Artikeltyp:Meinung
Weichling oder Macho – Die Krise der modernen Männlichkeit
In der Popkultur beginnt man langsam, die strukturelle Krise junger Männer zu erkennen. Fast zu spät und noch immer unzureichend, meint unser Autor. Denn junge Männer fühlen sich zunehmend übersehen. Was ihnen fehlt.
Mickey ist ein liebenswerter Versager. Sein Restaurant hat er ruiniert. Nun ist er pleite, und die Gläubiger verfolgen ihn. Deshalb ist er bereit, seinen Körper für die Wissenschaft zu opfern. So beginnt die Sci-Fi-Komödie „Mickey 17“. Der Hauptdarsteller, gespielt von Robert Pattinson, reist ins All zum unerforschten Planeten Niflheim, wo er immer wieder auf brutale Weise getötet wird. Mal zerfetzen kosmische Strahlen sein Gesicht, mal töten ihn tödliche Medikamente. Obwohl er in einer Kapsel immer wieder neu erschaffen wird, akzeptiert Mickey 17 den Tod mit stoischer Gelassenheit. Sein Leben ist sowieso ruiniert, denkt er.
Doch plötzlich passiert ein schwerwiegender Fehler auf dem Raumschiff. In der falschen Annahme, Mickey sei wieder gestorben, wird neben der 17. auch eine 18. Version von ihm gedruckt. Plötzlich gibt es zwei Mickeys auf dem Raumschiff – und sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Mickey 17, eher zaghaft und unterwürfig, sieht sich plötzlich der testosterongeladenen Version seiner selbst gegenüber. Mickey 18 lässt sich nicht mehr die Streiche des Missionsleiters gefallen und wirbt auch um die Freundin seines Vorgängers. Nasha ist ebenfalls nicht unglücklich darüber, neben der sensiblen Version auch den selbstbewussten Mickey bei sich zu haben. Am liebsten hätte sie beide neben sich im Bett, aber die Eifersüchteleien der Mickeys lassen das nicht zu.
Diese Rollendarstellung in „Mickey 17“ von Bong Joon-Ho veranschaulicht gut das Seiltanzen, auf dem der moderne Mann seit einigen Jahren balancieren muss – und dabei oft erschöpft abstürzt. Weichling oder Macho? Das sind die verzerrten Bilder, die seit Jahren den öffentlichen Diskurs über Männlichkeit prägen. Das Ergebnis ist dramatisch: Jungen Männern fehlen heute echte Vorbilder, die beides sind: manchmal aggressive Eroberer, manchmal sensibel und verletzlich.
Frauenfeindliche Influencer wie Andrew Tate freuen sich, weil sie immer mehr verlorene Seelen anziehen. Wie das geschehen kann, wird hoffentlich im weiteren Verlauf dieses Textes deutlich. Aber die Krise der modernen Männlichkeit lässt sich nicht mehr leugnen. Wie gnadenlos eine Radikalisierung von jungen Männern vor sich gehen kann, zeigt derzeit der Netflix-Erfolg „Adolescence“. Ein 13-jähriger Junge tötet darin eine Mitschülerin, weil er sich von ihr zurückgewiesen fühlt.
Opportunistische Männerforscher sind keine Hilfe
Das Umfeld in der Serie steht sprachlos und geschockt daneben, ohne Antworten. Auch die öffentliche Reaktion deutscher Männerforscher ist alarmierend. Misogynie nimmt zweifellos zu. Leider haben viele dieser Forscher mit ihrem opportunistischen Mantra, dass Männer generell das Problem seien, bereits einige abgeschreckt. Selbst jene, die strukturelle Probleme erkennen.
Lange war Männlichkeit eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit. Sie war einfach da, definiert durch körperliche Stärke und Leistungsfähigkeit. In den letzten Jahren wurde dieses Bild erst langsam, dann mit zunehmender Vehemenz in Frage gestellt. Herausgekommen ist aber vor allem im aufgeklärten, urbanen Milieu genau das entgegengesetzte Bild als Idealvorstellung: Der moderne Mann sollte fortan durchgehend achtsam seine Gefühle kommunizieren, stets Grenzen wahren und sich zurücknehmen. Während der Feminismus die Rolle der Frau vielfältiger und facettenreicher gedacht hat, ist hier die Diskussion über Männlichkeit oft im Schwarz-weiß stecken geblieben. Aus Schwarz wurde nur eben Weiß. Was fehlt, ist ein realistisches, praxistaugliches Bild, das auch Widersprüchlichkeiten aushält.
