Optimistischer Pessimist packt aus: Neue Einblicke in eine widersprüchliche Weltanschauung!

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Von : Larissa Vogler

„Ich bin ein optimistischer Pessimist“

„Ich betrachte mich als optimistischen Pessimisten“

Der Schauspieler Winfried Glatzeder feiert bald seinen 80. Geburtstag, träumt jedoch davon, 104 Jahre alt zu werden. Er hat sogar schon klare Vorstellungen davon, was auf seinem Grabstein stehen sollte. Ein Gespräch mit einem Mann, der seinen Humor nicht verloren hat.

Seine markante Nase verdankt Winfried Glatzeder einer Auseinandersetzung um einen Theaterplatz während seiner Studienzeit. Obwohl er nur ein Ticket für den dritten Rang hatte, setzte er sich auf einen freien Platz im Parkett, der bereits einem anderen Studenten gehörte. Es kam zu einer Rauferei, bei der Glatzeder das Nasenbein brach.

Heute kann er über diesen Vorfall lachen und blickt auf ein erfülltes Leben zurück. Er erzählt von seinem Glück während eines Gesprächs in einem Café im Berliner Bezirk Pankow. Seit sechs Jahrzehnten ist er auf der Bühne oder vor der Kamera tätig – zunächst in der DDR, wo er aufgrund seines auffälligen Aussehens als „Belmondo des Ostens“ bekannt wurde. Auch mit 80 Jahren zeigt er keine Müdigkeit und betrachtet die Zukunft mit einem makabren Humor. Sein 80. Geburtstag steht am 26. April bevor.

WELT: Herr Glatzeder, sind Sie schon in Feierlaune für Ihren bevorstehenden 80. Geburtstag?

Winfried Glatzeder: Ich werde an meinem Geburtstag in Brandenburg auf einer Lesung sein. Auf dem Rückweg plane ich, in Frankfurt an der Oder anzuhalten, um dort zu fischen. Ich habe niemanden eingeladen, da ich nicht die Erwartungen erfüllen möchte, dass ich für Unterhaltung sorge.

WELT: Wäre ein großer Fisch das perfekte Geburtstagsgeschenk für Sie?

Glatzeder: Ein großer Zander oder Hecht wäre sicher toll. Aber man könnte mir auch einen Rollstuhl mit modernster Technik und Joysticksteuerung schenken. Zwischen 80 und 104 Jahren wird man sicherlich einige körperliche Einschränkungen erleben.

WELT: Sie haben sich das Ziel gesetzt, 104 Jahre alt zu werden?

Glatzeder: Ja, ich habe in eine private Rentenversicherung investiert und berechnet, dass ich mein Geld erst in 24 Jahren zurückbekommen werde (lacht).

WELT: Planen Sie für Ihren 80. Geburtstag etwas Besonderes außer der Lesung und dem Angelausflug?

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Glatzeder: Ich schätze, dass ich noch lebe. Es gibt nichts Schöneres. Ich bin jemand, der nicht groß feiert und skeptisch wird, wenn Feiertage wie Ostern, Weihnachten oder Geburtstage groß angekündigt werden. Aus meiner 80-jährigen Erfahrung weiß ich, dass solche Tage oft in Chaos und Familienstreit enden. Ich erinnere mich, dass meine Kinder immer enttäuscht waren, wenn die Geschenke nicht ihren Erwartungen entsprachen. Durch meinen Beruf habe ich mein Leben lang feiern dürfen und genug Spaß gehabt. Ich brauche keine weiteren Feierlichkeiten.

WELT: Vermeiden Sie es vielleicht auch deshalb, um nicht ständig an das Alter erinnert zu werden?

Glatzeder: Nein, ich spreche gerne über Krankheiten und das Altern. Ich möchte das nicht verdrängen, sondern mutig annehmen.

WELT: Wirklich?

Glatzeder: Ja, sicher. Ich besuche auch Friedhöfe und spreche mit dem Friedhofsgärtner. Diese Rolle habe ich schon im „Hamlet“ gespielt. Mit dem Friedhofsgärtner in Berlin-Friedenau, wo auch Marlene Dietrich und Helmut Newton ihre letzte Ruhe fanden, habe ich ausgemacht, wie ich liegen möchte, wenn ich nach 104 Jahren sterbe. Meine Beine sollen in Richtung des nahen Schulhofs zeigen, und ich möchte nahe einem Komposthaufen begraben sein. Außerdem möchte ich zwei Sprüche auf meinem Grabstein haben.

WELT: Welche wären das?

Glatzeder: Einerseits das Zitat von Goethe: Gerne der Zeiten gedenk‘ ich, da alle Glieder gelenkig – bis auf eins. Doch die Zeiten sind vorüber, steif geworden alle Glieder – bis auf eins (schmunzelt). Normalerweise überleben uns Männer die Frauen. Ich möchte, dass die Witwen lächeln, wenn sie das Grab ihres Mannes herrichten.

WELT: Und der andere Spruch?

Glatzeder: Hier liegen meine Gebeine, ich wünschte, es wären deine. Ich habe den Friedhofsgärtner bereits gefragt, ob dieser Satz auf meinem Grabstein stehen darf. Er wollte mit der Friedhofsverwaltung darüber sprechen, ob das möglich ist. Und noch etwas kann ich verraten.

WELT: Und das wäre?

Glatzeder: Ich habe mal an einer TV-Sendung über das Sterben teilgenommen und in verschiedenen Särgen Probe gelegen. Man bot mir einen Nachbau des Papstsarges an, doch als man den flachen Deckel über mir schloss, bekam ich Platzangst. Daraufhin entschied ich mich für einen Sarg mit gewölbtem altdeutschen Deckel. Ein Tischler hat sich bereiterklärt, einen Sarg nach meinen Vorstellungen zu bauen und meinte, solange ich lebe, könnte ich ihn auch als Bücherregal nutzen.

