„Raumdüfte als prägnante Auslegung von Körperaromen“
Etwas Besonderes schwebt in der Luft: eine Mischung aus Rauch, fruchtiger Herbheit und zarter Süße. Luxushotels nutzen ansprechende Duftaromen, um den Aufenthalt ihrer Gäste unvergesslich zu gestalten. Ein Einblick in diese Kunst bietet ein Besuch bei einer Parfümeurin in der Provence.
Versteckt zwischen prächtigen Villen, auf den Höhen von Nizza, befindet sich ein glamouröses Hotel, genannt „Petit Palais“. Der „kleine Palast“ spielt mit seiner Geschichte und den Geheimnissen seiner Gründerin, Madame Thomas, der man sowohl Adel als auch eine mysteriöse Herkunft zuschreibt. Das im späten Belle-Époque-Stil erbaute Gebäude, verziert mit neoklassizistischen Elementen, wurde von dem Architekten Charles Palermo entworfen, der später auch für das berühmte „Hôtel Martinez“ in Cannes verantwortlich war.
Die heutigen Eigentümer versuchen, den Geist der Anfangszeit zu bewahren, indem sie auf subtilen Charme statt auf prahlenden Luxus setzen. Die Zimmer strahlen in Farben, die das Licht der Côte d’Azur einfangen: Kobaltblau, Mimosen-Gelb, Fuchsia und leuchtendes Orange. Doch was wirklich verzaubert, ist der Duft des Hauses, eine Mischung aus Rauchigkeit, fruchtiger Herbheit und zarter Süße. Ein Ambiente, das die Sinne beruhigt und zugleich die Lust auf Abenteuer weckt. Das Gleichgewicht zu finden, ist die Herausforderung bei der anspruchsvollen Raumbeduftung.
Die Wahrnehmung von Düften kann entzücken oder abschrecken. Kaum ein Sinn ist zuverlässiger bei Entscheidungen als der Geruchssinn, und dennoch wird er oft unterschätzt. Vertrauen wir zu sehr auf unsere Vernunft, vergessen wir, dass der erste olfaktorische Eindruck entscheidend sein kann. Eine Wolke aus Oud trifft uns und lässt uns in Starre verfallen. Maiglöckchen und Veilchen verbreiten den nostalgischen Duft der Kindheit, Damaszenerrosen und Jasmin erinnern an edle Bouquets und elegant gekleidete Damen.
Düfte sind nicht nur im Alltag Orientierungshilfen, sie eröffnen echte Parallelwelten, machen uns empfänglich für Schönheit und eine von Unannehmlichkeiten befreite Wahrnehmung der Welt. Die Vernunft wird pausiert, während das Ursprüngliche stimuliert wird, denn am Anfang war nicht das Wort, sondern der Duft. Noch vor dem Hören und Sehen entwickelte sich der Geruchssinn, der eng mit unserem Zentrum für Emotionen verbunden ist.
Seit Jahren nutzen Unternehmen diese Erkenntnis für das sogenannte Duftmarketing, um Kunden zum Konsum anzuregen. Der künstlich erzeugte Duft frisch gebackenen Brotes soll köstliche Kindheitserinnerungen wecken und dennoch zum Kauf eines einfachen Industrieprodukts verführen. Die Entscheidungsfreiheit bleibt erhalten, doch wird sie sanft in eine bestimmte Richtung gelenkt, so angenehm, dass sich der Konsument dem Konsum kaum entziehen kann. Düfte spielen eine besondere Rolle, da sie direkt das limbische System ansprechen.
Für Kunden ist diese Eigenschaft zwiespältig: Einerseits besteht die Gefahr, dass sie ihrer Mündigkeit beraubt werden, andererseits öffnet sich ein olfaktorisches Universum, das das Wohlbefinden nicht nur steigern, sondern auch unser Verständnis von Luxus komplettieren oder sogar verändern kann. In den letzten Jahren hat sich das Verständnis von Luxus von Bling-Bling und Markenprunk zu einer fast immateriellen Dimension gewandelt. Wertvoll erscheint uns vor allem die Zeit, die wir intensiv genießen möchten. Dabei sollen alle Sinne befriedigt werden, die Haptik ebenso wie der Geruchssinn, zu jeder Zeit und en passant.
In Hotels ist dieses Bedürfnis allgegenwärtig. Das Fremde und das Vertraute stehen in einem ständigen Spannungsverhältnis. Ein heimeliges Gefühl und die Neugier auf das Neue machen einen Hotelaufenthalt zu einem Erlebnis. Während das Ambiente und die Ausstattung mit Bettwäsche aus ägyptischer Baumwolle und feinstem Porzellan den Alltag veredeln, soll der Duft eines Hotels das Vertrauen des Gastes wecken. Im „Petit Palais“ genießt Diskretion zwar höchste Priorität, doch lässt sich der Portier dazu hinreißen, das olfaktorische Geheimnis des Hauses preiszugeben. In Grasse, der Welthauptstadt des Parfums, befindet sich die Firma, die dem Hotel seinen unverwechselbaren Duft verleiht. Als Duftenthusiast kann man dem Angebot, den Parfümeuren einen Besuch abzustatten, kaum widerstehen und begibt sich ins provenzalische Hinterland.
