Der Trend zurück zu analogen Uhren unter jungen Menschen
Junge Generationen besinnen sich wieder auf das Analoge: Die traditionelle Armbanduhr erlebt ein Revival. Statt ständiger Nachrichten und Updates stehen nun Stil, Handwerkskunst und Langlebigkeit im Vordergrund. Ein Phänomen, das paradoxerweise durch die Smartwatch eingeleitet wurde.
Wer stellt die Uhren zurück? Es sind junge Menschen, die erneut auf analoge Armbanduhren setzen, komplett mit Zeigern und Zifferblatt, ob batteriebetrieben oder zum Aufziehen.
Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer des Handelsverbands Juweliere, beobachtet diesen Trend und erklärt ihn durch die Einführung der Smartwatch. Als die Apple Watch 2015 erschien, wurde das Tragen von Uhren unter jungen Menschen wieder beliebter. „Es musste wieder in den Köpfen verankert werden“, erklärt Dünkelmann.
Smartwatches wurden zwar ein Erfolg, doch viele junge Nutzerinnen und Nutzer bemerkten bald, dass alle Modelle ähnlich aussahen. „Seien wir ehrlich, Smartwatches sind optisch so trist wie weiße Teslas, die mehr an Stormtrooper erinnern als an Autos“, so ein junger Trendsetter.
Kein Wunder also, dass junge Leute ihre Eltern mit teuren Wünschen plagen, denn analoge Uhren strahlen eine handwerkliche Aura aus, die einen Unterschied macht, den Smartwatches nicht bieten können.
Lockerer Austausch mit Gleichgesinnten
Alexander Kaiser, geboren 1983 und Webdesigner mit einem eigenen Studio in Köln, gründete 2023 den Uhrenclub „Kaliber“. Der Clubname leitet sich von einem in Uhrenkreisen geläufigen Begriff für das Uhrwerk ab.
Der Club zielt nicht darauf ab, mit Luxusartikeln zu prahlen, sondern bietet eine Plattform für lockeren Austausch, Geselligkeit und Veranstaltungen mit Gleichgesinnten, ohne Schwellenangst. „Der exklusive Uhrenclub, ganz ohne Schnörkel“, so die Website.
Kaiser berichtet, dass das Interesse an analogen Uhren während der Corona-Pandemie gewachsen sei. Er selbst besitzt etwa 50 Modelle und gilt als einer der größten Sammler von Chopard-Uhren in Deutschland. Während der Pandemie, als plötzlich viel Zeit zur Verfügung stand, vertieften viele ihr Wissen über Uhren, vorzugsweise über Luxusmodelle.
Der Andrang auf bestimmte Modelle war laut Kaiser enorm. Für manche Uhren entstanden lange Wartelisten, ähnlich wie einst in der DDR für einen Trabi.
Im Jahr 2022 brachte der Swatch-Konzern, zu dem Omega gehört, eine erschwingliche Version der legendären Omega Speedmaster Moonwatch auf den Markt. Während das Original bei etwa 6000 Euro beginnt, ist die Swatch-Version bereits für rund 300 Euro erhältlich. Ein cleverer Marketingzug, der junge Leute vor den Swatch-Geschäften Schlange stehen ließ.
Die Social-Media-Plattformen tragen dazu bei, solche Trends schnell zu verbreiten. Wenn dann Ende 2023 ein Hip-Hop-Idol wie Travis Scott eine Kooperation mit Audemars Piguet eingeht – Teil der sogenannten heiligen Dreifaltigkeit der Uhrenbranche –, ist der Trend nicht mehr aufzuhalten.
Das Interesse, das US-Schauspielerin und Emmy-Gewinnerin Zendaya, Jahrgang 1996, an Rolex zeigt – sie besitzt eine kleine Sammlung – verstärkt diesen Trend zusätzlich.
Eine neu entdeckte Leidenschaft
Nach dem Ende der Pandemie ist der Umsatz mit Uhren laut dem Handelsverband Juweliere zwar bundesweit leicht gesunken – auf 1,22 Milliarden Euro (2024) nach 1,25 im Vorjahr. Doch der Markt bleibt auf einem hohen Niveau und ist sogar immer noch deutlich höher als im Pandemiejahr 2020 (1,07 Milliarden).
Dennoch spiegeln diese Zahlen nur eine Seite der Medaille wider. Die andere ist die zunehmende Begeisterung junger Menschen für analoge Uhren. Verkaufszahlen speziell für diese Altersgruppe liegen noch nicht vor, würden aber wahrscheinlich nicht die volle Wahrheit zeigen.
Viele junge Uhrenfans haben ihre Zeitmesser vielleicht nicht selbst gekauft, sondern haben sie als Erbstücke von ihren Großeltern erhalten. Tatsache ist, dass die Anfragen von jungen Leuten, Mitglied in Kaisers Uhrenclub zu werden, stetig zunehmen, wie er berichtet.
Inzwischen hat sich der Club, der aktuell 100 Mitglieder zählt (Alter: 20 bis 65, Männerquote: 95 Prozent), einen Aufnahmestopp verordnet. Während man sich anfangs noch problemlos als Mitglied registrieren lassen konnte, ist jetzt eine Bewerbung erforderlich. Dies geschieht auch aus Sicherheitsgründen, da viele Clubmitglieder Uhren im Wert eines kleinen Vermögens tragen.
In einer immer digitaleren Welt ist eine greifbare, analoge Technik ein willkommener Gegenpol
Dass junge Menschen sich wieder für analoge Uhren interessieren, könnte auch mit einer Sehnsucht nach Beständigkeit zusammenhängen. Eine analoge Uhr kann ein Leben lang halten und wird nicht als Wegwerfprodukt angesehen.
Zudem benötigen sie keine ständigen Updates. Vielleicht entspricht das auch einem Bedürfnis nach Eskapismus – dem Wunsch, für einen Moment der Realität mit ihren vielen schlechten Nachrichten zu entfliehen. Eine Analoguhr wird uns nie mit Push-Nachrichten über Katastrophen bombardieren.
„In einer immer digitaleren Welt ist eine greifbare, analoge Technik ein willkommener Gegenpol“, erklärt Albert Fischer, Präsident des Zentralverbands für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik. Die Präzision und Funktion einer mechanischen Uhr könne man „sehen, anfassen und auch hören – ganz ohne Prozessor, Netzzugang und Strom“.
Es ist also höchste Zeit, die Rolle der Zeitmesser neu zu betrachten. Es eröffnen sich sogar berufliche Perspektiven: Im Handwerk und im Verkauf in Juwelierläden werden gut ausgebildete Fachkräfte dringend gesucht. Zurzeit, so sagt Fischer, gehen mehr Uhrmacher in Rente, als neue ausgebildet werden.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.
