Wenn der Großvater in 40 Tagen zu Erde wird
In einem innovativen Start-up wird nun eine umweltfreundliche Bestattungsmethode vorgestellt: die „Reerdigung“. Dabei verwandelt sich der verstorbene Körper innerhalb von 40 Tagen in fruchtbare Erde. Doch es gibt noch erhebliche Bedenken gegen diese Methode. Ein Einblick in das „Alvarium“.
Die Kapelle am Rande des Neuen Friedhofs in Mölln hat schon lange ihre sakralen Funktionen verloren. Statt Kirchenliedern erfüllt ein gleichmäßiges Summen den Raum. Versteckt hinter Sichtschutzwänden stehen vier Metallgestelle, die jeweils einen großen schwarzen Plastikcontainer tragen, ähnlich groß wie zwei Badewannen nebeneinander.
In diesen Behältern befinden sich menschliche Überreste, die durch Mikroorganismen in weniger als sechs Wochen in Erde umgewandelt werden sollen. Dies verspricht das Unternehmen „Meine Erde“, das von den Berlinern Max Hüsch und seinem Geschäftspartner Pablo Metz gegründet wurde. Hüsch versichert, dass der Prozess funktioniert.
Hüsch stellt am heutigen Morgen seine Vision in der Kapelle vor, die er „Alvarium“, lateinisch für Bienenstock, nennt. In den aus recyceltem Kunststoff hergestellten Wannen zersetzen sich die Körper auf einem Bett aus Gartenabfällen, einer Mischung aus getrocknetem Gras, Samen und Blütenresten. Die feuchte Biomasse ermöglicht eine schnelle Kompostierung, da Sauerstoff zugeführt wird, wodurch das Gewebe besonders schnell verwest. In den Behältern steigt die Temperatur aufgrund des Zersetzungsprozesses auf 70 Grad Celsius. Um eine gleichmäßige Feuchtigkeit zu gewährleisten, wird der Behälter im Gestell geschaukelt, was den Kompostierungsprozess unterstützt.
Veränderungen in der Bestattungsbranche
Obwohl das Unternehmen profitorientiert ist, zeigt sich, dass die Bestattungsbranche innovativ denkt. Jährlich sterben fast eine Million Menschen in Deutschland, und etwa 60 Prozent werden verbrannt. Die Reerdigung bietet eine Alternative zur traditionellen Erdbestattung und Feuerbestattung, indem sie eine Rückkehr in den Naturkreislauf ermöglicht, ohne dabei die Umwelt zu belasten.
Die Bestattungsunternehmen in Deutschland beschäftigen rund 30.000 Mitarbeiter und erwirtschaften zwei Milliarden Euro Umsatz. Durch die Reerdigung werden Probleme wie die unvollständige Zersetzung von Leichen aufgrund ungünstiger Bodenverhältnisse vermieden. Nach 40 Tagen wird der größtenteils zersetzte Körper zu nährstoffreicher Erde, nur die Knochen bleiben erhalten und werden nach der Kompostierung zermahlen und beigesetzt.
Die Motivation, sich für eine Reerdigung zu entscheiden, ist individuell. Viele schätzen die Idee einer sanften Rückkehr in den natürlichen Kreislauf. Im Vergleich zur Verbrennung fallen bei der Reerdigung keine hohen CO2-Emissionen an, und der Boden wird nicht durch schwer abbaubare Materialien belastet.
Bisher hat „Meine Erde“ sieben dieser Kompostierungsanlagen in Betrieb. Die Reerdigung wird für 2900 Euro angeboten, was im Vergleich zu einer herkömmlichen Beerdigung günstiger ist. Derzeit ist diese Bestattungsform nur in Schleswig-Holstein im Rahmen eines Modellprojekts erlaubt.
Rechtliche Herausforderungen in Baden-Württemberg
Trotz wissenschaftlicher Unterstützung und ökonomischer Vorteile stehen rechtliche und ethische Herausforderungen im Weg. In Baden-Württemberg bleibt die Reerdigung verboten, und auch in Bayern sind keine Änderungen in Sicht. Die politische und gesellschaftliche Akzeptanz ist eine große Hürde.
Hüsch bleibt optimistisch und hofft auf eine Änderung der Rechtslage, um der gesellschaftlichen Nachfrage nach einer umweltfreundlicheren Bestattungsmethode gerecht zu werden. „Meine Erde“ verweist auf ein theologisches Gutachten, das keine Bedenken gegen die Reerdigung sieht, da die Würde des Verstorbenen gewahrt bleibt.
Abschließend bekräftigt Hüsch, dass er sich selbst eines Tages durch diese Methode bestatten lassen würde, um den natürlichen Kreislauf zu schließen. Dieser Artikel ist Teil der BETTER FUTURE WEEK von WELT, einer Initiative, die sich auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz konzentriert.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
