Sexlosigkeit trifft viele: Studie offenbart Motive und Folgen

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Von : Johanna Feldner

Anonyme Szene: Tagebuch, Schuhe und Tasse in einer ruhigen Wohnecke

Etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung in PNAS rückt eine umfangreiche Analyse das Thema in den Blick: Rund ein Prozent der Erwachsenen gibt an, noch nie Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Die Studie verknüpft demografische, soziale und genetische Daten und zeigt, warum das Phänomen für Gesellschaft, Gesundheitssysteme und Forschung relevant bleibt.

Wie die Forschung zustande kam

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Amsterdam, Australien und Deutschland analysierten große Bevölkerungsdatensätze. Zentral war die britische UK Biobank mit fast 400.000 Teilnehmenden im Alter von 39 bis 73 Jahren; ergänzend nutzten die Forschenden eine australische Stichprobe von etwa 13.500 Personen (18–89 Jahre) zur Kontrolle.

Forscherteam und Computerbildschirme bei der Datenanalyse
Wissenschaftler analysierten große Bevölkerungsdatensätze wie die UK Biobank.

Die Ergebnisse, publiziert in PNAS und erstmals im September 2025 vorgestellt, sind kein Nischenbefund: Sie legen nahe, dass sexlose Lebensweisen über verschiedene Altersgruppen und Gesellschaftsschichten hinweg vorkommen — und unterschiedliche Ursachen haben.

Kernaussagen der Studie

  • Prävalenz: Circa 1 Prozent der Erwachsenen in der britischen Stichprobe berichteten, noch nie Sex gehabt zu haben.
  • Soziale Merkmale: Personen dieser Gruppe wiesen häufiger höhere Bildungsabschlüsse und bessere kognitive Testergebnisse auf, zugleich berichteten sie öfter über Einsamkeit und geringere Lebenszufriedenheit.
  • Geschlechtsspezifische Unterschiede: Männer ohne sexuelle Erfahrung zeigten häufiger verringerte körperliche Kraftwerte; regionale Geschlechterverhältnisse beeinflussten die Häufigkeit von Sexlosigkeit.
  • Genetischer Beitrag: Genetische Variationen erklärten einen messbaren Anteil der Unterschiede (etwa 17 % bei Männern, 14 % bei Frauen), ohne ein einzelnes „Jungfräulichkeits‑Gen“ zu identifizieren.
  • Kulturelle Faktoren: In der australischen Datenprobe war Religiosität insbesondere bei Frauen mit höherer Wahrscheinlichkeit verbunden.

Was das für Betroffene bedeutet

Die Analyse zeichnet kein einheitliches Bild: Manche Menschen leben bewusst sexuell enthaltsam, andere erleben unfreiwillige Isolation. Häufige Begleitmuster sind eine zurückhaltende soziale Vernetzung, weniger Substanzkonsum und vermehrt introvertierte Persönlichkeitszüge.

Allein sitzende Person an einem Fenster, Symbol für Einsamkeit
Einige Betroffene erleben unfreiwillige Isolation und Einsamkeit.

Autistische Merkmale traten gehäuft auf, zugleich wiesen genetische Zusammenhänge auf eine etwas geringere Veranlagung für Depressionen, Angststörungen und ADHS hin — ein komplexes Profil, das sich nicht ohne Weiteres in positive oder negative Kategorien pressen lässt.

Regionale und ökonomische Einflüsse

Örtliche Bedingungen spielen eine Rolle: In Regionen mit weniger Frauen berichteten Männer häufiger über fehlende sexuelle Erfahrung. Auch sozioökonomische Faktoren sind relevant — etwa höhere Einkommensungleichheit, die mit einer höheren Prävalenz zusammenfiel.

Solche Befunde zeigen, dass individuelle Lebenswege nicht nur an persönlichen Vorlieben festzumachen sind; strukturelle Rahmenbedingungen und soziale Netzwerke beeinflussen, ob Menschen eine Partnerschaft finden.

Genetik: viele kleine Effekte statt einer Erklärung

Die Forschenden betonen, dass die genetischen Ergebnisse nicht deterministisch sind. Statt eines einzigen Gens handelt es sich um zahlreiche kleine Varianten, deren Zusammenspiel statistisch mit dem Merkmal assoziiert ist. Genetik erklärt einen Teil der Varianz, aber nicht die gesamte Bandbreite der Ursachen.

Praktische Konsequenzen und offene Fragen

Warum sollte das die Öffentlichkeit interessieren? Die Befunde haben direkte Relevanz für Bereiche wie psychische Gesundheit, Präventionsarbeit und soziale Politik. Menschen, die lange sexuell unerfahren bleiben, berichten häufiger von Einsamkeit und geringerer Lebenszufriedenheit — Aspekte, die psychosoziale Versorgung und Nachbarschafts‑ sowie Bildungsangebote betreffen.

  • Forschung: Weitere Langzeitstudien sind nötig, um freiwillige und unfreiwillige Enthaltsamkeit zu unterscheiden.
  • Gesundheitssystem: Psychosoziale Unterstützung und niedrigschwellige Kontaktangebote könnten Betroffene erreichen.
  • Gesellschaft: Erkenntnisse zu regionalen Ungleichheiten und kulturellen Einflüssen sollten in Planungen zur sozialen Infrastruktur einfließen.

Der Psychologe Brendan Zietsch von der University of Queensland fasst die Auswertung so zusammen, dass die Daten eine Teilgruppe identifizieren, die sozial weniger eingebunden ist und deshalb öfter Schwierigkeiten hat, einen Sexualpartner zu finden — ein Ergebnis, das eher zur Diskussion anregen als pauschale Urteile rechtfertigen sollte.

Fazit

Sexlosigkeit betrifft zwar nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, ist aber kein rein privates Kuriosum: Die Verknüpfung von Bildung, Persönlichkeit, regionalen Bedingungen und genetischen Faktoren macht das Thema zu einem mehrdimensionalen Forschungsfeld mit konkreten gesellschaftlichen Implikationen. Ob es sich um bewusste Lebensentscheidungen oder unfreiwillige Isolation handelt, bleibt in vielen Fällen ungeklärt — und ist eine der zentralen Fragen für künftige Studien.

Hinweis: Die hier dargestellte Studie erschien erstmals im September 2025 in PNAS.

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