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WELT: Wie kommt es, dass Sie so unbekümmert mit dem Tod umgehen?

Glatzeder: Der Tod gehört zum Leben. Ich wurde von einem Soldaten im Fronturlaub gezeugt, der dann umkam, also ohne Vater aufgewachsen. Auch in meiner Pubertät fand meine Mutter keinen Mann, der mich disziplinieren konnte. Meine Lehrmeister Fritz Marquardt, B. K. Tragelehn und Benno Besson waren meine ausgewählten Väter, von denen ich bereitwillig lernte. Ich bin, wie ich bin. Von Natur aus bin ich ein Spießer, der es schrecklich findet, wenn sich etwas verändert. Ich versuche aber, so gut es geht, mich damit zu arrangieren.

WELT: Sind Sie zufrieden, wenn Sie auf Ihr Leben zurückschauen?

Glatzeder: Sehr sogar. Ich hatte eine Ausbildung, wie sie nicht hätte besser sein können, über acht Semester an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg, auch mit Motorradfahren, Tanzen, Reiten, Fechten, Tennisspielen, Skifahren – wir haben alles gelernt, zumal wir auch von den besten Regisseuren, Autoren und Theaterintendanten der DDR unterrichtet wurden. Außerdem wohnten wir in den wunderschönen Villen der früheren UFA-Stars. Ich muss aber auch gestehen, dass ich in meinem Leben mit Glück gesegnet bin.

WELT: Inwiefern?

Glatzeder: Ich war ehrgeizig, aber nie ein Kämpfer. Stets versuchte ich, mit dem geringsten Aufwand den größtmöglichen Effekt zu erzielen. Meine Rollen habe ich immer durch glückliche Umstände bekommen. Über Regisseure, Filmkritiker, Autoren, Fotografen, die mir in den 1970er-Jahren bescheinigten, dass ich der Typ der neuen Zeit sei. Ich war auf einmal der schlottrige, hässliche, lange Dürre – ein Ebenbild zu den verrückten Typen in Frankreich und Italien. Durch mein erlerntes Handwerk war ich auch in der Lage, jede Rolle zu spielen, egal ob Mörder, Räuber, Ganove, Lüstling, Geizkragen oder idealistischer Fantast. Das alles leben zu dürfen, ist schöner als jede Geburtstagsparty.

WELT: Im Kino sind Sie gerade im zweiten Teil der Komödie „Die Kundschafter des Friedens“ zu sehen, in dem Sie als abgehalfterter DDR-Agent auf Kuba die Welt retten wollen. Sind bei den Dreharbeiten alte Wunden aufgerissen? Sie verließen ja die DDR, weil Sie sich nicht bevormunden lassen wollten, weshalb Sie auch ins Visier der Sicherheitsorgane gerieten.

Glatzeder: Die Stasi versuchte 1971 sogar, mich als IM anzuwerben. Sie hatten ein Psychogramm mit meinen Schwächen angefertigt und wollten mich so zur Mitarbeit gewinnen.

WELT: Wie haben Sie das verhindert?

Glatzeder: Nach einem Hausbesuch zweier Stasibeamten bin ich zur Probe in die Volksbühne gefahren, habe mir in der Kantine ein Wasserglas mit 38-prozentigem Nordhäuser Doppelkorn geben lassen, trank es, ohne abzusetzen aus, ging dann von Tisch zu Tisch und erzählte, dass die Stasi mich am Schlafittchen hat. Das war meine Rettung, wie ich 20 Jahre später meiner Stasi-Akte entnehmen konnte. Denn dort steht: Glatzeder hat sich nicht an die konspirative Verabredung gehalten – ist für uns verbrannt. Die hatten für mich sogar schon einen IM-Namen vorgesehen. Ich sollte „Liebling“ heißen. (lacht)

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WELT: Hat die Kundschafter-Komödie nun alte Wunden aufgerissen?

Glatzeder: Nein. Ich bin der Stasi dankbar, dass sie mich viele unangenehme Dinge erleben ließ, und ich nunmehr darüber lachen kann. Es ist doch herrlich, dass ich es ihnen in gewisser Weise wie in Billy-Wilder-Filmen durch Satire jetzt zurückzahle, wie durch die Figur des alten Romeo-Agenten, der alle Frauen im Bundesnachrichtendienst und der Nato flachlegt, um Informationen auf Mikrofilmen an Stasi-Auslandschef Markus Wolf schicken zu können. Möge mir dieser Spaß noch lange erhalten bleiben.

WELT: Haben Sie da Bedenken?

Glatzeder: Meine Nachbarin sagt immer: Wenn sie oben noch hell sind und unten dicht, ist alles in Ordnung (lacht). Ich bin ein optimistischer Pessimist. Ich wache morgens auf und denke der Tag wird schrecklich, freue mich beim Einschlafen, dass es nicht ganz so schlimm war.

WELT: Tun Sie aktiv etwas für Ihr Wohlbefinden?

Glatzeder: Meinen Sie etwa Sport?

WELT: Beispielsweise.

Glatzeder: Nein, nein, um Himmels willen, das ist doch widerlich! Ich trinke schon keinen Alkohol und rauche nicht mehr. Dafür lege ich Komposthaufen an, harke Laub, schleife riesige Laubsäcke übers Grundstück, hacke Holz und falle beim Säubern der Regenrinne vom Schuppendach. Das strengt genug an.

WELT: Mehr als Ihre beiden Besuche im Dschungelcamp?

Glatzeder: Ich war dabei, sicher auch wegen der Gage, aber vor allem, weil ich neugierig bin und abnehmen wollte. Beim

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