Autismus bei Frauen: 5 unsichtbare Symptome, die Sie kennen müssen!

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Von : Elina Kreuzer

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In unserer Gesellschaft besteht ein Mangel an Wissen über Autismus bei Frauen, teilweise bedingt durch eine lange Vernachlässigung in der Forschung

Anzeichen von Autismus bei erwachsenen Frauen: Fünf oft übersehene Symptome und deren Gründe

Die Vorstellung, dass jede Person mit Autismus nur gerade Anzahlen von Erbsen isst oder exzellent in Mathe ist, entspringt Stereotypen aus Filmen und Serien wie „Rain Man“ oder „The Good Doctor“. Diese Darstellungen bilden nur einen Bruchteil des Autismus-Spektrums ab und beziehen sich kaum auf Frauen.

Die Unterrepräsentation von Frauen mit Autismus beschränkt sich nicht nur auf die Popkultur, sondern ist auch in der medizinischen Forschung ein Problem (Stichwort: „Gender-Health-Gap“). Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Frauen lange Zeit nicht erkennen, dass ihre Wahrnehmung der Umwelt sich deutlich von der Norm unterscheidet.

Soziale Medien leisten wichtige Aufklärungsarbeit über Autismus bei Frauen, bergen jedoch auch Risiken für Fehlinformationen

Zum Glück widmen sich mittlerweile immer mehr Forschungseinrichtungen dem Thema Autismus bei Frauen, und es gibt zunehmend spezialisierte Diagnosemöglichkeiten. Auf sozialen Medien teilen Content-Creator:innen ihre Erfahrungen und Erkenntnisse über ihre Symptome und Diagnosewege, was vielen autistischen Frauen erstmals eine adäquate Repräsentation bietet. Jedoch ist auf Social Media auch viel Platz für Fehlinformationen, wie verschiedene Studien zeigen.

Umso bedeutender ist es, dass auch abseits von sozialen Medien über das Thema berichtet wird, in Zusammenarbeit mit Expert:innen. Für diesen Artikel haben wir Gespräche mit den Autismus-Expertinnen Dr. Sarah Quaratella und Dr. Michelle Gorenstein-Holtzman geführt und Dr. Jessica Stern gebeten, die Aussagen der Expertinnen im Nachhinein zu überprüfen.

Bevor wir jedoch tiefer in die spezifischen Symptome von Autismus bei erwachsenen Frauen eintauchen, klären wir zunächst einige Grundlagen.

Was versteht man unter Autismus?

Autismus ist eine Form der Neurodiversität, ähnlich wie ADHS. Das bedeutet, dass das Gehirn von Menschen im Autismus-Spektrum anders funktioniert als das von neurotypischen Menschen, weshalb Autismus auch als neurologische Differenz klassifiziert wird.

Bei manchen autistischen Personen, insbesondere bei Männern, manifestiert sich die Störung bereits im frühen Kindesalter durch eine besondere Art der sozialen Interaktion oder Kommunikation, die sich von anderen Kindern unterscheidet.

Früher unterschied man häufig zwischen „frühkindlichem Autismus“, „Asperger-Syndrom“ und „atypischem Autismus“, doch mittlerweile distanzieren sich viele Expert:innen und Betroffene von diesen starren Kategorien. Heute spricht man meist von einer „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASD), da man erkannt hat, dass es viele Zwischenformen gibt.

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Warum äußert sich Autismus bei Frauen anders als bei Männern?

Bei Jungen und Männern zeigt sich Autismus oft in stereotyper und klar erkennbarer Form, was die Alltagsbehinderung schnell sichtbar macht, etwa durch Schwierigkeiten in der Kommunikation oder häufige Überreizungszusammenbrüche. Bei Frauen manifestiert sich Autismus anders, aus verschiedenen Gründen: Zum einen wird Frauen eine höhere soziale Anpassungsfähigkeit zugeschrieben, was bedeutet, dass sie ihre Symptome früher und besser maskieren können. Zum anderen werden sie in unserer patriarchalischen Gesellschaft oft dazu erzogen, sich möglichst „unauffällig“ zu verhalten, wohingegen Jungen mehr Freiheiten in ihrem Verhalten zugestanden werden („Boys will be Boys“).

