Mit Vorschlaghammer, Baseballschläger und Brecheisen lassen sie die Wut raus
Zugriff auf Vorschlaghammer und Mobiliar in die Brüche gehen lassen – wo ist das schon erlaubt? In sogenannten „Rage Rooms“, die erstaunlicherweise zu 70 Prozent von Frauen, von Kindergärtnerinnen bis zu Seniorinnen, genutzt werden.
An einem Samstagnachmittag betreten Aaliyha Paulsen und Tim Riechmann einen fensterlosen Raum im vierten Stock eines alten Bunkers in Hattingen im Ruhrgebiet. Ausgestattet sind sie mit Schutzanzügen und Helmen. Der Raum ist gefüllt mit ausgemusterten Gegenständen: ein Mountainbike, zwei Waschmaschinen, ein Heizkörper, Elektroschrott, ein Bürostuhl und haufenweise Geschirr. Während des Zweiten Weltkriegs war auf der fünften Etage eine Flak-Stellung untergebracht. Man sagt, dass der obere Teil des Bunkers sich einmal kurz gehoben und dann wieder abgesetzt hat – ein Ort also, der dafür gemacht ist, rohen Kräften standzuhalten.
Genau aus diesem Grund sind die beiden 21-Jährigen, die aus Kassel stammen und verlobt sind, hier. Sie verbinden ein Handy mit den Deckenlautsprechern und lassen Punkrock ertönen. Paulsen, eine selbstständige Kosmetikerin, greift sich einen Vorschlaghammer, während Riechmann, der eine Ausbildung zum Steuerbeamten macht, einen Baseballschläger wählt. Dann beginnen sie, das Mobiliar zu zerschlagen.
„Rage Room“ – so heißt dieser Ort. Die Idee ist einfach: Man bezahlt dafür, in einer sicheren Umgebung nach Herzenslust Dinge kaputtzuschlagen. Es ist eine Gelegenheit, die Wut ohne negative Konsequenzen freizulassen. In Finnland sind solche Räume weit verbreitet, in Deutschland gibt es hingegen nur drei: in Berlin, Karlsruhe und eben in Hattingen.
Dirk Jaresch, 65 Jahre alt und Leiter des „Rage Rooms“ in Hattingen, sagt, dass seine Kunden meist zwischen Anfang 20 und Mitte 40 alt sind und aus verschiedenen sozialen Schichten kommen. Seine älteste Kundin war 70 Jahre alt und konnte immer noch kräftig zuschlagen. „Und wie!“, fügt er hinzu.
Einmal kam eine Psychotherapeutin mehrmals mit einem Patienten vorbei. Eine Ärztin äußerte scherzhaft nach einem Besuch: „Könnte ich das doch verschreiben!“ Eine Gruppe von Kolleginnen aus derselben Firma brachte Fotos von Personen mit, auf die sie wütend waren, und klebte sie auf die Gegenstände, bevor sie darauf einschlugen.
Jaresch berichtet, dass etwa 70 Prozent seiner Kunden Frauen sind, darunter Kindergärtnerinnen, Krankenschwestern und Lehrerinnen. Der Unterschied im Umgang mit Wut zwischen Männern und Frauen? „Frauen gehen überlegter, strukturierter vor. Männer denken manchmal, es sei hilfreich, den Vorschlaghammer quer durch den Raum zu werfen“, erklärt Jaresch. Was seine Kunden verbindet: „Danach sind alle erschöpft, aber glücklich.“ Neben dem Vorschlaghammer und dem Baseballschläger stehen auch Brecheisen, Stahlrohre und Fäustel zur Auswahl.
Vor Betreten des Wutraums beschrieb sich Tim Riechmann als eher ruhigen Typ, während seine Verlobte ein völlig anderes Temperament hat. Auf einem großen Bildschirm im Vorraum kann man die Zerstörungsarbeit des Paares live verfolgen. Aus den Boxen dröhnen Klänge von Yungblud, Machine Gun Kelly, Ikkimel und SXTN – Rock, Pop, Punk und feministischer Hip-Hop. Paulsen, schlank gebaut, schlägt deutlich öfter zu als ihr Verlobter. Sie schreit auf, tanzt und macht den Wutraum zur Tanzfläche. Riechmann, kräftig gebaut, geht behutsamer vor und wirft manchmal nur eine Porzellantasse gegen die Wand.
Nach einer kurzen Pause – ein Zimmer zu verwüsten ist anstrengend und ein echtes Workout – erklärt Paulsen, dass man als zivilisierter Mensch im Alltag oft zurückstecken müsse, was dazu führe, dass sich Wut aufstaue. Zum Abbau dieser Wut hört sie dann Musik – genau die, die jetzt im Wutraum läuft.
Die Wurzel des Problems
Der Kölner Kulturpsychologe und Psychoanalytiker Nicola Sahhar erklärt, dass Wut entsteht, weil wir „vorwärtsgerichtet“ leben. Wir machen Pläne und stellen Erwartungen an die Zukunft. Kommt uns etwas in die Quere, werden wir wütend. Wut ist daher kein schlechtes, sondern ein ganz normales und unvermeidliches Gefühl. Ein Besuch im Wutraum, um Dampf abzulassen, zeugt laut Sahhar von Klugheit, vielleicht sogar von moralischer Überlegenheit.
Das japanische Marktforschungsunternehmen Global Information berichtet, dass der Markt für „Anger Rooms“ wächst. Der weltweite Umsatz betrug 2023 knapp 200 Millionen Dollar und soll bis 2030 auf etwa 315 Millionen ansteigen. Dirk Jaresch erwägt, einen zweiten Standort zu eröffnen, da sein Einzugsgebiet momentan riesig ist. „Material wird uns nicht so schnell ausgehen“, sagt er. Das Einrichten und Aufräumen des Raums dauert weniger als 60 Minuten.
Nach 45 Minuten ist für Aaliyha Paulsen und Tim Riechmann Schluss mit der Zerstörungsorgie. Der Raum ist ein Schlachtfeld, durchsetzt mit Staub und Trümmern. Das Paar ist erschöpft, aber glücklich. Paulsen hatte schon lange von einem Besuch in einem Rage Room geträumt, und der heutige Tag, an dem sie Geburtstag hat, war Riechmanns Überraschungsgeschenk für sie. Der Plan für den Rest des Geburtstags? Eigentlich wollten sie essen gehen, doch das muss warten – erstmal müssen sie wieder trocken werden. In der Randalezentrale kann man zwar seine Wut loswerden, aber duschen kann man dort nicht.
Ähnliche Artikel
- Superloyal und glamourös: Die gnadenlosen Frauen im Trump-Kabinett
- Matcha Latte & Sally Rooney: Spielen Frauen nur den Feminismus vor?
- Prinzessin Kate blondiert: Neuer Trend im Umgang mit grauen Haaren!
- Männer und Böller: Ein Rätsel, das Frauen nie lösen werden!
- Ü70-DJ-Kollektiv erobert die Szene: Riesenandrang und bebender Saal!

Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.