Sind Möbel das neue Must-Have?
Ein Rundgang durch die Design Miami offenbart, dass exklusive Möbelstücke zunehmend die kurzlebigen Mode-Trends bei einer jüngeren Zielgruppe verdrängen. Während die Luxusmodebranche und der Kunstmarkt ein wirtschaftlich schwieriges Jahr erlebt haben, schaut die Designindustrie optimistisch in die Zukunft. Ein Bericht aus Basel, beziehungsweise Miami.
„Fährst du auch nach Basel?“, so lautet die Frage unter Kunstliebhabern, wenn der Winter naht. Gemeint ist jedoch nicht die Schweizer Stadt am Rhein, sondern paradoxerweise Miami, ein Ort, der gegensätzlicher kaum sein könnte. In der Schweiz prahlt man vielleicht damit, wie viele Kilometer die abgenutzten Bally-Schuhe bereits zurückgelegt haben, während auf der Washington Avenue in Miami Beach Luxusautos wie Lamborghinis, Bentleys und Cybertrucks darauf warten, vom Valet-Service der Kunstmesse „Art Basel Miami Beach“ geparkt zu werden. Diese findet seit 22 Jahren jeweils in der ersten Dezemberwoche in Florida statt.
Aber nicht nur Kunstsammler sind von Miami angezogen, sondern zunehmend auch Designliebhaber und Fans ausgefallener Möbelstücke. Das Designsegment der Miami Art Week könnte bald der etablierten Kunstmesse die Schau stehlen: In diesem Jahr wirkte dieser Bereich lebendiger und hoffnungsvoller als die altehrwürdige Art Basel.
Die Messe „Design Miami“, die vor 20 Jahren vom Immobilienmogul Craig Robbins gegründet wurde, findet parallel zur Kunstmesse statt und ist Teil der Miami Art Week. Diese Messe erlebte einen frischen Wind, seit sie im Oktober 2023 von Jesse Lee, dem Besitzer der exklusiven Online-Plattform für Mode und Design Basic.Space, übernommen wurde. Lee hat beobachtet, wie die Vorliebe für individuelle Einrichtungsgegenstände die Begeisterung für teure Mode unter Millennials und der Generation Z ablöst. „Früher haben die Leute Selfies gemacht, heute posten sie Bilder ihrer Spiegel“, erklärte Lee der „Financial Times“. Ein Beispiel für einen besonders „modischen“ Spiegel ist das Modell „Ultrafragola“ von Ettore Sottsass aus dem Jahr 1970 mit seinem wellenförmigen Rand, das aus keiner Influencer-Wohnung mehr wegzudenken ist.
Ebenso unverzichtbar ist der Groovy Chair von Pierre Paulin aus dem Jahr 1964, der an ein kunstvoll gefaltetes Handtuch erinnert. „Die junge Generation wendet sich von der kurzlebigen Mode ab“, erklärt der Messeveranstalter per E-Mail. „Sie legt mehr Wert auf Design als langfristige Investition. Deshalb versuchen auch Modemarken, in diesen Bereich vorzudringen.“ Lee, der seine Messe expandiert und nicht nur in Miami und Basel, sondern auch in Paris und Los Angeles veranstaltet, bezieht sich damit auf Fendi, das sich für die diesjährige Design Miami mit dem Londoner Designer Lewis Kemmenoe zusammengetan hat, um Patchworkmöbel aus Metall und durchsichtigem Holz zu zeigen – sowie auf Bottega Veneta, das in Zusammenarbeit mit dem Möbelhersteller Zanotta Tierform-Sitzsäcke präsentierte, auf denen bereits im September das Publikum der Modenschau in Mailand Platz nahm.
Ein klares Zeichen für das gestiegene Interesse einer jüngeren Kundschaft an Designobjekten ist auch das umfangreiche Angebot an Replikaten. Auf der im Frühjahr gestarteten Plattform dupe.com (Motto: „Finde Ähnliches für weniger“), gibt es für alle, die sich keinen originalen Ultrafragola-Spiegel für 8500 Euro leisten können, Modelle zwischen 65 und 200 Dollar. Auch wird auf Vintage-Design-Seiten wie 1stdibs.com verwiesen, wo ein frühes Original für 32.000 Dollar angeboten wird. Dass auf TikTok und YouTube mit der Qualität der Replikate geprahlt wird, zeigt, dass es keine Schande mehr ist, nicht das Original zu besitzen. Solange die Fälschung nicht als Original ausgegeben wird! Das geschah ausgerechnet Kim Kardashian, die in einem inzwischen gelöschten Video von ihren Donald-Judd-Tischen schwärmte und dafür im Frühjahr von der Judd-Foundation angezeigt wurde, da es sich um Plagiate handelte.
