„Übertriebener Optimismus kann in einem Burn-out münden“
Ständig optimistisch sein und negative Emotionen ignorieren? Das ist nicht die Lösung. Es ist vielmehr entscheidend, eine gesunde Balance zu finden. Aber wie erreicht man das?
„Bleib positiv“, „Sieh die guten Seiten“, „Denk optimistisch“ – solche Ratschläge sind allgegenwärtig, besonders in sozialen Medien, wo der Hashtag #goodvibesonly oft zu finden ist. Dieser steht für eine ständig positive Lebenseinstellung. Der Fachbegriff dafür lautet „Toxic Positivity“, also schädlicher oder giftiger Optimismus. Denn das Unterdrücken negativer Emotionen kann schädlich sein, erklären zwei Expertinnen:
Viele positive Gefühle sind bekannt, erklärt Dorothee Salchow, Coach und Dozentin an der Gesellschaft für Positive Psychologie. Sie zählt folgende zehn positive Emotionen auf:
- Vergnügen
- Inspiration
- Freude
- Gelassenheit
- Ehrfurcht
- Hoffnung und Zuversicht
- Stolz
- Interesse an der Welt
- Dankbarkeit
- Liebe und Zuneigung
„Die meisten Menschen wissen um diese positiven Emotionen“, sagt sie. Doch oft werden negative Gefühle vernachlässigt. „Es ist essentiell, das gesamte Spektrum an Gefühlen zuzulassen“, betont die Expertin. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Unterdrückung führt vor allem zu Stress
Salchow verwendet eine Metapher, um das zu verdeutlichen: „Wenn man negative Gefühle unterdrückt, machen diese im Keller Krafttraining und kommen irgendwann stärker zurück.“ Ein weiteres Bild ist das eines Balls, den man unter Wasser drückt – irgendwann schnellt er nach oben. Das ständige Verdrängen negativer Emotionen kann zu einem Teufelskreis führen, in dem diese Gefühle immer mächtiger werden.
Prof. Astrid Schütz, Leiterin des Lehrstuhls für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Bamberg, spricht im Zusammenhang mit Toxic Positivity auch vom Rebound- oder White-Bear-Effect. „Wenn man jemandem sagt, er soll nicht an einen rosa Elefanten denken, wird er genau das tun“, erklärt sie. „So verhält es sich auch mit negativen Emotionen.“
Zudem bedeutet das ständige Unterdrücken auch kontinuierlichen Stress. „Man ist ständig kognitiv auf Hochtouren. Im schlimmsten Fall kann das zu einem Burn-out führen.“ Zudem sind unangenehme Gefühle wichtig, weil sie einen Kontrast zum Positiven bilden, was uns erst ermöglicht, das Positive voll zu genießen, erklärt Schütz. Negative Emotionen seien zudem wichtige Indikatoren dafür, dass etwas im Argen liegt.
Die bedeutende Rolle von Wut, Angst und anderen Emotionen
Gefühle wie Angst, Wut, Trauer und Scham haben im Laufe der Evolution als wichtige Warnsignale gedient, so Salchow. Scham verhindere sozialen Ausschluss, Angst warne vor Gefahren und Wut deute auf eine Ungerechtigkeit hin oder darauf, dass man für seine Rechte einstehen sollte. Es ist also unerlässlich, sich diesen negativen Emotionen zu stellen.
Nicht nach den Maßstäben sozialer Medien leben
In sozialen Netzwerken wie Instagram zeigen die meisten Menschen nur die besten Ausschnitte ihres Lebens, was zu einer Verzerrung führt. „Soziale Medien verstärken das Phänomen der Toxic Positivity“, sagt Astrid Schütz. Es ist daher umso wichtiger, offline ein gutes Gleichgewicht zwischen negativen und positiven Gefühlen zu finden. Achtsamkeit kann dabei helfen, alle Emotionen zuzulassen, betont die Professorin.
Praktische Übung: Achtsamkeit mit einer Rosine trainieren
Die Universität Bamberg empfiehlt eine einfache Achtsamkeitsübung mit einer Rosine, die auch Anfängern hilft. Man soll die Rosine betrachten, als sehe man sie zum ersten Mal, sie beschreiben, fühlen, riechen und schmecken, ohne sofort zu kauen. Dann langsam kauen und das Erlebnis reflektieren. Dies fördert die Achtsamkeit und hilft, sich auf den Moment zu konzentrieren.
dpa
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.