Gedanken, die man hat, während andere die beste Zeit erleben
Zwei Tage verbrachte ich an einem malerischen Waldsee in Brandenburg, pflückte gerade Basilikum, als urplötzlich ländlicher Techno die Ruhe störte. Kurz darauf tauchten die Feierwütigen auf.
Mein Gast H. aus den USA hatte sich entschieden: „Ich bin eine Lady. Die Toiletten beim Whole Festival sind ein Problem. Ich gehe dort nicht hin.“ Das Festival in Gräfenhainichen nahe Dessau ist bekannt für seine exzessiven Feiern.
H. normalerweise nicht zögerlich bei nächtlichen Ausflügen, entschied sich gegen das Whole Festival, zu dem Menschen weltweit anreisen. „Ein buttplug-förmiges Raumschiff zu einer anderen Welt“ war eines der Highlights der dreitägigen Party in der dystopischen Kulisse von Ferropolis, dem ehemaligen Braunkohleabbaugebiet. Wer würde da nicht seine Sachen packen?
Er schickte ein Foto, mit seligem Lächeln auf den Lippen
Mein Wochenende sollte anders verlaufen. Zwei Tage am Waldsee in Brandenburg, ausgestattet mit Grillwürsten und einem Manuskript, das dringend bearbeitet werden musste. Die ersten Stunden nach meiner Ankunft waren perfekt. Die Luft roch noch nach dem schweren Regen der letzten Tage, doch die Abendsonne ließ die Wildapfelbäume und die Birkenallee leuchten.
Es war so schön, dass ich das Schwimmen auf den nächsten Tag verschob – vielleicht auch, weil ich unbewusst Angst vor einem weiteren aufgeregten Wels hatte. Nur der fesselnde Roman „Kleine Dinge“ von Benoît Coquil über psychoaktive Pilze aus Mexiko hielt mich vom Schlafen ab.
Doch keine Idylle währt ewig. „I went to Whole“, lautete die knappe Nachricht meines Hausgastes in Berlin. Später folgte ein Foto von ihm in einer tanzenden Menschenmenge, auf den Lippen ein seliges Lächeln. Na toll, dachte ich und begann, das Basilikum für das Abendessen zu zupfen, auch wenn mir bis heute niemand schlüssig erklärt hat, warum ausgerechnet dieses Kraut keinesfalls mit dem Messer geschnitten werden darf. Worüber man halt so grübelt, wenn andere woanders die Zeit ihres Lebens haben.
Während ich also versuchte, mich mit den Freuden der Hausarbeit im ländlichen Idyll anzufreunden, wummerte plötzlich ebenso ländlicher Techno durch das Tal. Das war im Wortsinne unerhört. In den vergangenen Jahren waren die einzigen Ruhestörer Kreissägen und Rasenmäher gewesen. Jetzt hallten Saufhymnen und Jungemännergröhlen über den Waldsee.
Das Erstaunliche: Sie wurden im Laufe des Nachmittags und des Abends nicht müde, sondern lauter. Als die Sonne lange untergegangen war, ertönte ein Schuss. Danach ein vielkehliger Rülpsjubel. Haben die sich vielleicht in der Adresse geirrt? Immerhin war das Whole Festival nur wenige Autostunden entfernt. Und wo war eigentlich die Polizei?
Als ich erwachte, waren die Partyboys noch näher gekommen. Einer erbrach sich lautstark im dichten Grün, die Flaschen klirrten weiter. Eine energische Frauenstimme rief sie zur Ordnung, und der Spuk war vorbei.
Das Wasser des Sees schien an diesem Morgen besondere Reinigungskraft zu haben, zwei Paddlerinnen kamen mir mit der Grazie von Schwänen entgegen. Aber seltsamerweise fühle ich mich verkatert. Um Nietzsche zu paraphrasieren: Man kann die Party fliehen, aber die Party rennt einem hinterher.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.