Die Transformation des Großvaters in nährstoffreiche Erde innerhalb von 40 Tagen
Ein innovatives Start-up hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine umweltfreundliche Bestattungsform zu fördern: die „Reerdigung“. Bei diesem Prozess wird der verstorbene Körper innerhalb von 40 Tagen in fruchtbare Erde umgewandelt. Obwohl das Konzept vielversprechend klingt, stößt es noch auf erhebliche Vorbehalte. Wir besuchen das „Alvarium“.
Die kleine Kapelle am Rande des Neuen Friedhofs in Mölln hat ihre sakralen Tage hinter sich gelassen. Obwohl eine Bronzestatue von Jesus noch an der Wand hängt, dient der ehemalige Trauerort der evangelischen Gemeinschaft nun neuen Zwecken. Luftschläuche durchziehen den Raum, und anstelle von Kirchenliedern hört man ein gleichmäßiges Summen. Hinter Sichtschutzbarrieren befinden sich vier Metallgestelle, die jeweils einen großen schwarzen Kunststoffbehälter tragen, ähnlich groß wie zwei Badewannen.
In diesen Behältern, die als Sarkophage dienen, liegen tote Körper. Mikroorganismen sollen diese binnen 40 Tagen zersetzen und in Erde verwandeln. Das Unternehmen „Meine Erde“ verspricht eine umweltfreundliche und nachhaltige Methode, mit menschlichen Überresten umzugehen. Max Hüsch, der Co-Gründer des Unternehmens aus Berlin, bestätigt, dass der Prozess funktioniert.
Hüsch ist heute in die Kapelle gekommen, um seine Vision zu präsentieren. Er nennt den Raum „Alvarium“, was auf Latein „Bienenstock“ bedeutet, und beschreibt den Vorgang als „Reerdigung“. Die Körper verfallen in Wannen aus recyceltem Kunststoff, die auf einem Bett aus Gartenabfällen ruhen. Diese organische Masse wird befeuchtet, um den Zersetzungsprozess zu beschleunigen. Durch den zugeführten Sauerstoff verwest das Gewebe besonders schnell, und die Temperatur im Inneren der Behälter kann aufgrund des Zersetzungsprozesses auf bis zu 70 Grad ansteigen. Um eine gleichmäßige Feuchtigkeit zu gewährleisten, wird der Behälter in seinem Gestell geschaukelt, was die Kompostierung effektiv unterstützt.
Veränderungen in der Bestattungsindustrie
Die Bestattungsbranche erlebt einen Umbruch. Nicht nur durch die steigende Popularität der Feuerbestattung, sondern auch durch innovative Unternehmen wie „Meine Erde“, die neue Wege in der Bestattungskultur suchen. Diese Veränderungen zeigen sich auch in der zunehmenden Zahl alternativer Abschiedszeremonien und in der Entstehung von Friedwäldern.
Die Bestattungsunternehmen in Deutschland beschäftigen rund 30.000 Mitarbeiter und erwirtschaften einen Umsatz von etwa zwei Milliarden Euro. Aufgrund der in Deutschland geltenden Friedhofspflicht müssen sich Angehörige für die Beisetzung an ein Bestattungsunternehmen wenden.
Hüsch und sein Geschäftspartner Pablo Metz, die bereits Erfahrung im Aufbau von Unternehmen haben, sehen in der traditionellen Erdbestattung diverse Nachteile. Die von ihnen entwickelte Reerdigungsmethode vermeidet diese und bietet eine umweltfreundliche Alternative, die keine hohen CO₂-Emissionen verursacht und den Boden nicht mit schwer abbaubaren Materialien belastet.
Die Reerdigung wird derzeit in einem Modellprojekt in Schleswig-Holstein getestet. Aufgrund rechtlicher Bestimmungen ist sie jedoch in vielen Bundesländern noch nicht erlaubt. Trotz der ökologischen und praktischen Vorteile kämpft das Verfahren noch mit gesellschaftlichen und rechtlichen Widerständen.
Reerdigung bleibt in einigen Bundesländern verboten
Rechtlich gesehen gibt es noch viele Unsicherheiten bezüglich der Reerdigung. Während einige Rechtsmediziner skeptisch sind, zeigen erste wissenschaftliche Studien, dass der Prozess der Umwandlung in Erde tatsächlich innerhalb von 40 Tagen stattfinden kann. Trotzdem ist politischer Widerstand vorhanden, und in Bundesländern wie Baden-Württemberg bleibt die Methode verboten.
Hüsch bleibt optimistisch und setzt darauf, dass eine Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen möglich ist, falls die Politik auf die Wünsche der Bevölkerung eingeht. Das Konzept der Reerdigung könnte dann eine würdevolle und umweltfreundliche Alternative zu traditionellen Bestattungsmethoden bieten und den natürlichen Kreislauf des Lebens schließen.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.