„Trotz des ganzen Wahnsinns, den ich erlebt habe, bin ich noch ziemlich gut in Form“
Er ist als das Enfant terrible bekannt und zählt zu den herausragenden deutschen Schauspielern. Nun feiert Ben Becker seinen 60. Geburtstag und geht mit einer Totenpredigt auf Tour. Ein Dialog über das Älterwerden, Exzesse und Weihnachten mit Bruno Ganz sowie sein Idol Keith Richards.
Ben Becker kommt direkt vom Training, seine roten Haare sind noch nass vom Duschen. Mindestens dreimal pro Woche verbringt er eine Stunde im Berliner Fitnessstudio, wo er an einem Sandsack trainiert. Boxen war schon immer seine Lieblingssportart, erklärt er, als er zum Interview in der berühmten „Paris Bar“ eintrifft. Das Boxen helfe ihm, sich nach einer kürzlichen Knieoperation schnell wieder in Form zu bringen. Ohne diese anstrengenden Trainingseinheiten würde ihm etwas Wesentliches in seinem abenteuerreichen Leben fehlen. Das gilt gleichermaßen für die Schauspielerei, die ihm bereits in die Wiege gelegt wurde. Ob Mutter, Vater, Stiefvater oder Schwester – alle waren oder sind noch immer auf Theaterbühnen oder vor der Kamera aktiv.
Zurzeit fasziniert Becker das Publikum in ganz Deutschland in der Rolle des englischen Dichters und Geistlichen John Donne mit einer Bühnenadaption von dessen metaphysischem Werk „Todesduell“. In dieser berühmten Predigt beschrieb der schwer kranke Donne 1639 in London vor König Charles I. das Leben als ein Duell mit dem Tod. Beckers Tochter Lilith, 24, die ihr Modestudium in Mailand abgeschlossen hat, übernimmt die Rolle des Engels. Ihr Vater schwärmt von ihrer unglaublichen Ausstrahlung.
Bevor unser Gespräch beginnt, bestellt sich Becker einen Weißwein, stilles Wasser und sechs Austern. In seinem Alter müsse man sich etwas gönnen, sagt der Schauspieler mit seiner tiefen, rauen Stimme. Am 19. Dezember wird das Multitalent 60 Jahre alt – und für diesen besonderen Geburtstag hat er etwas Besonderes geplant.
WELT: Herr Becker, „Der Himmel über Berlin“ – wie oft haben Sie diesen Kultfilm von Wim Wenders gesehen?
Ben Becker: Sehr oft. Ich habe den Film wirklich verinnerlicht. Natürlich auch, weil mein Stiefvater Otto Sander neben Bruno Ganz eine Hauptrolle spielte. Ich war oft bei den Dreharbeiten dabei und hatte vorher noch nie ein so großes Filmset gesehen. Einmal ging ich zu Willem Dafoe in seinen Trailer, um ein Autogramm zu erbitten. Er signierte auf einem Magazin mit Elvis Presley auf dem Cover: „Für Ben – Ich bin nicht Elvis, aber trotzdem …“
WELT: Hat sich daraus mehr entwickelt?
Becker: Ein Jahr später besuchte ich Dafoe tatsächlich in New York, und er führte mich ins legendäre CBGB in der Bowery. Er kaufte Bier für uns an der Bar. Ich stand staunend da und sah Joey Ramone und Iggy Pop, die vor der Bühne mit Henry Rollins tanzten. Ich fühlte mich angekommen und kehrte erst zwei Tage später nach Hause zurück (lacht). Danke, Wim!
WELT: Kannten Sie durch Wenders auch Bruno Ganz? Der Schweizer Schauspielstar verstarb am 16. Februar 2019.
Becker: Nein, Bruno Ganz kannte ich, solange ich denken kann. Ich erinnere mich, dass ich das erste Mal allein ohne meine Eltern, aber mit Bruno in einem Flugzeug saß und fürchterlich schrie. Die schönsten Weihnachten wechselten sich bei uns zu Hause oder bei Familie Ganz ab. Und ich verbrachte viele Urlaube mit seinem Sohn. (Becker zeigt auf ein Tattoo mit zwei gekreuzten Federn, aus einer davon tropft Blut. Über den Federn steht „Bruno Ganz, R.I.P.“) Am Tag, als ich von Brunos Tod erfuhr, ging ich spontan in ein Tattoo-Studio und ließ es mir stechen. Bruno war ein Teil meiner Jugend.
