestly inspirierte, machten den Stoff zum Kult. In der Filmadaption von David Frankel lieferte Meryl Streep als Miranda Priestly eine herausragende Leistung ab: Für ihre Darstellung der skrupellosen Drachenlady, immer bereit mit einem bösartigen Spruch („Die Details Ihrer Inkompetenz interessieren mich nicht“), wurde sie für einen Oscar nominiert.
Die Faszination hält an: Fast zwei Jahrzehnte nach seiner Premiere landete „Der Teufel trägt Prada“ in diesem Jahr erneut in den Top 10 der weltweiten Netflix-Charts. Laut der US-Nachrichtenplattform „Puck“ arbeitet Walt Disney Pictures derzeit an einer Fortsetzung.
Wer die Geschichte noch einmal erleben möchte, sollte sich das Dominion Theatre nicht entgehen lassen. Viele der berühmten Zitate von Miranda Priestly – „Könnten Sie bitte langsamer machen? Sie wissen, wie sehr ich Hektik hasse“ – sind in die Dialoge eingeflossen. Wer jedoch auf eine tiefergehende Entwicklung der Figuren hofft, wird enttäuscht. Auch verpasst Regisseur Jerry Mitchell („Kinky Boots“, „Hairspray“) die Chance, einen Kommentar zum Konsumwahn und den Schönheitsidealen abzugeben, die sich seit der Filmpremiere so wenig verändert haben wie der Ruf des kleinen Schwarzen.
Mitchell stand vor der Herausforderung, für Miranda Priestly eine Besetzung zu finden, die an die brillante Leistung von Streep heranreicht. Das ist ihm nur teilweise gelungen. Vanessa Williams trifft das „Resting Bitch Face“ der Chefredakteurin mit göttlicher Präzision. Doch in den Facetten der Figur bleibt Mitchell unter den Möglichkeiten.
Der Musical-Miranda fehlen die Nuancen; von der Verletzlichkeit, die Streep im Film mit minimalen Zuckungen der Gesichtsmuskulatur zum Ausdruck bringt, ist auf der Bühne wenig zu spüren. Stattdessen bleibt die Figur flach – karrierefixiert und verbittert. Auch stimmlich fehlt es an Tiefe. Williams, die auf eine erfolgreiche Karriere als Sängerin zurückblicken kann, neigt zu holprigem Sprechgesang und versäumt es, ihrer despotischen Rolle durch eine kräftige Singstimme Gravitas zu verleihen.
Georgie Buckland als Andy wirkt während der gesamten Aufführung eher wie eine Nebenfigur. Ganz anders Amy Di Bartolomeo als Assistentin Emily: Mit Sprecheinlagen, die der Zeitschrift „Runway“ huldigen, energischem Herumstöckeln in Riemchen-Stilettos und einem taillierten Business-Zweireiher verkörpert sie den calvinistischen Arbeitsethos der Modewelt. Ihre stimmliche Brillanz macht sie zum Star des Abends.
Auch Elton John verleiht dem Musical Starpower. Die Londoner Premiere wurde von der Nachricht überschattet, dass er aufgrund einer schweren Augeninfektion zu erblinden droht. Trotz dieses Schicksalsschlags ließ er sich nach der Aufführung zu einem begeisterten Kommentar hinreißen: „Boy, it sounded good“.
Doch auch wenn John unbestreitbar ein Meister der Musical-Musik ist, bleiben seine Songs hinter den Kompositionen für „Der König der Löwen“ und „Billy Elliot“ zurück. Es fehlen echte Hits: Die Melodien sind zwar eingängig genug, um mit den Füßen mitzuwippen, aber sie bleiben nicht im Gedächtnis. Den Textern Shaina Taub und Mark Sonnenblick gelingt es ebenso wenig, den Stücken einen Ohrwurmcharakter zu verleihen.
Unvergessen bleibt jedoch das Solo des leitenden Redakteurs und Priestlys Weggefährten Nigel („Seen“), in dem er von seinem isolierten Aufwachsen als schwuler Junge im mittleren Westen der Vereinigten Staaten und seiner Selbstfindung in der Modewelt singt. Es ist die auffälligste Abweichung von der Filmversion – und einer der berührendsten Momente des Abends.
Auch die tänzerischen Darbietungen sind nicht immer stimmig. Während einige Szenen mit Elementen des Voguing glänzen – einem Tanzstil, der durch die New Yorker afro- und lateinamerikanische LGBTQ+-Community geprägt und durch Madonnas Song „Vogue“ populär wurde – geraten die Darsteller in anderen Momenten in unkoordinierte Disco-Moves, die eher an das Ende einer durchzechten Nacht erinnern als an eine unter professioneller Anleitung einstudierte Choreografie.
Pailletten und Powersuits
Aber seien wir ehrlich: Letztlich dreht sich in diesem Musical alles um Mode. Wie im Film sind auch hier die großen Namen vertreten: Tom Ford, Prada, Dior, Alexander McQueen, Vivienne Westwood. Pamella Roland, eine Freundin von Williams, entwarf die Kostüme für Miranda Priestly. Die amerikanische Designerin, die auch Red-Carpet-Outfits für Taylor Swift und Angelina Jolie schuf, kreierte den Hingucker des Abends: einen rubinroten Mantel aus Mikado-Satin mit paillettenbesetztem Innenfutter, getragen über einem farblich abgestimmten, mit Stiftperlen verzierten Kleid.
Der Stil von Kostümdesigner Gregg Barnes ist überbordend: Powersuits, Pailletten, Leder, Satin und Statementketten; die Farbsättigung ist so hoch, dass es fast in den Augen schmerzt, der Stil so hysterisch wie die Fashionistas selbst – High Fashion auf Anabolika. Gelegentlich schielt der Look in Richtung Barock: Puffärmel, üppige Stoffe, opulenter Kopfschmuck, der eher an „Bridgerton“ als an Burberry erinnert. Das zurückhaltende Bühnenbild sorgt für einen gewissen Ausgleich: Tim Hatley setzt auf minimalistisches Design mit milchig-weißen Fenstern, dezentem Licht und klassischen New Yorker Skylines.
„Der Teufel trägt Prada“ hat sich längst zum kulturellen Phänomen entwickelt – das zeigte sich auch bei der Premiere des Musicals am 1. Dezember. Im Dominion Theatre an der Tottenham Court Road schritten Stars wie Emily Collins, Liz Hurley und Donatella Versace über den roten Teppich. Auch Anna Wintour ließ sich blicken, natürlich mit ihrer schwarzen Sonnenbrille. Vielleicht war ihre Anwesenheit ein Zeichen dafür, dass die sonst so kühl und abweisend wirkende Mode-Journalistin auch über sich selbst lachen kann.
„The Devils Wears Prada“ im Dominion Theatre in London. Zu sehen bis 31. Mai 2025