In Grasse hat das Unternehmen Solutions Parfum seinen Sitz, allerdings nicht im Zentrum wie die bekannte Parfümerie Fragonard, die ihre Kundschaft bereits im 18. Jahrhundert mit Lavendel, Orangenblüten, Zedernholz und Moschus verwöhnte. Das 1999 gegründete Unternehmen befindet sich im ersten Stock eines unscheinbaren Gebäudes im Industriegebiet. Karine Deraco arbeitet hier hinter verschlossenen Türen in einer nahezu geruchsfreien Umgebung.
Die Gründerin des Unternehmens, die als Autodidaktin begann und inzwischen eine jahrzehntelange Erfahrung als Parfümeurin vorweisen kann, bevorzugt es, ihre Düfte für die gehobene und die Luxushotellerie in olfaktorischer Stille zu entwickeln. Dem Begriff der „Nase“, einer üblichen Bezeichnung für Parfümeure, steht sie skeptisch gegenüber: „Ich sehe mich eher als Komponistin“, sagt sie. „Das Komponieren eines Duftes ist eher eine Sache des Gehirns als der Nase. Nicht umsonst spricht man auch von Duftnoten. Ein Duft ist Musik.“ Deracos Ansatz ist zugleich poetisch und bescheiden. Das wissen offenbar auch ihre Kunden zu schätzen.
Die Wünsche ihrer Auftraggeber, skizziert in Form von Moodboards, herausgefiltert in Gesprächen und Erkundungen vor Ort, konkretisiert die Parfümeurin olfaktorisch. „Das Flüchtige unvergesslich machen und einen Ort in einen Duft übersetzen“, das ist ihr Ziel. In intensiven Abstimmungsprozessen über speziell komponierte Proben wird schließlich gemeinsam mit dem Kunden über den finalen Akkord entschieden.
Ihre Raumdüfte erhellen nicht nur die Stimmung am Flughafen von Nizza, auch die Stadt Grasse gab ihre Duftkerze bei Solutions Parfum in Auftrag. Deraco ließ sich dafür von einem für Grasse typischen Gebäck inspirieren, der Fougassette, einem Hefezopf, der neben Nougat, Calissons und kandierten Früchten zu den traditionellen „13 Weihnachtsdesserts“ der Provence gehört. So duftet die Kerze nach Weihnachten und sommerlicher Leichtigkeit zugleich, nach Anis, Zitronenzeste und Orangenblütenwasser.
Deraco wird als bedeutende Akteurin der Duftbranche angesehen, zumal sich ihre Raum-Parfums kaum von klassischen Körperdüften unterscheiden. „Das ist nur eine Frage der paperasse (des Verwaltungsaufwands)“, erklärt sie. „Der Raumduft ist eine prägnante Interpretation des Körperdufts.“ Der Luxuskonzern LVMH vertraut ihr die Beduftung der exquisiten Hotelkette „Cheval Blanc“ an. Wer sich in den Dependancen auf St. Barth oder St. Tropez entspannt, den umweht unweigerlich ein Hauch „Tropical Chic“ oder „Island Chic“ à la Deraco.
Wie der Duft in die Nasen der Gäste gelangt, hängt nicht nur von örtlichen Gegebenheiten, sondern auch von den Präferenzen des Auftraggebers ab. Deraco selbst richtet sich nach den jeweiligen Bedingungen. Der Duft kann unsichtbar über die Klimaanlage verbreitet werden, über elektrische Diffusoren oder sogar über Staubsauger. Ästhetisch ansprechender sind Duftkärtchen, Kerzen oder Keramiken. Raumsprays, die in festgelegten Intervallen maßgeschneiderte Düfte ausstoßen, kommen in der Hotellerie ebenfalls zum Einsatz.
Zeugen eines diskreten Luxus
Im Auftrag von Marken wie Dior und Guerlain arbeitet Deraco als Ghost-Parfümeurin; ihr Name erscheint selten auf den Etiketten, und doch zeugt etwa das verführerisch nach pudrigem Moschus duftende Spa-Parfum „Cheval Blanc Paris“ von ihrer Expertise.
In Deracos Büro stehen die Exponate ihrer Kunst in einem schlichten Regal – Flacons und Kerzen, zum Teil gehüllt in passende Samtsäckchen. So unscheinbar die Objekte auch erscheinen mögen, sie sind Zeugen eines diskreten Luxus.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