WELT: Und Wim Wenders – was schätzen Sie besonders an ihm?
Becker: Seine Fähigkeit, Geschichten mit Bildern zu erzählen. Staunend wie ein kleines Kind. Sein Staunen anderen mitzuteilen, sodass er uns auf seine unvergessliche und einzigartige Reise mitnimmt, wie die Szene mit Nastassja Kinski und Harry Dean Stanton in der Peep-Show.
WELT: Aus dem Film „Paris, Texas“, für den Wenders 1984 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.
Becker: Das ist einfach bewegendes, großes, schönes Kino! Diese Szene hat damals aber auch für Ärger gesorgt. Macht nichts: Wenn man den Drang hat, Geschichten zu erzählen, dann sollte man das tun und nicht darüber nachdenken, ob jemand das Bild, das du gemalt hast, schlecht findet (denkt nach). Wissen Sie, ich wäre eigentlich lieber Rockstar geworden. Dann wäre ich noch freier gewesen, könnte ein nonkonformistisches Leben führen und trotzdem richtig Geld verdienen. Das ist als Schauspieler verdammt schwierig, gerade in Deutschland. Wenn du hier Geld verdienen willst, musst du auch viel Scheiße fressen oder einfach machen. Ich habe mich für die Kunst entschieden.
WELT: Was meinen Sie mit nonkonformistischem Leben und „viel Scheiße fressen“?
Becker: Wenn ich anfinge, darüber zu reden, würden wir heute nicht mehr fertig werden, also lassen Sie es bitte so stehen. Otto Sander sagte einmal zu mir: „Du bist eigentlich gar kein Schauspieler, du bist ein Macher.“ Es hat lange gedauert, bis ich das kapiert habe, aber letztlich hatte er irgendwie recht. Und so schlug ich einen anderen, weiter gefächerten Weg ein.
WELT: Was heißt das?
Becker: Nehmen wir meine Solovorstellungen, in denen ich mich Nischenthemen widme. Mir wurde immer wieder davon abgeraten, zumindest kommerziell gedacht: „Das kannst du nicht machen, damit kommst du nicht durch.“ Aber gerade solche Ratschläge wecken meinen Ehrgeiz. Ich erzähle einfach in aller Ehrlich- und Ernsthaftigkeit Geschichten, die mich interessieren. Immer wieder zurück zu meiner Interpretation von Punk. Ich bin nun mal ein wenig eigenwillig.
WELT: Ein wenig ist gut. In Ihrer über 40-jährigen Karriere wurde Ihre künstlerische Vielseitigkeit mit viel Lobgesängen bedacht, es gab aber auch Abgesänge wegen diversen Eskapaden in Form von Handgreiflichkeiten, Strafbefehlen oder Drogenexzessen.
Becker: Keith Richards war immer ein Vorbild. Ich habe tatsächlich wenig ausgelassen. Das war auch in Ordnung und für mich immer Mittel zu Zweck. Für all den durchlebten Wahnsinn bin ich zum Glück immer noch ganz gut beieinander. „Kaputt, aber geht noch“, meinte Klaas Heufer-Umlauf über mich in einer seiner Shows. „Am Arsch hängt der Hammer, beim Dachdecker links“, sage ich. Meine Zeiten der Eskapaden sind vorbei.
Über die Person:
Ben Becker, geboren am 19. Dezember 1964 in Bremen, Sohn des Schauspielerehepaars Monika Hansen und Rolf Becker, machte sich als Schauspieler, Sänger und Kinderbuchautor einen Namen. Nach der Scheidung seiner Eltern 1971 heiratete seine Mutter den Schauspieler Otto Sander. 1974 zog die Familie mit Schwester Meret nach West-Berlin. Schon als Kind übernahm Becker Film- und Synchronrollen. 1987 schloss er seine Schauspielausbildung in Bremen ab. Über zeitweilige Drogenprobleme schrieb er in seiner Autobiografie „Na und, ich tanze“.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
