„Die Nacktheit, die ich präsentieren möchte“
Unverhüllte Körper, majestätische Landschaften, Nazi-Lieder: Die Künstlerin Sonja Yakovleva setzt sich mit der Insel Sylt und ihren Gegensätzen auseinander. Hier erzählt sie von dem „Pony-Club“ und der Grotesktänzerin Valeska Gert, die in Kampen das Lokal „Ziegenstall“ führte.
Während des Abendessens im Rahmen des Berliner Gallery Weekends stand Sonja Yakovleva zwischen ihren monumentalen Scherenschnitten und erläuterte, was sie nach Sylt zog – dem Ort, der auch Thema ihrer Ausstellung „Reizklima“ ist. Einige Tage später sprachen wir per Telefon über den Mythos und die Wirklichkeit der berühmten deutschen Urlaubsinsel.
WELT: Eines Ihrer Kunstwerke trägt den Titel: „Legendäre Wiedereröffnungsfeier im ‚Pony Club‘ nach Übernahme durch ein Trio aus der Gastroszene“. Warum war der Club geschlossen?
Sonja Yakovleva: Der „Pony Club“ wechselte im Lauf der Jahre mehrfach die Betreiber. Seit 2020 wird er von einem Gastronomen aus Hamburg geleitet. Man bemüht sich, das goldene Zeitalter der 60er Jahre auf Sylt wiederzubeleben, doch die Zeiten haben sich gewandelt. Bereits seit den 2000er Jahren müssen sich die Betreiber mit Gema-Gebühren, Corona, Lärmbeschwerden und Sponsoren auseinandersetzen. Die Playboy-Ära ist vorbei. Stattdessen gab es Besucher, die „Ausländer raus“ sangen. Ich würde es begrüßen, wenn der Club schließt und drei Frauen ihn neu eröffnen, vielleicht sogar als Bordell für Frauen. Die Insel ist wunderschön, es ist an der Zeit, sie neu zu definieren.
WELT: Was würden Sie zu dieser legendären Party tragen?
Yakovleva: Ein Korsett, übersät mit Glitzersteinen und dazu High Heels, oder vielleicht etwas mit Federn.
WELT: Haben Sie im „Pony Club“ Beweise für Nazi-Lieder gefunden?
Yakovleva: Ich war im November auf Sylt, zu dieser Zeit war es eher ruhig. Ich habe viele Menschen mit Migrationshintergrund gesehen, die dort arbeiteten. Auch habe ich das Stadtarchiv in Westerland für Recherchen genutzt. Dort fand ich alte „Pony Club“-Speisekarten oder Artikel über Gunter Sachs. Der Ordner zum Thema „Rassismus – Rechtsextremismus“ ist sehr dünn und beginnt erst 2024. Obwohl auch Göring auf der Insel war und am Strand Adolf-Hitler-Sandburgen gebaut wurden. Die Archivarin fragte mich, ob ich mich auch für FKK interessiere.
WELT: Da kann man schlecht nein sagen, oder?
Yakovleva: Das passt zu meiner Beschäftigung mit Pornografie, also ja. Ich entdeckte, dass Sylt ein bedeutender Ort für FKK war und las zahlreiche Zeitungsartikel über die sexuelle Revolution. Im spießigen Nachkriegsdeutschland war FKK avantgardistisch, Teil der sexuellen Revolution. Ein Sehnsuchtsort der heißen Dünen. „Bares Geld macht Mädchen willig“, stand in einem Artikel. Es schien oft, als ob die Grenze zur Prostitution fließend war. Wer hat wirklich von der sexuellen Freiheit im heißen Dünensand profitiert?
WELT: Gibt es noch FKK auf Sylt?
Yakovleva: Das ist eher rückläufig. In den letzten 15 Jahren hat sich die Mitgliederzahl in den deutschen Naturisten-Verbänden halbiert. Mit den vielen Strandbistros, die direkten Blick auf die Wellen und die Badenden bieten, und der zunehmenden Nutzung von Handys scheint die Scham zugenommen zu haben. Die jüngere Generation hat zudem nicht mehr das Vorbild ihrer Eltern. Am Strand im November sah ich nur waschechte Sylter mit Regenjacke und Hund.