Fünf häufig übersehene Autismus-Symptome bei erwachsenen Frauen – laut Expertinnen

Gerade im sogenannten „hochfunktionalen Bereich“ des Spektrums werden autistische Frauen oft übersehen. Doch es gibt deutliche Anzeichen, die erkennbar werden, wenn man sich intensiver mit sich selbst oder anderen beschäftigt.

1. „Soziale Interaktionen sind für Sie eine enorme Herausforderung“

„Wenn Sie Autistin sind, kann es schwierig sein, soziale Signale zu interpretieren, sich in Gesprächen zurechtzufinden, Augenkontakt zu halten oder Freundschaften zu schließen. Das liegt daran, dass Menschen mit ASD soziale Informationen anders verarbeiten“, erklärt Dr. Sarah Quaratella. Wie sich das im Alltag zeigt, kann jedoch sehr unterschiedlich sein. Einige Autistinnen haben Schwierigkeiten, bestimmte sprachliche Nuancen wie Sarkasmus zu verstehen, während andere damit keine Probleme haben, jedoch Small Talk als unerträglich empfinden. Wieder andere sind extrem ehrlich oder tun sich schwer damit, selbst harmlose Notlügen zu verwenden.

Große Menschenansammlungen und Veranstaltungen, bei denen viele soziale Regeln beachtet werden müssen, wie Geburtstagsfeiern, stellen eine besondere Herausforderung für autistische Frauen dar. Autistinnen, die ihre Symptome gut maskieren („high masking“), können solche Ereignisse zwar oft ohne größere Probleme überstehen, erleben danach aber möglicherweise ein tiefes emotionales Tief und benötigen viel Ruhe, um sich von der sozialen Interaktion zu erholen.

Insgesamt neigen Autistinnen dazu, eher wenige, dafür aber intensive Kontakte zu pflegen und suchen sich oft (bewusst oder unbewusst) Freund:innen, die ebenfalls neurodivergent sind.

2. „Sie investieren extrem viel Zeit und Energie in Ihre Interessen“

Jeder hat Hobbys, aber Menschen mit Autismus neigen dazu, sich besonders intensiv in ihre Interessen zu vertiefen. Dabei kann es sich um Nischenthemen handeln. Wer denkt, dass sich alle Autist:innen für Züge interessieren oder Steine sammeln, liegt jedoch falsch. „Special Interests“ bei Autist:innen können von Fantasy über Astrophysik bis hin zu Psychologie reichen. Gerade das letztgenannte Spezialinteresse ist bei Autistinnen interessant, da ihr Interesse an Psychologie und menschlichem Verhalten ihnen helfen kann, ihre eigenen Symptome besser zu maskieren, indem sie etwa das Verhalten neurotypischer Menschen nachahmen („mirroring“). Interessanterweise kann auch das Thema Autismus selbst zu einem Spezialinteresse werden.

3. „Sie sind überempfindlich gegenüber Licht, Geräuschen, Texturen und Gerüchen“

Wenn Sie Autismus haben, verarbeitet Ihr Gehirn sensorische Reize anders. Das kann bedeuten, dass Kleidungsetiketten unerträglich jucken, helles, flackerndes Licht beunruhigend ist oder ein Hauch von billigem Parfum in der Luft Sie komplett von Ihrem Gesprächspartner ablenkt. „Ein kleiner sensorischer Input kann eine große Wirkung im Inneren haben“, sagt Dr. Gorenstein-Holtzman. Auf der anderen Seite suchen viele Autist:innen gezielt bestimmte Reize, um sich selbst zu regulieren, wie etwa den Druck einer beschwerten Decke oder die Vibration lauter Musik. Hier zeigt sich wieder, warum der Begriff „Spektrum“ so wichtig ist. Ein Reiz, der für die eine Autistin unerträglich ist (zum Beispiel extreme Trockenheit), kann für eine andere, die vor allem Probleme mit Feuchtigkeit hat, kein Problem darstellen.