Galeriestände wie Wohnzimmer
In Miami wurden natürlich nur Originale präsentiert. Anstelle von weißen Boxen wie gegenüber auf der Kunstmesse setzt Lee auf ein lebendigeres (und Instagram-freundliches) Konzept. Die Galerien wurden dazu eingeladen, ihre Stände wohnlich zu gestalten, „als ob man das Zuhause eines Sammlers betritt“, erklärt der Unternehmer. Die New Yorker Galerie Friedman Benda teilte ihren Stand in zwei Räume auf. Einer war dem mexikanischen Architekten Javier Senosiain gewidmet, der für seine organischen Wohnhöhlen bekannt ist, der zweite glich einem plüschigen Salon mit Werken von Formafantasma, Carmen D’Appolonio und Nendo. „Wir sehen zwei Haupttrends“, erklärt Mitgründer Marc Benda, der eine erfolgreiche Messe mit vielen Verkäufen bestätigt, „einen Fokus auf Qualität und Komfort für das eigene Zuhause und ein Interesse an den Narrativen, die die einzelnen Designs erzählen“.
Eine der besten Geschichten erzählt der Gummi-Sessel „Flap Chair“ von Chamar, auf dem sich Rihanna am letzten Tag der Messe von ihrem Partner A$AP Rocky ablichten ließ. „Chamar“ ist ein Projekt von Sudheer Rajhbar, einem in den Slums von Mumbai aufgewachsenen Künstler, der mit recyceltem Gummi als Lederalternative den Arbeitern der Dalit-Community hilft, die durch das Schlachtverbot von Rindern arbeitslos wurden und deren Talent und Know-How mit Chamar eine neue Plattform gegeben wird. Alle drei auf der Messe ausgestellten Sessel wurden von der Galerie Aequo verkauft. Für wieviel? „Das würde mich auch interessieren“, sagt Rajhbar am Telefon aus Mumbai. „Die Hälfte des Erlöses kommt der Stiftung zugute.“
Parallel zur Design Miami fand in diesem Jahr zum zweiten Mal die Alcova in Florida statt, die derzeit spannendste italienische Ausstellungsplattform für zeitgenössisches Design. Die Kuratoren Valentina Ciuffi und Joseph Grima verfolgen sowohl an ihrem Ursprungsort, der Designweek in Mailand, als auch in Miami ein nomadisches Konzept: Während die erste US-Ausgabe der Alcova in einem 50er-Jahre-Motel im Norden der Stadt ausgetragen wurde, bezog man in diesem Jahr das „River Inn Hotel“ in einer vergessenen Ecke nahe dem Stadtteil Little Havana, eine kleine Ansammlung pastellfarbener viktorianischer Häuschen von 1908. „Wir finden, dass die Verpackung ebenso wichtig ist, wie ihr Inhalt“, sagt Grima. „Deshalb legen wir großen Wert auf die Architektur und das Gefühl, das sie vermittelt. So kreieren wir einen Dialog mit den Arbeiten, die ausgestellt werden.“ Mehr als 50 Designer aus aller Welt nahmen die Einladung an, ihre Arbeiten in den Räumen, Fluren und selbst Badezimmern des für diesen Zweck ausgeräumten Hotels zu zeigen.
Junge und kauflustige Messebesucher
Das Ergebnis war eine dringend notwendige Erinnerung an das, was Design sein sollte: ein neugieriger, optimistischer und experimenteller Blick auf die gestalterischen Fragen unserer Zeit. Attraktive Resteverwertung und radikale Materialexperimente waren ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die verwinkelten Räume zog. So verwandelte das griechisch-amerikanische Studio Objects of Common Interest Reste seiner Kunstharzproduktion in Spiegel und Vasen, die an Edelsteine erinnern, Panorammma aus Mexiko zeigte so simple wie exzentrische Klappmöbel aus handgemachten Metallketten, und das Studio Haos überzog schlichte Gitterstrukturen mit Fiberglas zu Mobiliar, das wirkte, als wäre es aus Papier gefaltet. Das Publikum: jung, weltgewandt, fashionable. Und kauflustig.
Studio Haos bekam etliche Anfragen, während Objects of Common Interest schon am ersten Messetag einen beachtlichen Teil seiner Vasen loswurde. Panorammmas Möbel wurden für ein Filmset angekauft, und es wird sie demnächst im Programm der neuen Designgalerie CyCyCy in Miami geben. „Der Fashion-Industrie und einigen der großen Player in der Möbelindustrie geht es zurzeit nicht gut“, sagt Valentina Ciuffi. „Dafür boomt Design, das jung ist, ein bisschen aneckt und einen Sammlerwert verspricht.“
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
