Seit über fünf Jahrzehnten liefert die Unterhaltungskünstlerin Cher immer wieder angenehme Überraschungen. Es gibt kaum Teile ihres Körpers, die sie nicht öffentlich präsentiert hat, und vermutlich ebenso wenige, die nicht von Chirurgen bearbeitet wurden (wobei man sich da nie sicher sein kann). Ihr aktueller Lebensgefährte ist der 40 Jahre jüngere Musikproduzent Alexander Edwards. Sie hat bis zum biblischen Alter von 77 Jahren gewartet, bevor sie ein Weihnachtsalbum veröffentlichte. Noch ein Jahr länger zögerte sie ihren Auftritt bei Victoria’s Secret hinaus. Und man muss es anerkennen, sie war eine Vorreiterin des Vocoder-Gesangs, ohne den moderner Pop undenkbar wäre. Und jetzt das.
Derzeit macht sie Werbung für die Liefer-App UberEats. Sie bestellt eine Zeitmaschine, um sich zurück in die 1980er Jahre zu versetzen, als „If I Could Turn Back Time“ einer ihrer größten Hits war. Doch anstelle dessen landet sie im 17. Jahrhundert, wird von einer zahnlosen Bäuerin angefeindet und anschließend als Hexe verbrannt. Das Fazit des Werbespots: Man kann fast alles bestellen, aber eine Zeitmaschine besser nicht. Der Clip dauert nur eine Minute, fühlt sich jedoch viel länger an. Man wartet irgendwie fassungslos darauf, ob noch eine Pointe oder eine Wendung kommt, doch nein: Es ist wie ein missglückter Witz, der noch einmal erklärt wird, wobei der Erzähler sich in der Erklärung verheddert, zwei Witze durcheinanderbringt und von vorn beginnen muss.
Früher, und ich bemühe mich, dies das einzige „früher“ in dieser Kolumne zu lassen, hätte der Verantwortliche in der Werbeagentur dieses Drehbuch seinem Praktikanten wortlos zurückgegeben und ihn für die nächsten zehn Jahre zum Kaffeekochen verdonnert. Das waren die längst vergangenen Zeiten, in denen Werbung als Kunstform zelebriert wurde und die Programmkinos die im Rahmen der Filmfestspiele ausgezeichneten Werbefilme als „Cannes“-Rolle präsentierten. Heute ist das undenkbar.
Ein anderer Clip für ein mir entfallenes Produkt strapaziert ebenfalls die Nerven der Zuschauer: Ein Mann schwingt sich schreiend und halb nackt durch die Luft, während ihn eine kräftige Frau begehrt. Das ist beleidigend gegenüber Dicken, frauenfeindlich und humorlos. Das kann kein Zufall sein. Gleiches gilt für den redundanten Harry-meets-Sally-Spot für eine Mayonaisemarke (Stichwort: vorgetäuschter Orgasmus) oder den altersschwachen Auftritt von Harrison Ford im Schottenrock für die Whiskey-Marke Glenmorangie.
Nein, das sind keine misslungenen Kampagnen, sie sind Zeugnisse einer neuen Ära. Auf Plattformen wie TikTok oder Instagram benötigt man kein ausgefeiltes Skript oder eine geschliffene Pointe. Das Unperfekte und Hingeworfene ist der neue Standard. Darin liegt eine interessante Botschaft: In unserer Zeit kann jeder die Massen erreichen. Eine Hexenverbrennung genügt. Das Fazit des Cher/UberEats-Spots lautet: Keine Zeitmaschine, ja zu Thymian. Für solch eine Erkenntnis setzt sich auch ein altes Schlachtross noch einmal auf ein Kanonenrohr.
Nachdem unser Kolumnist Adriano Sack lange über seinen Hund Jack berichtet hat, widmet er sich in seiner Kolumne „Smile“ nun einem neuen Thema: dem Lachen.