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Entscheidend dafür, dass es sich um ein Symptom für Autismus handelt und nicht einfach um ein allgemeines Unwohlsein, ist die Intensität des Gefühls und wie stark es den Alltag beeinträchtigt.

4. „Routine und Vorhersehbarkeit sind Ihnen sehr wichtig“

„Als Autistin haben Sie eine sehr genaue oder starre Vorstellung davon, wie Ihr Tag (oder Ihr Leben!) verlaufen soll, und geraten in Stress, wenn sich das plötzlich ändert. Vielleicht bringen Veränderungen in letzter Minute Ihre Routine durcheinander, stressen Sie und hindern Sie daran, Ihren Tag zu bewältigen“, erklärt Dr. Quaratella. Das kann im Alltag ganz unterschiedlich aussehen: Ihre Freund:innen entscheiden in letzter Minute, das Restaurant für das Abendessen zu wechseln, obwohl Sie sich schon intensiv mit der Speisekarte des ursprünglichen Restaurants beschäftigt hatten, oder Ihre Mutter besucht Sie und räumt den Kühlschrank anders ein, als Sie es gewohnt sind.

Obwohl auch nicht-autistische Menschen Routinen mögen können, ist es wiederum die Intensität der emotionalen Reaktion und die Fähigkeit, sich an Veränderungen anzupassen, die darauf hinweisen, ob es sich um ein Anzeichen von Autismus handelt.

5. „Sie fühlen sich oft sehr niedergeschlagen oder angespannt“

„Angstzustände und Depressionen sind keine direkten Symptome von Autismus, aber viele Erwachsene erleben sie gleichzeitig“, sagt Dr. Gorenstein-Holtzman. Sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden, die unausgesprochene Regeln darüber hat, wie man sich zu verhalten hat und wie man in Gesprächen reagieren sollte, kann für Autistinnen sehr anstrengend und entmündigend sein.

„Autistinnen verbrauchen viel mehr geistige Ressourcen, um ihren Tag zu überstehen“, fügt Dr. Gorenstein-Holtzman hinzu. Einige Studien deuten darauf hin, dass die Sorge, in Arbeitssituationen oder im Gespräch mit Freund:innen oder Familienmitgliedern falsch zu reagieren, zu einem tiefen Gefühl von Einsamkeit bei Autist:innen führen kann.

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Verdacht auf Autismus? Das können Sie tun

Wichtig ist: Für eine Diagnose der Autismus-Spektrum-Störung müssen mehrere der oben genannten Symptome zutreffen. Ist das der Fall und man möchte der Sache auf den Grund gehen, kann man sich einigen Selbsttests unterziehen. Aber bitte nicht auf einer zufälligen Internetseite, sondern bei seriösen Einrichtungen, die mit Fachpersonal zusammenarbeiten, wie dem Raadstest, oder die von universitären Forschungsgruppen entwickelt werden, wie an der Universität Innsbruck.

Ein Gespräch mit einem Psychologen oder Psychiater zum Thema kann ebenfalls sinnvoll sein, etwa über mögliche Übungen und Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern könnten, oder über soziale Mechanismen und medikamentöse Behandlungsoptionen. Psychologen und Psychiater können entweder selbst eine Diagnose durchführen oder an einen Spezialisten für Autismus-Diagnostik verweisen. Ein Hinweis: Derzeit sind viele Diagnostikzentren für gesetzlich Versicherte überlastet, und es kann zu langen Wartezeiten kommen. Wer eine Diagnose auf Selbstzahlerbasis anstrebt, hat oft mehr Optionen.

Muss ich eine Diagnose machen lassen, wenn ich Autismus bei mir vermute?

Kurz gesagt: natürlich nicht. Allein das Auseinandersetzen mit den eigenen Symptomen und das bewusstere Erleben des Alltags und/oder der Austausch mit anderen Autist:innen kann bereits eine große Erleichterung bringen.

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