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Bevor man sich anstrengt – vielleicht einfach mal nicht lächeln
Wenn Männer plötzlich aufgeräumt wirken, weckt das Misstrauen unseres Autors, wie kürzlich bei Robert Pattinson beobachtet. Ein Zeitgenosse, der seiner wahren Natur treu bleibt, ist Christopher Chaplin, der Sohn des weltberühmten Clowns.
Mein Morgen beginnt mit einem Gefühl, dass mir absolut kein Anlass zum Lächeln gibt. Vielleicht liegt es daran, dass ich gestern Abend stundenlang das lineare Fernsehen verfolgt habe. Es war die Nacht der Wahlen, die als spannend galt, doch letztlich handelten alle wie erwartet. Linder trat entschieden zurück, Scholz trat verwirrend zurück, Wagenknecht trat nicht zurück. Und Robert Habeck? Der schien trotz seiner Niederlage wie verwandelt. Nachdem er seinen „Mensch“-Wahlkampf mit Irrungen und Wirrungen versemmelt hatte, fand er plötzlich zu klaren Worten zurück – und wirkte dabei nicht einmal betrunken.
Die plötzliche Aufgeräumtheit bei Männern weckt mein Misstrauen, denn sie scheinen immer etwas im Schilde zu führen. Das konnte man kürzlich bei einem anderen Robert beobachten: Mister Pattinson kam nie wirklich über die Rolle seines Lebens hinaus; viele Jahre nach der „Twilight“-Reihe wirkte er auf roten Teppichen und bei Modenschauen noch immer wie ein sexuell und auch sonst enthaltsamer Vampir: ernst, blass, halb verdurstend.
In Berlin jedoch zeigte er sich in einer aufgeblasenen Lederjacke und mit blonden Strähnen, um seinen Film „Mickey 17“ zu bewerben. Vor allem aber mit roten Wangen und einem Lächeln, das niemand von ihm erwartet hätte. „Der Mann ist einfach gut drauf, was ist das Problem?“, könnte man fragen. Aber Pattinson strahlte die Anstrengung eines Mannes aus, der mit aller Kraft in seiner neuen Rolle überzeugen möchte. Ähnlich einem Auftritt von Tom Cruise, als dieser noch die ganze Welt für die Scientology-Sekte gewinnen wollte.
Dann stieß ich auf einen Zeitgenossen, der wirklich niemanden mit seinem Lächeln erfreuen möchte. Christopher Chaplin, der jüngste Sohn des berühmtesten Clowns der Welt. Kenner wissen, dass er sich als Schauspieler versucht hat und elektronische Musik komponiert. Sein neues Album „Door 1 Door 2“ besteht aus vier sperrigen, rätselhaften, mythologiegesättigten Collagen, die irgendwo zwischen Meditation und Lärm schweben. Ein starker Kontrast zu dem süßen Lied „Smile“, das sein Vater für die Schlussszene von „Moderne Zeiten“ komponierte – das Lieblingslied von Michael Jackson.
Was mich zudem an Chaplin fasziniert, ist sein Aussehen. Während wir seinen Vater mit dem Schnurrbart, den zu weiten Hosen und dem extravagant geschwungenen Stock kennen, sieht der Spätgeborene aus wie der Bruder von Karl Ove Knausgård oder wie ein georgischer Mönch. Langer grauer Bart, kunstvoll abgetragene Kleidung, ein Blick so durchdringend wie ein Adler, der einem die Leber herausreißt.
Jeder muss sich aus dem Schatten seiner Eltern befreien, und der Kontrast zwischen den beiden Chaplins ist bemerkenswert. Laut dem Roman „Zwei Herren am Strand“ des Autors Michael Köhlmeier litt Chaplin unter Depressionen, akute Anfälle nannte er den „schwarzen Hund“. Vor seinem Sohn würde dieser Hund wahrscheinlich den Schwanz einziehen.
Nachdem unser Autor Adriano Sack lange über seinen Hund Jack geschrieben hat, widmet er sich mit seiner Kolumne „Smile“ nun einem neuen Thema: dem Lachen.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