WELT: Eine interessante Familiengeschichte verbindet Sie mit Sylt.
Yakovleva: Ich bin einmal mit meinem Großvater und meinem Vater nach Spanien in den Urlaub gefahren. Wir saßen in einer winzigen Airbnb-Wohnung, ich schlief im Hochbett, und nebenan schnarchte mein Vater. Als wir das erste Mal zum Strand gingen, stürzte er sich sofort ins Wasser. Für ihn, der in der Sowjetunion gelebt hatte, ist Reisen noch etwas Besonderes. Mein Großvater war allerdings genervt von den großen Hotelkomplexen. Als ich ihn fragte, wohin er stattdessen gehen möchte, murmelte er immer wieder „Sult, Sult, Sult“. Irgendwann realisierte ich, dass er Sylt meinte, da der Buchstabe Y im Kyrillischen wie ein U ausgesprochen wird. Ich war schockiert, denn ich dachte, wer würde freiwillig nach Sylt reisen? Für mich war das ein Ort für Rentner, kalt und flach, wo alles nur um Geld geht. Auch die Autoaufkleber, die ich lange für die Silhouette einer missglückten Tänzerin hielt, verwirrten mich.
WELT: Wie reich wirkte die Insel auf Sie?
Yakovleva: Schon im Regionalzug von Hamburg funktionierte die Hälfte der Beleuchtung nicht, und Westerland erschien mir ziemlich heruntergekommen: überparfümierte Tees und „Gosch“-Buden. Vielleicht habe ich den spezifischen Sylter Luxus auch einfach nicht verstanden.
WELT: In Ihrer Ausstellung haben Sie auch Kopien von alten Zeitungsausschnitten ausgelegt. Worum geht es darin?
Yakovleva: Um sexualisierte Frauen: Die FKK-Kultur wurde im spießigen Nachkriegsdeutschland als Vorwand benutzt, nackte Frauen am Strand, auf einem Pferd, in einem Auto oder badend zu zeigen. Und Nacktheit wurde mit Verfügbarkeit gleichgesetzt. In diesem schrecklichen Ton der damaligen Zeit. Doch in diesem ganzen Mist fand ich auch ein paar Diamanten. Ein Reporter schrieb darüber, wie er nach Sylt fährt, um zwischen all den nackt badenden Frauen die „richtigen“ Prostituierten zu finden und zu interviewen. Nach langer Suche trifft er eine mit Schmuck behangene Frau, die ihn mit in ihr Hotel nehmen will. Es stellt sich dann aber heraus, dass sie die reiche Frau eines Fabrikanten ist, die den Sex mit ihm bezahlen will. Und ich stieß auf die Berlinerin Valeska Gert.
WELT: Die Schauspielerin und Tänzerin ist auf einem Ihrer Scherenschnitte zu sehen …
Yakovleva: Wo soll ich bei diesem langen Leben anfangen? Sie kam aus einer jüdischen Familie und wurde eine gefeierte Grotesktänzerin. Es ging also nicht um ästhetischen, erotischen Tanz wie bei Anita Berber, sondern um Avantgarde und Expressionismus. Vom Leben im Berlin der 20er – den Lichtern, der Tanzwut, der Maschine – erholte sie sich auf Sylt. Vor allem Kampen war damals noch sehr beschaulich – ein armes, unbekanntes Fischerdorf. Nach der Machtübernahme der Nazis wurde sie als entartet bezeichnet und ging ins Exil nach Frankreich, England und die USA, wo sie als Tellerwäscherin und Aktmodell arbeitete und 1941 in New York die „Beggar Bar“ eröffnete. Nach Kriegsende kehrte sie nach Deutschland zurück und betrieb in Berlin das Szenelokal „Hexenküche“. 1951 eröffnete sie auf Sylt ihr Nachtlokal „Ziegenstall“. Ihr Motto: „Die Gäste sind wie Ziegen – sie werden gemolken und meckern.“ Die Drinks waren warm und teuer. Die Dekoration bestand aus Heu und brennenden Kerzen in leeren Champagnerflaschen und Krippen, auf denen die Drinks standen. Sie war wohl ziemlich herrisch und hat die Gäste fast schikaniert. Vielleicht war das ihre Rache für das, was sie durchgemacht hatte. Aber das ist meine Interpretation. Ihr Haus vererbte sie einem engen Freund, er ließ es abreißen. Ich finde das gut. So wird Platz für Neues geschaffen.
