Als ihre Tochter ihr sagte, sie wolle später „so sein wie Mama“, löste das bei Sexologin Sonja Ruess kein reines Glücksgefühl aus, sondern einen Moment der Selbsterkenntnis. Für Ruess war das ein Wendepunkt: Plötzlich stellte sie sich die Frage, ob ihre eigene Lebensweise wirklich das beste Vorbild für ein selbstbestimmtes Frausein ist — eine Frage, die für viele Eltern heute hochaktuell ist.
Ruess berichtet, dass ihr erster Reflex eher ablehnend als stolz war. Nicht, weil sie ihre Kinder nicht liebt, sondern weil sie in sich Muster erkannte, die sie ihren Töchtern nicht weitergeben wollte: wenig Selbstvertrauen, Distanz zur eigenen Körperlichkeit und ein eingeschränktes Verhältnis zu Lust und Nähe.
Warum das Thema jetzt Bedeutung hat
Eltern stehen heute unter einem doppelten Druck: Beruf, Familie und gesellschaftliche Erwartungen formen ein Umfeld, in dem persönliche Bedürfnisse oft hinten anstehen. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, wie entscheidend frühe Vorbilder für die Entwicklung von Identität, Selbstwert und Beziehungsfähigkeit sind.
Die Debatte um sexuelle Bildung, emotionale Gesundheit und Gleichberechtigung macht das Thema öffentlich relevant: Wenn Mütter und Väter eigene Unsicherheiten offen bearbeiten, hat das direkte Folgen für die nächste Generation.
Was Ruess konkret verändert hat
Ihr Vorgehen war weniger radikal als konsequent. Statt Perfektion setzte sie auf kleine, beständige Änderungen im Alltag: ehrliche Gespräche über Gefühle, aktiv gelebte Grenzen und mehr Sichtbarkeit ihrer eigenen Bedürfnisse. Für sie wurde deutlich, dass Vorbild sein nicht bedeutet, keine Fehler zu haben — sondern Verantwortung für das eigene Wachstum zu übernehmen.
Diese Haltung überträgt sich auf Kinder: Wer beobachtet, wie Eltern für sich einstehen, lernt, dass Selbstachtung und Partnerschaftsfähigkeit zusammengehören.
Konkrete Schritte für Eltern
- Offene Sprache über Körper und Gefühle statt Tabuisierung — altersgerecht und wiederkehrend.
- Grenzen zeigen und respektieren: Kinder lernen durch Beobachtung, was Konsens und Nein bedeuten.
- Selbstfürsorge vorleben: Kleine Auszeiten, therapeutische Begleitung oder Gespräche mit Freund:innen signalisieren, dass die eigenen Bedürfnisse ernst genommen werden dürfen.
- Rollenbilder hinterfragen: Bewusstes Reflektieren tradierter Erwartungen gegenüber Mädchen und Jungen reduziert den Druck, bestimmte Muster zu reproduzieren.
- Fehler zulassen: Statt Perfektionismus zu vermitteln, zeigt die ehrliche Auseinandersetzung mit eigenen Grenzen, wie Resilienz entsteht.
- Professionelle Unterstützung nutzen: Sexualberater:innen, Paartherapie oder Elternkurse können Orientierung geben, wenn Unsicherheiten tiefer liegen.
Diese Maßnahmen sind praktisch umsetzbar und wirken kumulativ: Wer regelmäßig an der eigenen Haltung arbeitet, verändert langfristig das Klima im Familienalltag.
Worin der Nutzen für Kinder liegt
Kinder, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem Bedürfnisse, Grenzen und Lust nicht verschwiegen werden, entwickeln häufig ein stärkeres Selbstbild und gesündere Beziehungsfertigkeiten. Ruess betont, dass es weniger um einzelne Lektionen geht als um eine gelebte Haltung — Präsenz statt Perfektion.
Für Leserinnen und Leser bedeutet das: Schon kleine Veränderungen im Verhalten können spürbare Auswirkungen auf das emotionale Wohlbefinden der Kinder haben und ihnen mehr Selbstbestimmung ermöglichen.
Die zentrale Botschaft von Sonja Ruess ist deshalb pragmatisch und nüchtern zugleich: Wer ein freieres, selbstbewussteres Leben vorlebt, schafft die besten Voraussetzungen, damit die eigene Tochter oder der eigene Sohn später kraftvoll und zufrieden handeln kann.
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Johanna Feldner ist Paartherapeutin und bietet praktische Ratschläge, um Beziehungen stark und harmonisch zu halten. Sie glaubt, dass Kommunikation der Schlüssel zu einer erfüllten Partnerschaft ist.
