Wenn ein Partner fremdgeht und scheinbar ohne Reue bleibt, ist die Reaktion oft heftig: Schnell fällt das Wort „Narzisst“. Aktuell, in einer Zeit mit leichter Zugänglichkeit zu Gelegenheiten und einer veränderten Sexualkultur, lohnt es sich jedoch, genauer hinzusehen — denn die Ursachen sind meist vielschichtiger als ein einzelnes Persönlichkeitsmerkmal.
In einer unserer Paarberatungen schilderte ein Mann seine Affäre knapp und pragmatisch: Für ihn sei das Bedürfnis nach mehr Sex der Grund gewesen. Seine Frau beschrieb ihn daraufhin als empathielos und nannte ihn einen Narzissten. Die therapeutische Einschätzung unterschied sich: Nicht jede gefühlskalte Rechtfertigung ist automatisch eine Persönlichkeitsstörung.
Häufig liegen hinter fehlender Reue psychische Schutzmechanismen, Beziehungsdynamiken und persönliche Biographie — nicht selten auch ein bestimmter Bindungsstil. Bei dem Paar in der Praxis deuteten Hinweise auf einen unsicher‑vermeidenden Bindungsstil: emotionale Distanz, mangelnde Selbstreflexion und früh erlebte Familientabus gegenüber Untreue. Das erklärt, warum der Mann seine Taten innerlich nicht mit der Partnerschaft verknüpfte.
Typische Mechanismen, die Schuldgefühle abschwächen
- Rationalisierung: Fehlverhalten wird innerlich umgedeutet („Das war nicht wichtig“, „Es hat nichts mit unserer Ehe zu tun“), um psychischen Schmerz zu vermeiden.
- Dissoziation: Erlebte Trennung zwischen Alltagsbeziehung und sexuellen Erlebnissen — als wären es zwei getrennte Bereiche.
- Kulturelle Normalisierung: Eine Konsumkultur rund um Casual Sex und Dating‑Apps macht Handlungsoptionen leichter zugänglich und sozial weniger stigmatisiert.
- Geringe Selbstreflexion: Wer nie gelernt hat, eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen, erkennt oft nicht, welche Wirkung sein Handeln auf den Partner hat.
- Familiäre Prägung: Wenn in Herkunftsfamilien Untreue verharmlost wurde, sinkt die Wahrscheinlichkeit, eigenes Verhalten als moralisches Problem zu erleben.
Diese Faktoren zusammen können erklären, weshalb manche Menschen nach einem Seitensprung kaum bis gar keine Schuldgefühle zeigen. Das heißt nicht, dass sie per se rücksichtslos oder böswillig sind — und vor allem nicht, dass die schnelle Zuschreibung „Narzisst“ fachlich ausreichend wäre.
Wann Narzissmus eine Rolle spielt — und wann nicht
Eine echte narzisstische Persönlichkeitsstörung ist durch ein stabiles Muster von Grandiosität, tiefgreifendem Mangel an Empathie und einem andauernden Bedürfnis nach Bewunderung gekennzeichnet. Solche Diagnosen dürfen nicht bei einmaligem oder situativem empathielosen Verhalten gezogen werden. Viel häufiger trifft man auf adaptive Schutzstrategien oder unzureichende Beziehungsfertigkeiten.
Kurz gesagt: Nicht jede kalte Reaktion ist pathologisch. Aber sie ist ein Warnsignal für Beziehungsprobleme, die behandelt werden sollten.
Was Paare jetzt klären sollten
- Wie rechtfertigt die betroffene Person ihr Verhalten innerlich — und wie ehrlich ist sie dabei?
- Welche Bedürfnisse blieben in der Partnerschaft unerfüllt (Intimität, Anerkennung, Nähe)?
- Wie stark ist das Gefühl der Bindung noch — und will das Paar daran arbeiten?
Konkretes Zutun kann unterschiedlich aussehen: Paartherapie zur Wiederherstellung von Vertrauen, individuelle Therapie zur Entwicklung von Selbstreflexion oder praktische Absprachen über Nähe und Grenzen. Wichtig ist, Verantwortung und Ursachen klar zu benennen — statt den Konflikt allein durch Etiketten zu lösen.
Für Betroffene hat das unmittelbare Folgen: Wer vorschnell „Narzisst“ ruft, entlastet sich zwar emotional, behindert aber oft den notwendigen Blick auf eigene Anteile und Lösungen. Andererseits sollte mangelnde Reue nicht bagatellisiert werden — sie kann das Ende einer Beziehung bedeuten, wenn keine Veränderungen stattfinden.
Perspektivisch gilt: Therapeutische Arbeit kann Bindungsmuster sichtbar machen und helfen, Schutzmechanismen zu durchbrechen. Das eröffnet Chancen für ehrliche Kommunikation und gegebenenfalls für einen Neuanfang — oder eine klare Trennung, die auf Einsicht und Verantwortung beruht.
Ihr Kolumnist — Gisbert Straden
Dieser Beitrag erschien erstmals im September 2025.
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Johanna Feldner ist Paartherapeutin und bietet praktische Ratschläge, um Beziehungen stark und harmonisch zu halten. Sie glaubt, dass Kommunikation der Schlüssel zu einer erfüllten Partnerschaft ist.