WELT: Sie haben eine Scherenschnitt-Serie über Dessous gemacht. Da ist die Beschränkung auf Schwarz-Weiß naheliegend. Wie war das mit den spezifischen Sylter Farben?
Yakovleva: Ein weißer Scherenschnitt passt sehr gut, weil das aussieht wie überbelichtet. Wie wenn man am Strand zu lange in die Sonne geschaut hat, und das Licht zu pulsieren beginnt. Das Schwarze des Valeska-Gert-Scherenschnittes passt auch, denn es geht ja ums Nachtleben. Und ein Großteil des Archivmaterials war in Schwarz-Weiß. Die Vergangenheit ist nicht unbedingt farbig.
WELT: Wie kamen Sie auf Scherenschnitte?
Yakovleva: Ich kam an die Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main und habe schnell verstanden, dass es richtig teuer ist, Kunst zu studieren. Wir sollten uns von unseren Eltern eine Spiegelreflexkamera und ein Macbook kaufen lassen. Meine hatten aber kein Geld. Ölfarben und Leinwand waren für mich auch unbezahlbar. Und weil mich Handwerk und Kitsch ohnehin interessierten, kam ich zum Scherenschnitt. Papier ist günstig, ich brauchte nur meine Arbeitskraft. Und dann wollte ich diese Technik aus der Minderwertigkeit und Kunsthandwerklichkeit lösen und in die Hochkultur überführen. Um den weiblichen Aspekt, der da oft reingelesen wurde, ging es mir nicht. Goethe hat ja auch Scherenschnitte angefertigt.
WELT: Ihre Scherenschnitte von Sylt wirken freundlicher als die misogynen Zeitungsartikel aus dem Westerländer Archiv.
Yakovleva: In der griechischen Mythologie gibt es die weiblichen Ungeheuer wie die Hydra, die Sirenen, die Medusa. Die sind hot, aber auch gefährlich. Männer müssen sie bekämpfen, sich die Ohren mit Wachs zustopfen oder mit dem Schwert die Schlangen abhacken. Und dann gibt es das Meeresmonster Skylla, aus dessen Unterleib sechs wilde Hunde wachsen. Skylla ist einer der Scherenschnitte, und zwar ohne den männlichen Widerpart. Das ist die Nacktheit, die ich zeigen will.
WELT: Und die nackten Männer?
Yakovleva: FKK wurde lange von Frauen repräsentiert. Bei mir sind auch mal die Männer dran. Harmlos und lieb, Objekte zum Anschauen.
WELT: Ist Sylt das Symbol für deutschen Sozialneid?
Yakovleva: Sylt wird von seinem Image überlagert. Wenn man das mal ausblendet, steht man vor atemberaubenden Wolken sowie einem einzigartigen Wellenspiel und Bergen vom Schaum, ein fast schon zu perfekter Klischee-Ort für Künstler und Schriftsteller.
WELT: Auf einer Skala von 0 bis 10: Wie gut ist das Krabbenbrötchen bei „Gosch“?
Yakovleva: Das habe ich nicht probiert. Einmal hatte ich eine Fischvergiftung. Aber ich verrate Ihnen nicht wo.
■ Die Ausstellung „Reizklima“ von Sonja Yakovleva in der Galerie Robert Grunenberg in Berlin geht bis 14. Juni
Zur Person:
Geboren in Potsdam. Nach vorzeitigem Schulabbruch („Ich war der Klassenclown“) studierte sie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und an der Athens School of Fine Arts. Yakovlevas bevorzugtes Medium sind aufwendige, großformatige Scherenschnitte, in denen sie sich häufig mit Sexualität und ihrer visuellen Verarbeitung beschäftigt. Ihre Arbeiten sind u. a. im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen. Sie lebt in Frankfurt.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.