Der gallische Krieger unter den Automobillegenden
Der R5 könnte als das motorisierte Pendant zu Asterix betrachtet werden: klein, aber in der Lage, erstaunliche Dinge zu vollbringen. Selbst sein neuester elektrischer Antrieb scheint seinen kämpferischen Geist nicht zu zähmen.
Ob die Entwickler in Dieppe in den 1980er Jahren die Abenteuer von Asterix kannten, ist ungewiss. Immerhin waren sie damals voll damit beschäftigt, sich als erstklassiges Formel-1-Team zu etablieren.
Doch irgendwie scheint der Geist der gallischen Helden in den Entwicklern von Dieppe gelebt zu haben, und sie müssen wohl auch Zugang zu einem geheimen Vorrat von Miraculix‘ Zaubertrank gehabt haben. Wie sonst könnten sie den R5 in den ultimativen „Hot Hatch“ verwandelt haben? Als „kleiner Freund“ beworben und einer der meistverkauften Autos Frankreichs aller Zeiten, wurde der charmante Kleinwagen 1980 in einen wilden R5 Turbo verwandelt. Während die Deutschen sich mit dem 110 PS starken Golf GTI brüsten konnten, holten die Franzosen aus dem kleinen Flitzer beeindruckende 160 PS heraus und machten ihn zu einem ernstzunehmenden Sportwagen.
Dazu mussten sie allerdings grundlegender vorgehen als ihre deutschen Kollegen. Sie installierten nicht nur zum ersten Mal bei einem französischen Serienfahrzeug einen Turbo. Vor allem verlagerten sie den 1,6-Liter-Motor aus Platzgründen vom Vorder- in den Heckbereich, entfernten dafür die Rückbank und verbreiterten die Kotflügel um 20 Zentimeter. Wie durch einen Zaubertrank verwandelt, wurde der R5 zu einem kraftstrotzenden Kleinwagen, der sich als Poster in den Kinderzimmern der PS-begeisterten Jugend neben Bravo-Starschnitten und weichgezeichneten Halbnacktbildern von David Hamilton einen Platz sicherte.
Die Franzosen trieben es mit dem R5 Turbo ziemlich wild und schickten ihn sogar mit über 400 PS auf die Rallye-Pisten. Und selbst in der Straßenversion fühlte es sich ein wenig so an, als würde man in einer Concorde sitzen, wenn der Kleinwagen die damals für ein solches Fahrzeug kaum vorstellbaren 200 km/h erreichte. Doch irgendwann übernahmen die Controller das Ruder, die Klimasorgen wurden immer drängender, und Renault sperrte die Flaschen mit dem Zaubertrank erst einmal weg. Beim Clio erlebten sie kurz vor der Jahrtausendwende eine Art Rückfall, übertrieben es erneut und bauten wieder einen Heckmotor ein. Dieser hatte sogar sechs Zylinder und kam – als hätten sie sich von „Asterix bei den Briten“ inspirieren lassen – von einem englischen Rennstall, Tom Walkinshaw. Sie senkten das Fahrzeug ab, verbreiterten es und streckten es. Vor allem aber entlockten sie dem V6-Motor 256 PS, was damals atemberaubende 250 km/h ermöglichte. Aber auch das liegt mittlerweile fast ein Vierteljahrhundert zurück.
Doch vorbei bedeutet nicht vergessen. Ganz im Gegenteil. Denn so, wie unter der Ägide von Uderzo und Goscinny regelmäßig neue Asterix-Bände erscheinen, haben die Sportenthusiasten bei Renault jetzt doch noch einmal den Tresor geöffnet und ein wenig von ihrem Zaubertrank herausgeholt.
Kaum war der R5 2024 als elektrischer Kleinwagen zurückgekehrt und hatte mit seinem Charme erneut die Herzen der Stadtbewohner erobert, peppten sie ihn mit einigen Tropfen des – in diesem Fall – elektrischen Elixiers zum Alpine A290 auf. Mit seinen maximal 220 statt der üblichen 150 PS ist der Stadtflitzer heute zwar kein Traumwagen mehr, da Leistung durch den Elektroantrieb fast schon inflationär geworden ist. Aber er sieht etwas frecher und kühner aus als sein braver Bruder – und vor allem hat er intern offenbar die Begeisterung für einen wilden und daher würdigen Nachfolger des R5 Turbo geweckt. Einen, der am Zaubertrank nicht nur nippt, sondern ihn in einem Zug hinunterschluckt. Einen wie den R5 Turbo 3E, der sich gerade für den Serienstart im Frühjahr 2027 aufwärmt.
Wie beim Alpine A290 wird das Elixier hier nicht auf einem Benzinbrenner, sondern in einem elektrischen Thermomix gekocht. Doch das Rezept bleibt gleich: reichlich Leistung und vor allem eine gehörige Portion Wahnsinn. Die zwei E-Motoren des R5 Turbo 3E leisten beeindruckende 555 PS, der Sprint von 0 auf 100 km/h dauert nur 3,5 Sekunden, und erst bei 270 km/h ist Schluss. Und damit der wie ein Bodybuilder aufgepumpte Rennwagen vollends zum Sturm wird, gibt es eine entsprechende Handbremse am langen Hebel und zahlreiche elektrische Drifthilfen.
Eines sollte man jedoch beachten: der Preis. War der R5 Turbo schon damals kein Schnäppchen, so steht jetzt etwa eine Summe von 160.000 Euro auf der Rechnung. Auch die Gebrauchtwagenportale im Netz oder die Kleinanzeigen in der Tageszeitung bieten keinen Trost: Das Original wird teilweise sogar für 200.000 Euro gehandelt.
Kurz vor der Veröffentlichung seines neuesten Abenteuers „Asterix in Lusitanien“, das am 23. Oktober erscheint, gibt es eine Weltpremiere: eine ganze Ausgabe der WELT AM SONNTAG, die ausschließlich mit Bildern von Albert Uderzo und seinem Nachfolger Didier Conrad illustriert ist. In dieser Ausgabe finden Leser die gewohnte Mischung aus Nachrichten, Analysen und Unterhaltung, aber auch Geschichten, die selbst die trägesten Bewohner eines gallischen Dorfes interessieren könnten.
Sie können diese besondere Ausgabe der WELT AM SONNTAG, ein Sammlerstück, hier bestellen.
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Larissa Vogler ist Kulturjournalistin mit einer Leidenschaft für Filme, Serien und Shows. Sie liebt es, unentdeckte Perlen aufzuspüren und ihre Leser mit neuen Ideen zu begeistern.