Artikeltyp:Meinung
Jeder Mensch hat Wert
Während unser Autor nach dem Einkauf heimkehrt, sieht er einen Mann, der Nahrung aus dessen Mülltonne nimmt – ein ungewöhnlicher Anblick in der wohlhabenden deutschen Kleinstadt.
Als ich 16 Jahre alt war, reiste ich mit meiner Mutter von unserem ruhigen Dorf in Franken nach New York. Ich erinnere mich noch lebhaft an die Landung, das orangefarbene Abendlicht im September, den Trump Tower, das Dakota Building und den Central Park.
Aber was mich als Kind vom Land am meisten beeindruckte, war ein Afroamerikaner, der vor mir stand und um Geld bat. Seine Kleidung bestand aus einem schwarzen Müllsack, in den er Löcher für Arme und Kopf geschnitten hatte.
Zwar hatte ich schon früher Bettler gesehen – in Bonn, in Nürnberg, und auch in Erlangen, wo ich jetzt wieder lebe, gab es einen Mann, der immer denselben Wollpullover trug und laut fluchte. Man munkelte, er sei einst Mathematikprofessor gewesen. Doch der Mann mit der Mülltüte in New York blieb mir unvergesslich. Ohne Schuhe, ohne Hose, nur mit dieser Tüte bekleidet, war er ein lebendiges Symbol für Menschen, die von anderen wie Patrick Bateman aus dem Roman „American Psycho“ als wertlos angesehen werden.
Heute kehre ich vom Einkaufen zurück. Ich lebe in Erlangen, einer kleinen Stadt in Mittelfranken, wo das Durchschnittsgehalt zu den höchsten in Deutschland zählt. Als ich meine Einkäufe ins Haus bringe, sehe ich einen Mann auf einem niedrigen Zaun sitzen. Seine Haut ist von der Sonne gebräunt, sein Bart verwildert, und er hat Sommersprossen. Neben ihm liegen ein Rucksack, eine Isomatte und drei überfüllte Tüten.
Die Überreste meines Mülls sind sein Abendessen. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen, denken oder schreiben soll, was irgendwie intelligent, menschlich oder besonders wäre. In diesem Moment bin ich auch unsicher, wie ich handeln soll. Soll ich ihn ansprechen? Aber wäre das nicht auch ein Eingriff in seine Privatsphäre? Sollte ich ihm einfach etwas aus meinen Tüten geben?
In Berlin wurde ich einmal am Hauptbahnhof nach Bargeld gefragt. Ich hatte keins dabei, bot aber ein noch verpacktes Sandwich, eine Cola und Zigaretten an, die ich mit Karte bezahlt hatte. Als ich sie ihm anbot, schrie mich der Mann an, was mir einfalle, ihm mein „verdammtes Brot und die Cola“ zu geben. Auch deshalb handle ich heute nicht. Manchmal gibt es kein richtig oder falsch, denke ich. Und so bleibt mir nur zu schreiben, dass es mir unendlich leid tut. Kein Mensch ist Müll. Und niemand sollte so leben müssen.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.