Artikeltyp:Meinung
Ein Nachmittag im „D-Zügle“ bietet unerwartete Antworten
Stadtbewohner suchen oft nach spirituellen Wegen, um der globalen Situation zu entfliehen. Doch vielleicht leistet eine einfache Bahnhofskneipe mehr für unser seelisches Wohl. Diese Überlegung macht sich unser Autor, während er in Winnenden das Lied „Biervampir“ der Schwaben-Punkband Normahl hört.
In unmittelbarer Nähe des Bahnhofs in Winnenden befindet sich die Kneipe „D-Zügle“. Dieses kleine, freistehende Gebäude liegt zwischen dem Bahnhofsgebäude und der Straße. Es verfügt über einen Wintergarten, der mit einer klaren Kunststoffplane umzäunt ist. Hinter der Plane prangt eine große Deutschlandflagge, auf der zur Sicherheit noch einmal „DEUTSCHLAND“ im schwarzen Bereich steht. Ein VfB Stuttgart-Wimpel weht am Gebäude. Es ist Freitagnachmittag, die Temperatur liegt bei heißen 30 Grad. Im „D-Zügle“ dröhnt Schlagermusik, ein Mann steht mit einer Zigarette in der Hand im Gastraum und tanzt ins Wochenende. Vor der Kneipe wartet ein einsames Taxi auf den einzigen Gast des Tages.
Kürzlich hat in Graz ein 21-jähriger Mann zehn Menschen in seiner ehemaligen Schule getötet und sich dann selbst das Leben genommen. Neun der Opfer waren zwischen 14 und 17 Jahre alt. Das erinnert mich an den Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009. Es war im Grunde dasselbe tragische Muster: Ein junger Mann, der sich und die Welt hasste, bewaffnete sich, ging zu seiner früheren Schule und begann zu töten. Seitdem ist der Name Winnenden untrennbar mit dieser Tragödie verbunden.
Ich bin nicht von hier, aber die Familie meiner Frau schon. Als ich das erste Mal das Ortsschild von Winnenden sah, dachte ich sofort an den Amoklauf. Das ist natürlich unfair, aber so prägen Katastrophen nun einmal den Ruf eines Ortes.
Doch Winnenden ist mehr als das: Es ist die Heimat von Kärcher, dem Hochdruckreinigerhersteller, der Bäckerei Maurer mit der goldenen Brezel im Logo, und dem malerisch benannten Zipfelbach, der bei Ludwigsburg-Poppenweiler in den Neckar mündet. Winnenden bedeutet Wochenmarkt, die Kneipe „Jägerstüble“ und natürlich die große Schwaben-Punkband Normahl, die sich hier 1978 als Schülerband gründete. Und wie es bei Punks so ist, arbeiten sie heute in Berufen wie Außendienstler, Sozialarbeiter und Sanitärfachmann.
Die einzige Möglichkeit, den ganzen Wahnsinn auszuhalten
Während ich „Biervampir“ von Normahl auf meinem Handy spiele – ein Song, der vor genau 40 Jahren herauskam – beobachte ich die Leute im „D-Zügle“ beim Trinken. Der Song erzählt von einem Drang zur Tat, der durch großen Bierdurst entsteht. Der Biervampir bricht in Keller ein, um dort viel Bier zu trinken, so der Text. Der Refrain beendet das Lied: „Oh, ich bin der Biervampir / Oh ich bin der Biervampir / Oh ich bin der Biervampir / Oh, ich bin der Bier“, singen Normahl.
Das Beobachten des tanzenden Mannes im „D-Zügle“ und das Hören dieses Songs lässt mich denken, dass dies vielleicht die einzige Möglichkeit ist, den ganzen Wahnsinn – die Amokläufe, die Raketen aus dem Iran und Russland, die allgemeine Misere – zu ertragen. Ich glaube, das kosmopolitisch-urbane Versprechen von Wellness, Yoga und Achtsamkeit ist reiner Betrug. Ein Nachmittag im „D-Zügle“ hingegen ist die Antwort auf alle Fragen, die man sich nie gestellt hat.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.