Warum ist es zum Beispiel so, dass auch bei Frauen auf Partnersuche – allen kognitiven Verrenkungen zum Trotz – noch das archaische Programm wirkt? Und sie (eher anekdotische Evidenz, klar) für Sex dann doch lieber den 1,90 Meter großen, breitschultrigen Mann mit exorbitantem Selbstbewusstsein wählen? Während sie sich in öffentlichen Runden empört darüber beschweren, auf ihre femininen Rollenbilder reduziert zu werden? Vielleicht waren viele Frauen auch hier nicht aufrichtig genug. Die Realität, dass Selbstgewissheit und Durchsetzungsstärke auch eine gewisse Faszination ausüben (und in der Arbeitswelt notwendig sind), wurde einfach verleugnet. Wohl aus der Angst heraus, diese Eigenschaften könnten wieder umschlagen in inadäquates Dominanzgehabe.
Allein schon das Wort Testosteron hat in den vergangenen Jahren im öffentlichen Diskurs zu Schnappatmung geführt. Was ein Wahnsinn ist, wenn man sich vorstellen würde, das weibliche Sexualhormon Östrogen würde so problematisiert werden. Aggression, mit Testosteron assoziiert, ist vollkommen verpönt. Dabei braucht es eben eine Form von Aggression, um sich gegen den Nebenbuhler durchzusetzen, einen Gegenspieler auf dem Fußballfeld abzuräumen oder eine Karriere im Job zu landen. Selbst, um in einen Apfel zu beißen, braucht es Aggression.
Zu lange wurde auf diese köchelnde Diskussion der Deckel draufgehalten, und jetzt schäumt der Topf über. Das Ergebnis ist auch auf politischer Ebene die extreme Form toxischer Männlichkeit, die so gar keine Grautöne mehr zulässt, aber dafür Unnachsichtigkeit verspricht: Donald Trump und seine MAGA-bros sind nicht aus heiterem Himmel auf die große Bühne geplumpst. Sie sind auch eine Frustrationsantwort auf eine Männlichkeit, die sich als minderwertig sieht. Männer haben schlechtere Bildungsabschlüsse als Frauen, das ist eindeutig belegt. Das liegt auch daran, dass die Schule strukturell weiblich ist. Lehrkräfte, die meisten von ihnen Frauen, honorieren eher weiblich assoziierte Eigenschaften wie Selbstdisziplin, soziale Fähigkeiten oder lernförderliche Motivation. Kurzum: Sie belohnen Verhaltensweisen, die ihnen selbst näher scheinen.
Unter Männern braucht es mehr Solidarität
All das wollte man lange Zeit nicht wahrhaben. Auch hier war die Angst zu groß, dass feministische Errungenschaften rückabgewickelt werden. In sozialen Netzwerken, Feuilletons und popkulturellen Debatten sucht man schon seit Jahren vergeblich nach einer positiven Vision von Männlichkeit. Stattdessen findet man nur stakkatoartige Aufzählungen dessen, wie Männer nicht mehr sein sollen.
Was bräuchte es also? Zunächst einmal die Anerkennung, auch wenn es wehtut, dass moderne Männlichkeit herausfordernd ist: sei sanft, aber nicht schwach. Sei durchsetzungsfähig, aber niemals dominant. Sei fürsorglich, aber bewahre deine Autonomie. Nicht jeder Mann hat so eine breite Farbpalette. Dann bräuchte es auch unter Männern – vor allem von solchen, die öffentlich in Talkshows für sie sprechen – mehr Solidarität.
Immer wieder selbstgefällig in den „Wir Männer sind das Problem“-Kanon einzustimmen, hilft nicht. Solange progressive Männlichkeitsforscher zum Beispiel auf Männer herabblicken, die gerne in Fitnessstudios ihre Körper aufpumpen oder sich messen wollen, brauchen wir sie nicht. Diese Solidarität schließt nicht aus, problematische Verhaltensweisen klar zu benennen. Die Zeit drängt. In der Mitte, zwischen all den Zerrbildern, ist eine zu große Leerstelle entstanden.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
