Viele Paare zögern, professionelle Hilfe zu suchen — Schamgefühle und die Angst vor dem Eingeständnis, die Beziehung sei gescheitert, stehen oft im Weg. Eine Berliner Paartherapeutin erklärt, warum ein frühes Gespräch oft mehr rettet als ein spätes: Paartherapie kann helfen, verlorene Verbindungen neu aufzubauen, bevor es zu spät ist.
Inga Diminstein‑Matzkuhn, systemische Paar‑ und Sexualtherapeutin, begegnet in ihrer Praxis regelmäßig dem gleichen Muster: Paare verschieben den Termin, hoffen auf eine Eigenregulierung oder fürchten das Urteil von Freunden und Verwandten. „Viele sehen den ersten Schritt als Niederlage — dabei kann er gerade verhindern, dass Probleme sich verfestigen“, sagt sie.
Warum das jetzt relevant ist: Alltagssorgen, Job‑ und Familienbelastungen führen bei vielen Beziehungen zu andauerndem Stress. Wer wartet, riskiert, dass Kommunikationsmuster so eingespielt werden, dass sie sich nur schwer verändern lassen. Frühe Interventionen erhöhen dagegen die Chance, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten.
Was Paare oft falsch einschätzen
Typische Missverständnisse über Paartherapie lassen sich in drei Punkten zusammenfassen. Erstens: Die Annahme, Therapie sei nur bei Trennungsabsicht sinnvoll. Zweitens: Die Vorstellung, der Therapeut nehme Partei. Drittens: Die Befürchtung, alles werde bis ins Detail analysiert und vorgeführt. Diminstein‑Matzkuhn räumt mit diesen Vorstellungen auf und schildert Beispiele aus ihrer Praxis, anonymisiert und verkürzt:
Ein Paar in den Dreißigern suchte Hilfe, nachdem die Kommunikation stark abrupte Reaktionen und Rückzug beinhaltete. In der Therapie lernten beide, wie sie Grundannahmen über den jeweils anderen überprüfen und kleine Verhaltensänderungen ausprobieren können.
Ein anderes Paar kam, weil Fremdgehen die Beziehung erschütterte. Ziel war nicht die sofortige Versöhnung, sondern, zunächst, die Schaffung von **emotionaler Sicherheit** und klaren Vereinbarungen darüber, wie Vertrauen wieder aufgebaut werden kann. Schritt für Schritt entstanden neue Regeln für den Alltag, die beiden halfen, wieder handlungsfähig zu werden.
- Häufige Ängste: Scham, Schuldgefühle, die Sorge, verurteilt zu werden.
- Realität in der Praxis: Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten systemisch, das heißt sie suchen nach Mustern und Lösungen, nicht nach Schuldigen.
- Wirkung: Bessere Kommunikation, realistisches Verständnis für gegenseitige Bedürfnisse und meist konkret umsetzbare Strategien für den Alltag.
Was Paare typischerweise mitnehmen
Die Ergebnisse sind selten spektakulär in einem einzigen Moment. Viel häufiger berichten Klienten von spürbaren, aber allmählichen Verbesserungen: mehr Klarheit in Gesprächen, weniger impulsive Reaktionen, und ein sichereres Gefühl, miteinander reden zu können, ohne sofort eskalierende Folgen zu befürchten.
Konkreter Nutzen, den Paare nennen:
- Werkzeuge für Konfliktgespräche (z. B. Timing, Formulierungen, Pausen).
- Transparenz über eigene Erwartungen und Bedürfnisse.
- Wiederaufbau von **Vertrauen** durch überprüfbare Vereinbarungen.
Einige Paare beenden die Therapie nach wenigen Monaten mit festen Vereinbarungen, andere nutzen sie langfristig als Unterstützung — beides ist normal und in Ordnung.
Praktische Hinweise für den ersten Schritt
Wer unsicher ist, kann zunächst ein Informationsgespräch oder eine kurze Telefonberatung vereinbaren. In vielen Praxen ist ein erstes Kennenlernen möglich, bei dem Ziele und Arbeitsweise besprochen werden, ohne sofort Therapieverpflichtung.
Wichtig ist: Therapie beginnt nicht erst, wenn alles „kaputt“ ist. Ein frühzeitiges Gespräch bietet die Chance, Konflikte in eine andere Richtung zu lenken. Für Paare, die sich fragen, ob jetzt der richtige Moment ist, gilt oft: Je früher, desto besser.
Ähnliche Artikel
- Affäre beichten: wann Offenheit der Beziehung mehr schadet als nützt
- Ehe: Wie ein Paar zwei typische Beziehungsfallen aus dem Weg räumte
- Fremdgeh-Verdacht: so sollten Paare laut Experten jetzt reagieren
- Narzissmus in Beziehungen: Eine Frage brachte Lara und Dennis an einen Wendepunkt
- ADHS in der Beziehung: praktische Alltagstipps für weniger Streit

Johanna Feldner ist Paartherapeutin und bietet praktische Ratschläge, um Beziehungen stark und harmonisch zu halten. Sie glaubt, dass Kommunikation der Schlüssel zu einer erfüllten Partnerschaft ist.
